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für Frankreich, dass es schnell endete. Der Held des Trauerspiels wird hier sehr verschieden beurteilt. Bei Extremen, denke ich, liegt die Wahrheit ziemlich in der Mitte, die Zeit, das Endurteil zu sprechen, ist noch und lange nicht erschienen. Der Ort seines künftigen Aufentalts interessiert mich sehr, ich kenne die glückliche Insel. Oh, könnte ich ihm meine Ruhe geben, er würde dort glücklich leben! Freilich macht der Gedanke, gefangen zu sein, eine Änderung; aber auch in Fesseln ist der Weise frei, und ein königlicher Gefangener gebietet seinen Wächtern. Wie sehr die neuesten begebenheiten Europa erschüttern, davon spürt man hier besonders die Wirkungen an dem Heere der Ausgewanderten, welche in den hiesigen Häfen landen. Wie die Möwen beim drohenden Sturme an das Ufer eilen, so verlassen die Menschen den gärenden Weltteil und fliehen zu unseren Friedensküsten. Auch Ellisons Schiff hat interessante Flüchtlinge an Bord genommen, während es in einem niederländischen Hafen ankerte; einen deutschen Mechaniker namens Frank nebst Frau und zwei Schwestern, einen Baumeister aus Verona, einen florentinischen Arzt mit seiner Schwester und einen niederländischen Kunstgärtner mit seiner Frau, sämtlich gebildete Menschen, jung und lebensfroh, welche hier ein besseres Fortkommen und ein freieres Dasein suchen. Die lange Reise hat sie mit William eng befreundet, welchem besonders die Mädchen mit unschuldiger Freundlichkeit entgegenkommen. Er zeichnet darunter die jüngste der deutschen, mit einigem Wohlgefallen, aus. Philippine ist innig vergnügt über diesen Zuwachs unserer weiblichen Gesellschaft und macht die Wirtin mit so vieler Anmut, dass die Fremden sich schon ganz einheimisch finden. Seit gestern abend ist unser munterer Kreis etwas verstört durch die Unpässlichkeit des Vaters Ellison. Die Symptome sind bedenklich, unser Florentiner fürchtet das gelbe Fieber und ermahnt uns alle, einen andern Aufentalt zu wählen, er selbst weicht nicht von dem Kranken, hat aber um den Beistand des Hausarztes gebeten. Die Gesellschaft versammelt sich jetzt auf dem Landhause. Ich werde die Nacht in der Stadt zubringen, um Philippinen abzulösen, welche, nebst der Mutter, die vorige Nacht durchwacht hat. Mucius und William wollten mich daran verhindern, ich stellte ihnen aber vor, wie oft der eine den Schlacht-, der andere den Seesturm bestanden, mit fester Treue in ihrem Beruf. "Des Weibes Beruf ist, am Krankenbette Pflege zu leisten", setzte ich hinzu. Die Lage wird gefährlicher. Das gelbe Fieber ist nicht mehr zu bezweifeln; auch die Mutter hütet das Bett. Das Haus ist gesperrt, die Gemeinschaft mit dem Landhause ist gänzlich aufgehoben, wozu ich freiwillig das meiste beigetragen habe. Wie könnte ich Mucius, Philippine und William in Gefahr wissen! Ich habe den ersteren in einigen Zeilen beschworen, die Geschwister mit Gewalt zurückzuhalten, wie es selbst die Eltern wünschen; über mich mag die Vorsicht walten. Sollte mich die Krankheit ergreifen, so konnte dies schon bei der ersten Nachtwache geschehen; aber ich hoffe auf meinen Mut und vernachlässige keines der Mittel, welche mir Salvito, der Florentiner, empfiehlt. Dieser hält treulich mit mir aus. Das Studium seiner Kunst verdrängt bei ihm jede andere Rücksicht; mich beseelt Dankbarkeit und Freundschaft, ich kann die guten Alten nicht unter fremden, bezahlten Wärtern wissen und teile meine Pflege zwischen ihnen. Ihr zufriedenes Winken, sooft sie zum Bewusstsein kommen, lohnt mir dafür. Es ist vorüber. Dieses Übel endet schnell. Armer William! arme Philippine! verwaist, ganz verwaist! mein Herz blutet mit. Ach, ich habe ihren Schmerz empfunden! Sie sind um vieles glücklicher, als ich es war, sie trauern gemeinschaftlich.

Noch immer bin ich die Schaffnerin dieses verödeten Hauses, welches kein fremder Fuss zu betreten wagt. Heute, in der Stille der Mitternacht, werden Salvito und ich die dichtverschlossenen Särge der verstorbenen Gatten zur Gruft geleiten. Verhüllte, scheue Leichenträger werden die einzigen Begleiter sein und John, der treue John, welchen nichts abhalten konnte, seinen Wohltäter noch einmal zu sehen. William hat auch zu uns gewollt, aber man hat es verhindert. Philippine liegt krank, wie mir John sagt, Gott verhüte, dass sie schon von dieser fürchterlichen Krankheit ergriffen ist, deren Ausbreitung die Gesundheitspolizei, mit grosser Wachsamkeit, zu verhindern strebt. Morgen werden wir auf dem hof des Hauses das sämtliche Mobiliar, mit Wäsche und Kleidungsstücken, verbrennen. Ich werde ein Bad nehmen und mich unmittelbar darauf in frische Wäsche und Kleider hüllen, welche man mir von aussen reichen wird. Dann verlasse ich dies traurige Haus des Todes, um wieder aufzuleben in den Armen der Liebe und den leidenden Freunden beizustehn; Salvito und John werden mich begleiten.

Vom Landhause, nach 14 Tagen

Alles ist glücklich überstanden. Trotz der beobachteten Vorsicht war ich doch nicht ohne Besorgnis für meine Lieben und näherte mich ihnen, nur auf einem weiten Umwege, längs den Ufern des Delaware. Aber wir sind sämtlich gesund geblieben, und Philippinens Krankheit war nur eine wirkung ihres bewegten Gemüts, über welches die Zeit und des Freundes Trost schon einige Macht gewinnen. Wir trauern gemeinschaftlich über den Tod des gastfreundlichen Paares, dessen kleine Schwächen mit der irdischen Hülle abgelegt wurden. Glücklich preisen wir ihr Los, dass sie, nach langer Vereinigung, fast zugleich und so schnell mit dem gefährten seines Lebens, Hand in Hand, die grosse Reise anzutreten. Wir haben uns hier förmlich miteinander eingerichtet, eine kleine freundliche Kolonie, und es ist uns ganz undenkbar, uns wieder voneinander zu trennen. Der Plan, mit Walter an den