mit dem heisseren Süden. Wie wird es sein in unserem lauen Tale am schönen Ohio! Wir werden auf Louisville gehen, um uns noch mit einigen Bedürfnissen zu versehn; dann geht's nach Eldorado, wie wir unsere Landschaft getauft haben, um es nimmer wieder zu verlassen. Möchte es doch, wie jenes Eldorado des Candide, jedem Fremden unauffindbar sein! Zwar wird er dort keine Goldstücke, keine Rubinen zu entwenden finden, aber er würde die Ruhe und den Frieden unterbrechen, welche dort ihren Wohnsitz aufschlagen werden. Fern von dem unruhigen Treiben der Welt werden unsere Tage dahinfliessen, wie der Wiesenbach, dessen Wellen kein Sturm empört; kein Ehrgeiz, kein Gelddurst wird unsre Herzen bewegen, welche nur für die Liebe und die sanften Gefühle der Freundschaft schlagen; politische Meinungen werden uns so fremd sein als Religionsstreitigkeiten; keine Modetorheit wird uns berühren, kein Richter Streitigkeiten veranlassen, kein Fürst Befehle erteilen, kein Priester unsern Glauben meistern. Das goldene patriarchalische Dasein hebt für uns an, wo alle Menschen Brüder waren; und welchen Schatz von Kenntnissen und Fertigkeiten nehmen wir mit in dieses Leben hinüber! Wie doch so anders muss es sich gestalten als in jener Urzeit menschlicher Kindheit.
Eldorado, im Junius 1816
Angelangt sind wir in Edens blühendem Garten. Kein erzürnter Engel wehrte uns den Eingang; freundlich wurden wir von dem Grenzgott, freundlich von den friedlichen Laren empfangen. Wir mussten den Kentucky hinaufgehen, bis fast zu seinem Ursprung, um einen Übergang zu finden in unser Paradies. Sehnsüchtig blickten wir hinüber, wie einst die Kinder Israel nach den blauen Bergen, welche sie noch von dem glückseligen Arabien trennten. Zephyrine verglich uns hundertmal mit ihnen und Mucius mit ihrem Führer und Gesetzgeber. In ihrer fröhlichen Laune, reich an Anspielungen und Gleichnissen, nannte sie Walter und Stauffach Josua und Kaleb, welche uns die goldene Traube gezeigt, damit wir geduldig durch die Wüste folgen möchten, wie die Rinder dem salzspendenden Hirten; die Deutschen, meinte sie, wären die ägyptischen Ziegelstreicher und Fronknechte, welche durch den langen Zug erst geläutert werden müssten und würdig gemacht zur Gründung der neuen Kolonie. Nur bat sie, dass die Prüfungszeit nicht auf vierzig Jahre ausgedehnt werden möge, weil sie noch wünsche, im Gelobten land um den Bundesaltar zu tanzen, ehe sie Runzeln habe und der Krücke bedürfe.
Endlich fuhren wir durch den Fluss und, nach einer Auf der Spitze des letzten berges rief Walter: "Wir sind am Ziel!" Und zu unsern Füssen lagen weitin die grünen beblümten Savannen, wie ein gestickter Teppich, welchen links ein dunkler Urwald, rechts der blaue Kentucky mit seinen Silberpappeln und babylonischen Weiden besäumt. Ein allgemeiner Freudenruf tönte durch die Lüfte; wir sprangen alle zu gleicher Zeit auf und liefen mit ausgebreiteten Armen jauchzend den Berg hinunter. Hier, auf der Grenze unsres Gebietes, fielen wir alle, mit namenlosem Entzücken, auf den heiligen Boden nieder, wie vom Sturm verschlagene Seefahrer am Ufer eines wirtbaren Eilandes. Wir umarmten die Pflanzen, umarmten einander, die Busen schlugen hochauf, und Tränen der süssesten Freude träufelten auf die Blumen herab. Es dauerte lange, ehe dieser selige Rausch sich in Betrachtung der neuen Gegenstände auflöste. Selbst die kältern Deutschen, selbst die ungebildeten Schwarzen teilten diese schwärmerische Freude, sie umarmten einander und uns. Dieser Augenblick machte uns zu e i n e m volk, aller Unterschied der Farbe, der Heimat, der Bildung war vernichtet, wir wurden alle Brüder, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten.
Nun ging der fröhliche Zug längs dem Kentucky hin, welcher geraume Zeit unser Wegweiser blieb. Erst am folgenden Morgen verliessen wir seine reichen Ufer, um durch einen Ahornwald einen nähern Weg zu unsern Wohnungen zu nehmen, welche wir im letzten Schimmer der Abendsonne vor uns liegen sahen; Du kannst daraus auf die Grösse unseres Gebietes schliessen. Es wird gegen Norden vom Kentucky, gegen Westen vom Ohio, gegen Süden vom Schawanoe begrenzt, im Ostnord schliesst eine Hügelkette, an welche sich eine undurchdringliche Waldung lehnt, in welcher noch nie der Schall einer Axt gehört worden und deren Alter vielleicht bis zur jüngsten Umgestaltung der Erde hinaufreicht. Ganze Baumgeschlechter gingen hier unter, und neue wuchsen auf ihren Trümmern stark und frisch empor. Unser Wohnort liegt am Schawanoe, unweit seines Einflusses in den Ohio, den schönen, welcher mit Recht diesen Namen führt; es ist eine lachende Ebene, deren Fruchtbarkeit jede Beschreibung übertrifft. Freundliche Gebüsche wechseln mit den grasreichen Matten, und bepflanzte Hügel durchlaufen die Ährengefilde. Jenseits des Ohio erhebt sich ein dichtbewachsener Gebirgsrücken, welcher uns gegen den Nordwestwind schützt und viel zur Milde unsres Klimas beiträgt. Als einzelnes, abgetrenntes Überbleibsel dieses Gebirges lehnt sich ein einzelner Fels an den Schawanoe und reicht bis zu unsern Wohnungen, deren Lage er einen malerischen, romantischen Anblick gibt. Wir waren alle davon ergriffen, ganz besonders aber Pinelli, welcher nicht müde wird, die verschiedenen Ansichten zu zeichnen. John und seine Söhne empfingen uns mit hoher Freude. Die notwendigsten arbeiten waren vollendet und die Arbeiter schon seit einigen Tagen entlassen worden. So sahen wir denn nur lauter wohlbekannte Gestalten und hatten nichts kennenzulernen als die bleibenden Gegenstände. Kein Abschied soll in diesem glücklichen Erdstrich gehört werden als einst der Abschied zur Reise in ein noch schöneres Land. Mit freudiger Rührung führten die Männer jede Familie in ihr blütenumranktes Haus. Hier zündeten wir ein kleines Feuer in dem Kamine an, warfen Weihrauch in die gastliche Flamme, umarmten uns, dankten laut