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, einer Missbilligung des stolzen Herzogs entgegen, doch hielt er dieses für kein Hindernis seines Glücks, da er die Volljährigkeit erreicht hatte und Chaumerive sein unbestrittenes Eigentum war. Mochte doch der Herzog ihm die Erbschaft seines Namens und seiner Güter entziehen, sie waren niemals das Ziel seiner Wünsche gewesen. Wie befremdet aber war er, als ihm ein Kurier die Antwort des Herzogs überbrachte, der ihn im ungemessensten Zorn einen Niederträchtigen nannte, der die Ehre seines Hauses beschimpfe, ihm befahl, sogleich diese entehrende Verbindung für immer aufzugeben und sich zu ihm nach Paris zu verfügen. Mein Vater war empört über diesen Befehl. Er fühlte sich Mann und ward wie ein Knabe gescholten. Dass er dies nicht sei, beschloss er zu zeigen. Er reiste ungesäumt nach Aix und beschleunigte die Anstalten zu seiner Vermählung. Er fühlte zu zart, um seiner Klara und ihrer Familie, durch Mitteilung des erhaltenen Schreibens, trübe Stunden zu verursachen. Er gedachte Klaren künftig nach und nach mit der Spannung oder dem Bruche zwischen ihm und dem Oheime bekannt zu machen, da er annahm, sie werde davon, bei dieser Entfernung von Paris, in ihrem kleinen Paradiese wohl nicht berührt werden. Am Ende sieht der Oheim auch wohl die Sache, wenn sie geschehen, anders an, dachte er, als jetzt, wo er sie noch zu hintertreiben hofft, und so überliess sich der glückliche Leo ohne sorge der Seligkeit seines neuen Standes. Wenig Tage nach der Vermählung führte er die geliebte Klara in seine Heimat. Die Bewohner von Chaumerive empfingen ihre schöne Frau, wie sie sie nannten, gleich einer Königin, und die freundliche Klara besass schon in den ersten Tagen alle Herzen, ebenso unumschränkt als ihr Leo. Du hast, meine geliebte Freundin, noch nach vielen Jahren gesehen, wie dieses edle Paar geliebt wurde. Jeder Tag erhöhte ihr Glück, denn an jedem Tage entdeckte einer an dem andern mehr liebenswürdige Eigenschaften. Schöne, selige Zeit! die nur zu bald endete und nie in dieser Reinheit wiederkehrte. Kaum waren einige mond wie ebensoviel glückliche Augenblicke geschwunden, als in einer rauhen Novembernacht ein starkes Geräusch meinen Vater aus den Armen seiner Gattin aufschreckte. fackeln erleuchteten den Hof, er sieht im Schein derselben einen verschlossenen Wagen halten, und in demselben Augenblick treten Polizeibeamte zu ihm ein. Man zeigt ihm einen lettre de cachet vor und bemächtigt sich seiner person. Kaum vergönnte man dem überraschten Unglücklichen Zeit, seine Lippen noch einmal auf den Mund seiner ohnmächtigen Gattin zu drücken. Man reisst ihn mit Räubereile hinunter. Am Wagen haben sich einige wenige seiner erwachten Leute gesammelt. Sie wollen den geliebten Herrn mit ihrem letzten Blutstropfen verteidigen; man donnert sie im Namen des Königs zurück, der Wagen wird verschlossen, und dahin rollt er unaufhaltsam, der furchtbaren Bastille zu. Mein Vater, mein armer betäubter Vater allein und für den Augenblick ohne Aussicht auf Rettung. Aber er hatte eine männliche Seele, und diese verzweifelt nie. Der Mann wagt auch den misslichsten Kampf mit dem Schicksal und gibt die Hoffnung des Sieges nur mit dem letzten Lebensfunken auf. Wer vermöchte aber wohl die Verzweiflung seiner unglücklichen Klara zu schildern, als sie von ihrer tiefen Ohnmacht erwachte! Noch nach späten Jahren geriet sie ausser sich, wenn sie von dieser fürchterlichen Nacht sprach. Sie umklammerte dann unwillkürlich meinen Vater mit krampfhafter Stärke, als fürchte sie, ihn aufs neue zu verlieren, und Tränen und Küsse überströmten sein Gesicht. Damals fehlte der Unglücklichen sogar die Wohltat der Tränen. Stumm, gleich einem Marmorbilde, sass sie da. Ihre Kammerfrau handelte an ihrer Statt und sandte einen treuen Boten zu Pferde nach Aix. Victor schäumte vor Wut, er übersah mit einem blick den ganzen Zusammenhang, und zugleich fühlte er in seinem Busen Kraft, zu helfen und selbst mit den Machtabern in die Schranken zu treten. Er versah sich mit Geld und Wechseln, nahm Kurierpferde und flog zu seiner angebeteten Schwester. Hier erschien er wie ein rettender Engel. An seiner hohen Kraft richtete sich die Trostlose mühsam auf. Er hauchte ihr einen teil seiner Hoffnung ein und begab sich ungesäumt mit ihr nach Paris.

Jede zurückgelegte Station belebte den Mut der unglücklichen Frau, sie kam ja dem Geliebten näher, und schon allein in den Ringmauern derselben Stadt mit ihm zu leben, schien ihr ein Glück gegen jene schreckliche Entfernung. Victor hoffte noch zuversichtlicher. Die Notabeln waren versammelt, alle Deputierte seiner Provinz waren ihm bekannt und befreundet, er durfte auf ihre kräftigste Unterstützung rechnen. Seine Angelegenheit schien ihm die Sache der ganzen Menschheit; wie konnte man ihm Gerechtigkeit versagen? In dieser Stimmung kam das Geschwisterpaar in Paris an. Klara verlangte durchaus in einem Gastofe, der Bastille so nahe als möglich, zu wohnen, denn es schien ihr unbezweifelt gewiss, dass ihr Gemahl sich in derselben befinde. Victor fand es freilich sehr möglich, dass er nach einem anderen, weit entfernten, festen schloss gebracht worden sei; doch widersprach er der Trauernden nicht und gewährte ihr gern den schwachen Trost. Er selbst fing seine Nachforschungen mit rastlosem Eifer an. Er sprach mit seinen Freunden, ging nach Versailles, um den Grafen von Mirabeau, einen alten Freund seines Hauses, aufzusuchen. Überall fand er die herzlichste Teilnahme und den besten Willen zu helfen; doch war die Sache so leicht nicht, als er gewähnt. Alles kam darauf an, zu erfahren, wohin der Gefangene gebracht worden, und hierüber gelangte man durchaus nicht zur Gewissheit. Zwar hatte man von