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Folge, wider ihren Willen, die grössten Dienste geleistet, indem er ihre Güter, unter Mitwirkung einiger seiner bewährtesten Freunde, durch Scheinkäufe grösstenteils rettete und ihnen von Zeit zu Zeit einen teil der Einkünfte, mit grosser persönlicher Gefahr, übersendete. Für jetzt konnte er für die geliebte Schwester nichts weiter tun, als dass er ihr die Vergünstigung auswirkte, nach England zu gehen, wohin er ihr Pässe verschaffte. Victor besorgte, durch die Handelsverhältnisse seines väterlichen Hauses, eine schnelle und bequeme Überfahrt, ebenso Anweisung bedeutender Summen auf Londoner Häuser. So wurde Deine gute Mutter, wider ihren Willen und mit einer grausamen Eile, wie die Umstände sie forderten, aus ihrem vaterland und aus den Armen ihres kaum wiedergefundenen Bruders gerissen. Kaum hatte sie den engländischen Boden betreten, als ihre Niederkunft herannahete und sie Deinen Bruder Louis gebar. Die Revolution ging nun ihren raschen gang. Mein Vater und sein Freund schwammen in Seligkeit, alle die Träume ihrer früheren Jünglingstage in die Wirklichkeit heraustreten zu sehen. Beschlüsse wurden gefasst, Grundsätze wurden aufgestellt, welche die Bewunderung der Welt erregten. Europa sah eine herrliche Morgenröte aufglühen, und der grössere teil seiner Bewohner jauchzte ihr entgegen. arme Sterbliche! ihr hättet bedenken sollen, was schon die Erfahrung den Landmann lehrt, dass das hochflammende Rot im Osten auf einen schwülen Gewittertag deutet. Das ganze Heer menschlicher Leidenschaften mischte sich ins Spiel und verfälschte die reine Begeisterung, welche das grosse Werk begonnen. Die edlen unter den Volksführern befanden sich in der Lage des Sisyphus, der Stein rollte wieder bergab, wenn sie ihn bis zur Höhe gewälzt zu haben glaubten, und viele wurden von seinem gewaltsamen Sturz zerschmettert. Mein Vater redete und handelte mutig für seine Überzeugung, aber er sah mit Schmerz, dass das begonnene Werk nicht nach seinem sanften edlen Sinne zu beendigen sei. Er hatte in seiner grossen Seele der Menschheit einen höheren Grad der Reife zugetraut als er jetzt fand. Mirabeau starb, die Jakobiner organisierten sich, und die Parteien fingen an, sich zu bekämpfen. Der Hof und das Ausland trieben ihr finsteres Spiel und verwirrten die geheimen Fäden des Gewebes so künstlich, dass man bei den meisten unglaublichen Begebnissen nicht mit Gewissheit sagen konnte, von welcher Seite die wirksamsten Schläge gekommen. Sicher hätte dessenungeachtet mein Vater den Kampf nicht gescheut; doch meine Mutter zitterte für den teuern, schon einmal verlorenen Gatten. Sie beschwor ihn täglich, diesen unsichern Schauplatz zu verlassen und sie zurückzuführen in ihre glückliche Heimat. Er konnte auf die Länge ihren Tränen nicht widerstehen; auch zog ihn die sorge für seine verlassenen Anlagen und für das Wohl seiner Bauern zurück nach Chaumerive; Victor blieb in Paris. Sein Feuergeist fand sich am rand des Vulkans in seinem Elemente.

In Chaumerive legte nun mein Vater alle Auszeichnungen seines Standes völlig ab. Die Wappen wurden überall abgenommen, die Livreen abgeschafft. Man richtete sich bequem, aber sehr einfach ein. Mein Vater versammelte die sämtlichen Bewohner, nannte sie seine guten Freunde und Nachbarn, erklärte sich ganz für ihresgleichen und bat sie, ihn nie mehr gnädiger Herr, sondern schlechtweg Bürger zu nennen. Die guten Leute erstaunten, doch waren sie schon an einen hohen Grad von Leutseligkeit und Gleichheitssinn bei meinem Vater gewöhnt und liebten ihn nun nur um so stärker. Sie legten ihm Rechenschaft ab von ihrem Haushalt während seiner Abwesenheit. Sie hatten seine Äcker, gleich den ihrigen, bestellt und den Ertrag gewissenhaft bewahrt. Mein Vater bezeigte ihnen seine lebhafte Dankbarkeit, und die guten Menschen glaubten sich ihm verpflichtet. Es knüpften sich die schönen Bande der gegenseitigen Liebe und des Vertrauens immer fester und trotzten allen nachfolgenden Stürmen der Zeit. So unruhvoll und blutig auch die folgenden Jahre für Frankreich gewesen sind, mein friedliches Tal, die Wiege meiner Kindheit, ist, dank der Sinnesart meines guten Vaters! immer so ruhig und glücklich geblieben, als läge es auf einer Insel des Stillen Ozeans.

Der benachbarte Adel nannte ihn anfangs einen Tollhäusler und wich ihm aus; späterhin hielt er ihn für einen Schlaukopf und suchte oft seine Vermittelung. Erkannt haben ihn nur wenige; man hielt für Klugheit, was nur Vernunft und Gefühl war. In dieser schönen Umgebung, an der Hand der Liebe, ging ich meine ersten Schritte, hier wurde mein Geist sich seiner bewusst. Meine Eltern machten zu meiner Erziehung keine künstlichen Anstalten, man überliess mich der natur und dem guten Beispiele. Liebe, die zärtlichste, aufopferndste Liebe umgab mich und erzeugte in mir tiefes, reges Gefühl. Mein Geist bedurfte keines Sporns, er entwickelte sich überaus frühzeitig und schaffte sich Nahrung. Ich lernte fast von selbst lesen, in einem Alter, wo andere Kinder kaum einige Worte im Zusammenhange aussprechen. Meine Mutter schaffte mir Puppen an und anderes Spielgerät, ich wusste eben nichts damit anzufangen und warf es bald beiseite, traurig fragend: "Was soll Virginia nun machen?" Meine Mutter begriff diese Eigenheit nicht und verlor oft die Geduld. Mein Vater erhielt, durch einen Zufall, ein altes Werk, welches meine kindische Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war eine Weltgeschichte, durchweg in Kupfern bildlich dargestellt, der Text daneben in veraltetem, doch kräftigem Stil. Ich besah eifrig die wirklich schönen Kupfer und verlangte ihre Erklärung; meine Mutter verstand sich wenig darauf und fertigte mich mit Auslegungen ab, welche sie für mein Alter passend glaubte, die mir aber nicht genügten. Ich wendete mich an meinen Vater, und dieser erklärte mir die Bilder einfach, aber wahr. Ich hing