von dem leitenden Bande seiner Mutter natur! Uns, vor allem Mucius und mich, Dupont und Zephyrinen, ziehen die griechischen Lebensformen mächtig an; es waren die Sitten unserer Ahnen, Abkömmlinge jener Messenier, welche Marseille gründeten; wie jeder Provenzale es mit geheimem Stolze rühmt, hat jede Erinnerung an sie einen namenlosen Reiz für uns. Es ist unsere Lieblingsunterhaltung, die älteren griechischen Dichter und Prosaisten zu lesen, welche Mucius meisterhaft und aus dem Stegreif übersetzt; mit ihnen haben wir die kurze Zeit des leichten Winters sehr angenehm ausgefüllt. Selten kam mein Ossian an die Reihe, obschon die meisten der übrigen ihn besonders lieben, weil sie ihn ohne Auslegung verstehen. Auch bei mir steht er noch in hohem Werte, wenngleich meine Stimmung mich seltener zu ihm hinzieht. Ossian ist der Sänger der Schwermut, und rings um mich her herrscht heitere Lebensfreude. In die Lete versenkt sind die Bilder der düstern Vergangenheit, eine neue Sonne, ein neues Dasein ist für uns alle aufgegangen. Mag Europa nun schnitzeln und künsteln an seinen Formen, wir haben sie von uns geworfen, mit e i n e m mutigen Wurf; und wie auch die Verwirrung herrsche, uns berührt sie nicht. arme Adele, könnte ich doch Dich hierher retten! aber auch nur Dich allein. Ich fürchte immer, auch Du wirst ein Opfer tyrannischer Willkür. Wärst Du nicht in Europa, ich würde selten dahin denken, denn ich denke ungern an das dortige Getreibe. Alles, was ich wieder von dort vernommen habe, ist nicht beruhigend; der grosse Streit ist noch nicht abgeschlossen, lange, lange noch nicht, er kann noch Menschenalter überdauern. Furchtbare Krämpfe erschütterten die kreissende Welt, aber es erfolgte eine unzeitige Geburt; das wirkliche Götterkind liegt noch tief verborgen im Schosse der Mutter, neue stärkere Wehen werden es einst an das Tageslicht fördern. Wann? das steht im buch des mächtigen Schicksals. Wehe dem armen Geschlechte, welches als Geburtshelfer um die Kreissende steht! aber auch Heil dem, welches um die Wiege des Neugeborenen tanzt! Junges, kräftiges Leben entwickelt sich aus Zerstörung und Tod, das ist der Trostgedanke für das untergehende Geschlecht; der blick in die Zukunft kann allein den sinkenden Mut erheben. Ach, nicht jeder vermag über die Spanne seiner Zeit und seines Raums hinwegzublicken, und der Sohn des Staubes zerstäubt mit ihm; nur der Geist, welcher sich eins fühlt mit dem Unendlichen, wird ewig sein mit dem Ewigen, er sieht im Heute schon das Morgen, und die kleinlichen Sorgen der Gegenwart berühren nur sein irdisches teil, hinüber schwingt er sich unter die Palmen des ewigen Friedens! Uns Lieblingen des Schicksals säuseln schon hienieden jene friedlichen Palmen, uns säuselt der delphische Lorbeerhain. Oh, meine Adele, könnte ich Dich einführen unter ihren erquickenden Schatten! Deinen Namen tragen die glatten Stämme der weissen Birken und Buchen und des blühenden Tulpenbaumes, am Ohio, am Kentucky und am Schawanoe; Deinen teuren Namen ruft mir stündlich mein zahmer Papagei zu und lehrt ihn seinen wilden Brüdern, wenn er mit mir durch die Haine hüpft; Deinen Namen wird mein Leo stammeln, sobald er "Vater" rufen kann. Oh, könntest Du meine freundlichen Haine sehen und meinen Knaben segnen! Tue es in der Ferne, meine Adele, so wie wir Dich segnen, mein Mucius und ich. Zephyrine und Philippine grüssen Dich, erstere als Landsmännin, letztere, weil ich sie oft mit Dir verglich, Ellison grüsst Dich vor allen. Er hat den Vorteil, Dich zu kennen, und stimmt oft in meinen Wunsch ein, Du möchtest eine der Unsern werden; Du seist vor allen wert, sagt er, unser wiedergefundenes Eden zu schmücken, doch, wo Du auch lebst, Du trägst es in Deiner Brust. Lass es Dir nimmer rauben, nimmer Dein besseres Gefühl ertöten vom Pestauche der Selbstsucht und der kleinlichen Eitelkeit. Dein Wahlspruch sei Wahrheit und Gerechtigkeit, so bist Du der Kolonie von Kentucky verbündet.
Lebe wohl im Geräusch Deiner Welt! Vergiss nicht die sorge für die armen Bewohner von Chaumerive. Noch einmal empfehle ich sie dem Herzen Deiner guten Mutter. Lass die Blumen um das Grab der Meinigen nicht ganz ersterben. Oh, dass mein Vater, dass Emil nicht auch dort unter begrünten Hügeln ruhen! Auch ihnen lege, jeden Sommer, Kränze der Erinnerung auf der Mutter Grab; vielleicht, dass Dir dort mein Geist einmal freundlich begegnet.
Dort wuchs ich auf unter den Heldenbildern der Griechenwelt, hier am Kentucky schliesse ich einst lächelnd mein Auge, von den Lebensbildern jener Unschuldswelt umflattert. Lebe wohl! Lebe wohl, meine Adele! Friede mit Dir! Friede mit der ganzen Welt!
Deine Virginia.