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sich die meisten vollkommen verstehn. Daneben werden sie hinreichende Ländereien und Vieh erhalten und überhaupt so gesetzt werden, dass sie, als wohlhabende Grundbesitzer, fast uns gleich leben können. Unter den scharenweise ankommenden deutschen Ausgewanderten haben Walter und Frank zehn tüchtige und wackere Handwerker ausgewählt, welche mit ihren Familien gleichfalls ein Dorf in unsrer Nähe, Landeigentum und vorteilhafte Bedingungen erhalten. Mit ihnen sowohl als mit den Negern sind Verträge auf zehn Jahre geschlossen, und ich hoffe, sie werden, nach ihrem Ablaufe, von beiden Seiten gern verlängert werden.

Schon scheint die Sonne wärmend auf das junge Jahr, die Tulpenbäume in unsren Gärten treiben mit den Tulpen der Beete um die Wette, und die geselligen Sangvögel kehren aus den wärmeren Zonen unter unsre Zederngebüsche zurück. Morgen ist die grosse Feier der Hymenäen; morgen vereint mich ein öffentlicher Schwur auf ewig mit meinem Mucius. Oh, könntest Du uns heute sehen, an diesem Tage der seligen Vorfeier! Jedes Auge glänzt noch einmal so hell, jede Rede klingt gleich einer Jubelhymne. Die ganze Versammlung scheint ein wenig närrisch. Pinelli und Philippine, Dupont und Zephyrine, Salvito und Terese tanzen um die Wette, Antonio und Rosalva verstecken und suchen sich durch alle Lauben, während William und seine sanfte Marie, Walter und sein Freund, der Schweizer, mit einem Paar schöner Mädchen, den Jugendgespielinnen Philippinens, sich, innerer Seligkeit voll, die hände drücken und schweigend in die blauen Augen schauen. Von mir und Mucius müsste ich eigentlich auch sprechen, meinst Du? Je nun, liebe Adele, uns wird unser Schellenkäppchen auch nicht fehlen, wir bemühen uns nur, es mit Anstande zu tragen, wie es so alten Liebesleuten geziemt. Die Stürme des Schicksals haben ihr mögliches getan, einen teil des Blütenstaubes von den Schmetterlingsflügeln unsrer Liebesgötter abzustreifen; an dem Lächeln der Ehepaare sehe ich jedoch, dass die losen Buben überall hervorgucken. O könntest Du mir doch den Brautkranz winden, meine traute Adele! Mucius übernimmt es an Deiner Statt, jeder Verlobte flicht ihn der Verlobten. Lebe wohl, Du Freundin meiner Kindheit! zum letzten Male schreibt Dir das Mädchen Virginia, das nächste Mal Mucius' Gattin. Wir rüsten uns zur Abreise. Alle verlassen diese gastliche Gegend ohne die leiseste Reue. An der Hand des Geliebten wandelt man ja freudig zur Unterwelt, um wieviel lieber also einem stillen Paradiese entgegen, wie wir es zu finden hoffen. Selbst Walters und Stauffachs Gattinnen, Fanny und Lucia, verlassen ihre Verwandten ohne Schmerz. In ihren Familien ist diese Trennung nichts mehr, als wenn man bei Euch von Lyon nach Avignon zöge. Die Wanderungslust ist hier überhaupt fast ansteckend. Der Amerikaner hangt bei weitem nicht so fest an der Erdscholle, auf welcher er geboren wurde, als der Europäer und liebt die Ortsveränderung. Ob dies in allen Kolonien der Fall sein mag, oder ob es der Reichtum des Bodens ist, welcher die Ansiedler so mächtig nach dem inneren zieht? Häufig verlassen sie ihre mühsam angebaueten Pflanzungen nach wenig Jahren und suchen weiterhin einen fetten Erdstrich, wo sie mit gleicher Anstrengung einen neuen Anbau beginnen. Selbst die Pflanzer auf unsern nunmehrigen Besitzungen haben diese mit Freuden verkauft, um sich in Louisiana und an dem Missouri anzusiedeln, mitten unter wilden, kriegerischen Stämmen. Ob dieser Geist sich auch unsrer jungen Kolonie bemächtigen wird? Ich glaube, nein. Wir werden glücklicher sein als diese vereinzelten Pflanzer, und unsere Kinder werden den Boden lieben, wo sie ihre glückliche Kindheit durchspielten; wir werden eine Verfassung haben und Vorteile geniessen, welche man ausser unsern Grenzen vergebens suchen würde. Du kennst unsere fröhliche Gesellschaft, welche sich in Marsch gesetzt hat. Wahrlich ein Völkerzug. Sämtliche Männer zu Pferde, die Frauen und das Gerät, Proviant und Maschinen auf sechzehn Wagen, die Herden unter Leitung der Neger. Unsere Handwerker bestehen in einem Schmied, Stellmacher, Zimmermann, Tischler, Schuhmacher, Töpfer, Glasmacher, Kupferschmied, Leinweber und in einem Tuchweber, sämtlich verheiratet und zum teil mit halberwachsenen Kindern; alles rüstige Menschen, welche auch bei dem Feldbau von Nutzen sein werden. Humphry wollte sich durchaus nicht von seinem Herrn trennen und wird sich bei uns ansiedeln, wo er dann unter einigen hübschen deutschen Mädchen die Wahl haben wird. Wir gehen durch Virginien und am Fuss der Gebirge hin. Die Weideplätze für unser Vieh bestimmen unsern Weg, weshalb wir die Städte und auch grösstenteils die Pflanzungen vermeiden, wo das Eigentumsrecht uns Streitigkeiten zuziehen könnte. Um frischen Proviant einzuhandeln, werden Seitenpatrouillen abgeschickt, das meiste verschafft uns die Jagd. Wir lagern unter freiem Himmel, welches ich schon von meiner Reise her sehr gewohnt bin, meinen Gefährtinnen aber anfangs sehr sonderbar vorkam. Zephyrine nennt uns nicht anders als die Zigeunerhorde und Mucius den Hauptmann. Sie ist äusserst drollig, wenn sie abends um die Feuer hergaukelt und, in ihrem angenommenen Zigeunercharakter, uns allen wahrsagt. Am possierlichsten ist es dann, wenn sie unter die Deutschen gerät, welchen sie sich nicht verständlich machen kann und von welchen sie kein Wort versteht. Oh, wie schön ist hier die natur! Die Tulpenbäume stehen in voller Blüte, neben ihnen die zarte Akazie mit ihren weissen, duftenden Blütenbüscheln; der schattende Plantan und sein Bruder, der Zuckerahorn, schützen uns gegen die Strahlen der brennend heissen Sonne; Jasmin, Geissblatt und Rosen bilden Lauben und Wände und erfüllen die Luft mit Balsamdüften; die Höhen sind mit Zedern, Tannen und Eichen bekränzt, überall vermählt sich der Norden