der unsrigen, sie haben aber dieselben Rechte, über die ihrige zu entscheiden als wir über die unsere, und kein Streit darf je deshalb zwischen ihnen und uns entstehen. Man wird unsere harmlose Friedlichkeit ehren, die Denkart der Nachbaren ist edel. Es ist kaum glaublich, dass unsre Männer jemals gezwungen werden sollten, unsern rechtmässig erworbenen Boden, mit den Waffen in der Hand, zu verteidigen. Geschähe es aber, so würde der Sieg gewiss auf unserer, auf der Seite des stengsten Rechtes sein, und Mut und Geschicklichkeit unserer Männer würde ihn zu fesseln wissen. Wahrheit und Gerechtigkeit sind die Hauptgrundsätze unserer einfachen Moral; ihre Ausübung wird, durch unsere Lebensweise, unseren Kindern so notwendig sein als das Atemholen. Wahrheit und Gerechtigkeit, diese einzig sicheren Stützen des häuslichen und des gesellschaftlichen Glücks, können nur unter dem Schutze der Freiheit vollkommen gedeihen! Sieh, meine Adele, so denken, so leben wir. Ihr werdet wohl etwas mitleidig lächeln, wenn Ihr in Gedanken das einfache Gewand unserer Republikanerinnen mit Euren Modekleidern vergleichet, aber wir tauschen nicht; unser Klima fordert nicht mehr, und mit welchem geringen Aufwand und mit wie wenig Mühe sind wir gekleidet. Die kunstreiche Nadel ruhet darum nicht ganz, wir verzieren mit ihrer hülfe zuweilen den Saum der Gewänder, doch in der Hauptsache darf nichts geändert werden; wir wollen nur keine Kunstfertigkeit untergehen lassen, so wie unsere Männer darauf bedacht sind, jede Wissenschaft zu pflegen. Wir haben uns einmal vorgesetzt, die grosse Aufgabe zu lösen, Kultur mit Sitteneinfalt auf das engste zu verbinden; wie und ob wir das grosse Ziel erreichen werden, darüber wird ein künftiges Jahrhundert entscheiden. fest richten wir den blick auf das Wohlsein künftiger Geschlechter, säen mutig den Samen dazu in den Schoss der Zeit, und Gott sieht gewiss wohlgefällig auf unsern redlichen Willen, auf unsern heiligen Eifer herab. Die Reiseanstalten sind vollendet, ich muss diese Blätter schliessen. So lebe denn wohl, meine traute Adele! Der Himmel überschütte Dich mit soviel Glückseligkeit, als Dein gärendes Europa, Dein mit sich selbst zerfallenes Frankreich Dir nur bieten kann. Gedenke meiner oft, Du Gute! Du kannst es ohne Sorgen um mein Geschick. Freundlich lächelt mir die lange Zukunft entgegen, wie mich jede Morgensonne freundlich begrüsst. Nur in Kentuckys Hainen säuselt ewiger Friede, nur am Schawanoe herrscht süsse Ruhe. Oh, lebte mein hochherziger Vater, lebte mein guter Emil mit uns unter diesen Palmen, kein Seufzer würde jemals meinen Busen heben! Doch sie wandeln unter den himmlischen Palmen und harren freundlich auf uns. Mucius, mein teurer Mucius, ist mir Ersatz für alles! Er grüsst Dich tausendmal, der herrliche Mensch. O könnte ich ihn Dir so ganz schildern, wie er ist! so gross und hehr, so lieb und gut. Er trägt das Schicksal einer Welt in seiner Brust und ist doch nur Gatte, nur Freund; an Geist vielleicht der Erste unter unseren gefährten, ist er der Bescheidenste, von allen geliebt. Und dieser seltene Mensch ist mein! Fühle die Seligkeit, welche in dem Gedanken liegt. Ich muss nur schnell siegeln, damit Mucius diese Worte nicht liest; er ist dem Stolze so feind, dass es ihn schmerzen würde, der Gegenstand des meinigen zu sein. Lebe wohl, Adele! Tausendmal lebe wohl! Übers Jahr erhältst Du wieder frohe Botschaft von Deiner
Virginia.
Eldorado in Kentucky. Im Julius 1817
Sei mir gegrüsst, Freundin meines Herzens! Du, in deren Busen ich ehemals meine Klagen ergoss, nimm jetzt das Überströmen meines Entzückens mit gleicher Teilnahme auf. Der glückliche bedarf des Ohres eines Freundes mehr als der Unglückliche, denn wohl lässt vernimm denn die Wiederholung alles dessen, was mich in dem Zeitraume dieses Jahres beseligte. Im ganzen ist mein Leben eine fortlaufende Kette von glücklichen Tagen, nur wenige darunter zeichnen sich durch ein wichtiges Ereignis aus. Unter diesen sind wohl die denkwürdigsten diejenigen, wo unserer Republik junge Bürger geboren wurden. Ja, meine Adele, ich wiege einen lieblichen Knaben auf meinem Schosse, Mucius' Ebenbild, welcher mit diesem kind zum kind wird. Aus meinen Armen geht es in die seinigen; er forscht in dem kleinen gesicht nach Ähnlichkeiten von mir, ich will, es soll ihm ähneln, und dies gibt die einzige Veranlassung zu kleinen, freundlichen Streitigkeiten zwischen uns. Ausser unserm Knaben sind noch achtzehn Kinder im Laufe des Maimonats geboren, nämlich vier von den Negern, sechs in dem deutschen dorf, acht bei uns, soviel Knaben als Mädchen, unsere Hausmütterchen erwarten in einigen Monaten ihre zweite Niederkunft. Das wird ein Leben werden in der kleinen Republik! Schon jetzt verführen die Väter einen Lärm mit den jungen Mitbürgern, besonders Pinelli, dass wir alle lachen müssen, und die Wiegenlieder der Mütter bilden ein ordentliches Konzert.
Vom Klima begünstigt, sind wir alle leicht und wohlgemut entbunden worden. Schon am zehnten Tage, so wollte es Salvito, ging jede der Mütter, ihren Säugling im arme, zum Tempel. Hier war der Altar mit Blumen bedeckt, die Mutter legte das Kind auf die Blumen nieder, dankte dem Ewigen kniend für das teure Geschenk und bat um Erhaltung des zarten Lebens. Der Vater trat hinzu, segnete das Kind, nahm es auf, nannte, es der Versammlung zeigend, laut den Namen desselben und gab es der Mutter zurück. Wir haben unsern Kleinen, zum Andenken an seinen Grossvater, Leo genannt, möchte er ihm ähnlich werden!