es eine beneidenswertere Lage als die unsere? Oh, ich möchte der ganzen gepressten Welt zurufen: Flüchtet euch in die Wildnisse von Amerika! Nur am Mississippi, am Missouri, in den Wäldern von Louisiana wohnt der Friede, lächelt das Glück. Aber das Gemüt dafür muss man mitbringen, Kenntnisse und Tätigkeit, dann findet man sein Eden hier oder nirgends. Wir haben erfahren, dass ein grosser teil unserer Landsleute nach diesem Weltteil sich gewendet hat und dass Joseph Napoleon willens ist, nahe bei Baltimore eine Stadt zu gründen. Ja, ja, die Trojaner flohen aus ihren brennenden Mauern nach mehreren Gegenden hin, aber nur Äneas rettete die Heiligtümer aus den prasselnden Flammen und barg sie in Silvius' dunklen, nächtlichen Hain. Lass mir den kühnen Gedanken: Mucius und seine Freunde sind jener Äneas mit seinen gefährten, das Schicksal gefällt sich in solcher Wiederholung. Hierher, in die Wälder von Kentucky retteten wir unsere Götterbilder; werden sie einst, wie Trojas Götter, ein grosses, freies und hochherziges Volk verbinden? Oh, du Ewiger über den Sternen, wir hoffen es! Josephs Stadt wird nie ein Rom werden; man wird darin Schauspielhäuser und Kirchen bauen, Kaffeehäuser und Tanzsäle errichten, kokettieren, kabalieren, scheinen, schmeicheln und repräsentieren, wie ehemals! Die grossen Lehren der Zeit gehen an diesem Geschlechte verloren; fern von uns jede Gemeinschaft mit demselben! Selbst Napoleon, der bewundernswerte, würde in unserm Freistaate sehr unwillkommen sein; einmal vom Taumelkelche der herrschaft berauscht, taugt schwerlich jemals ein Mensch auf dem platz des harmlosen Bürgers. Er, der Feuergeist, war dazu geschaffen, ein in wilde Parteien zerspaltenes Volk zu vereinen und zu halten, ja die Erde unter eine Alleinherrschaft zu bringen; in einen wahren Freistaat passt er nicht. Vielleicht hätte er einst den Frieden der Welt und die Vereinigung der Völker, auf einem andern Wege, herbeigeführt. Lange glaubte ich, diesen Plan des Schicksals in dem Laufe der Dinge zu sehen, doch plötzlich verwandelt sich das Weltteater, und noch lässt sich nichts Bestimmtes über den Inhalt des nächsten Akts sagen, der Knoten ist von neuem geschürzt und die entwicklung weiter hinausgeschoben. Aber meine Wünsche, unsere Wünsche, sind dieselben geblieben, Friede und Freiheit der Welt, Wahrheit und Gerechtigkeit herrschend und das physische Dasein auch dem Letzten der Sterblichen, ohne harte Sorgen und Not, gesichert. Wir mussten diesen Wünschen, diesen Hoffnungen einen andern Stützpunkt geben, um nicht mit hinabgezogen zu werden in dem allgemeinen Untergang. Wir fanden ihn, verzeihe dem kühnen Gedanken, wir suchten ihn wenigstens in der Kolonie von Kentucky. Kultur, mit Sitteneinfalt im Bunde, sollten hier, in der Verborgenheit, ein Geschlecht grossziehen, welches vielleicht einst den Völkern zum Vorbilde und Vereinigungspunkte dienen könnte. Das mächtige Troja fiel unter den vereinten Kräften der Griechen, aber Äneas rettete die Schutzgötter des Reichs, er und seine jungen gefährten gründeten Alba und bargen die Heiligtümer in seinen dichtverwachsenen Hainen. Das schwache Häuflein wuchs, seine Urenkel erbauten die Siebenhügelstadt, und heilbringend zogen die Götter ihrer Ahnen bei ihnen ein. Solange i h r Dienst noch unentweiht bestand, war Rom glücklich und gross.
Wehe, auch das grosse, auch das glückliche Rom versank! Woran mahnt mich diese Erinnerung des ewigen Wechsels! Wird denn die Entwicklung des Menschengeschlechts ewig den Kreislauf gehen, sein Zustand niemals Dauer erhalten? Werden die Blätter der geschichte ewig vergebens für uns geschrieben sein? Verzweifeln würde ich, müsste ich dies als unwandelbares Gesetz anerkennen, ich kann, ich will es nicht denken. Eine köstliche Frucht bedarf lange Zeit zu ihrer Reife. Rauhe Stürme streiften ihre Blüten ab, lange liegt sie in harter Schale verborgen, mitten in den Ungewittern, sie hat die Fröste der Nacht und den sengenden Strahl des Mittags überdauert, aber an der milden Sonne des Herbstes wird sie die Schale öffnen, und der süsse Kern dringt gezeitigt hervor. Möge er lange dauern, der Herbst! Wir haben gestern ein freundliches fest gefeiert, Humphrys Hochzeit mit einem sanften deutschen Mädchen. Wir führten, in feierlichem Aufzuge, das mit Myrten und Rosen gekränzte Brautpaar zum Tempel. Sie wechselten am Altar die Ringe und sprachen laut den Schwur der ewigen Treue; die Eltern der Braut segneten sie, und wir alle beteten für ihr Glück. Ein frohes Mahl unter den Platanen vereinte die ganze Kolonie; der Becher ging fleissig umher, und mancher herzliche Trinkspruch wurde ausgebracht. Wir haben dabei des Heils unsrer europäischen Brüder nicht vergessen; auch auf Deine Gesundheit wurde der Becher geleert. Der Tanz, welchen unsre Neger besonders leidenschaftlich lieben, dauerte bis spät in die Nacht, und erst gegen Morgen wurden die Neuvermählten, trotz Mondenlicht und Frührotsschimmer, mit fackeln zu ihrer neuen wohnung geführt. Es gewährte einen eigenen, schönen Anblick, wie der Zug, bei dem hellen Fackelschein, durch das lange Tal wallte und wie das Licht die Baumgruppen erhellte und dann neue Schatten warf. Es ist wieder ein schöner Vorwurf für Pinellis Kunst, welche er fleissig übt. Humphrys wohnung liegt im deutschen dorf, eine Viertelstunde von hier. Sobald die Vermählten die kammer betraten, wurden die fackeln an der Schwelle des Hauses gelöscht, man rief "Hymen! Hymenäus!", und der ganze Zug ging zu seinen Häusern zurück.
Kindliche Nachahmungen altgriechischer Sitten, wie schmeicheln sie die Phantasie in jenes schöne Zeitalter hinüber, wo das Menschliche mit dem Göttlichen noch verschwistert war, wo der dünkelvolle Erdensohn sich noch nicht losgerissen hatte