die Wahl glücklich sein, mögest Du so glücklich werden, als ich zu sein hoffe. Du gibst mir doppelte Adresse, unter welcher ich Dir schreiben soll. Das macht mir unbeschreibliche Freude, und ich danke Dir tausendmal für diese Massregel. Nun scheint es mir, als wären wir gar nicht getrennt, höchstens nur durch Meilen, durch einige Berge, einige Flüsse. Was ist es denn mehr? Ein Schnellsegler kann Dir meine Gedanken in wenigen Wochen überbringen, und ebensoschnell kann ich Deine Antwort erhalten! Mucius grüsst Dich aufs herzlichste. Er liebt Dich in dem Bilde, welches ich ihm, immer von neuem, von Dir entwerfen muss und wozu ich jetzt oft einige Ähnlichkeiten von Philippinen borge, welche Dir wirklich, in manchen Stükken, verglichen werden kann. Auch sind es diese Ähnlichkeiten, welche mich zuerst zu dem lieben Mädchen hinzogen. Wir leben hier ein seliges, obwohl erwartungsvolles Leben und sehnen uns von allen Seiten nach Williams Ankunft, die Mutter, weil sie für ihn fürchtet, wir andern, weil wir auf ihn hoffen. Gewiss wird seine Gegenwart die Spannung lösen, welche man jetzt nur zu verbergen sucht. Philippine und Pinelli scheinen heimlich auf seine Verwendung zu rechnen. Ihre Wünsche stehen leserlich in ihren Mienen geschrieben, aber die Eltern geben sich das Ansehn, sie nicht zu verstehen; zu reden wagt niemand, Philippine ist stumm, aus Schüchternheit, wir Fremden schweigen, aus Mangel an Recht. – Die Freunde haben die Bekanntschaft zweier trefflichen Männer gemacht, eines Schweizers und eines Deutschen namens Stauffach und Walter, und auch diese bei uns eingeführt; beide gefallen uns sehr. Der erste ist ein junger Apoteker, welcher aus leidenschaftlicher Liebe zur Gewächskunde einen grossen teil der südlichen Provinzen bis Mexiko durchwandert hat; der zweite stammt aus einer hannöverischen Familie und studierte in Hofwyl die Landwirtschaft, wo er mit Stauffach bekannt wurde. Seine Mutter gewann einst in einer englischen Lotterie ansehnliche, aber wüste Ländereien am Ohio. Bei der Entfernung und dem langen Kriege waren alle Nachforschungen fruchtlos. Man nannte die Besitzungen scherzend die Güter im mond. Der Vater war tot, der Bruder blieb im Kriege, die Mutter folgte ihren Lieben in kurzem nach und hinterliess ihrem jüngsten Sohne ein kleines Vermögen nebst den Urkunden über die amerikanischen Ländereien. Walter hatte keine nahen Verwandten und keine lockenden Aussichten in den bedrängten Ländern der Alten Welt, daher nahm er sein ganzes Eigentum zusammen und folgte seinem schweizerischen Freunde lustig in die Neue. Er wurde der unzertrennliche Gefährte seiner Wanderungen und durchstreifte auf diesen auch seine Besitzungen. Ihre Lage und ihr ergiebiger Boden entzückten ihn. Sie wurden, unter Aufsicht der Ohio-Gesellschaft, verwaltet, doch nur äusserst nachlässig, da sich kein Eigentümer meldete; kaum der fünfzigste teil war urbar, und dennoch fand er diesen schon hinreichend, seinen Unterhalt zu sichern. Er eilte, sich als rechtmässigen Besitzer auszuweisen, und denkt jetzt darauf, sich in den Stand zu setzen, dort angenehm und bequem zu leben. Diese Angelegenheit ist eine Hauptunterhaltung der jungen Männer, woran auch ich immer mehr teilnehme. Der Italiener nennt den jungen Mann scherzend bald Fürst Walter, bald Walter Robinson, Stauffach und Mucius nennen ihn nur den Penn von Kentucky.
Einige Wochen später
Grosse Freude! gedrängte Neuigkeiten und begebenheiten! Was soll ich Dir zuerst erzählen? und in welcher Reihefolge? Doch mit dem, was das Herz beschäftigt, fange ich an. William ist angekommen, und ich habe Deine lieben Briefe erhalten. William ist hier, und ich atme aus voller leichter Brust. Als die Nachricht aus dem Hafen einlief, der "Washington" gehe vor Anker, erblassten wir alle, und mein Herz schlug kaum hörbar. Doch als der edle Mensch, mit seiner festen Haltung, ins Zimmer trat und sein freundliches, Zutrauen forderndes Auge auf mich warf, da war plötzlich meine Ängstlichkeit verschwunden, und ich eilte ihm mit schwesterlicher Zärtlichkeit entgegen. Er bewillkommte mich mit seiner alten Herzlichkeit; sein blick ruhete lange auf mir und überflog dann die kleine Versammlung. "Ich finde Sie so glücklich wieder", sagte er, "wie meine Freundschaft es nur wünschen konnte; Ihre Gesundheit scheint auf Ihrer Reise viel blühender geworden, und der Kreis Ihrer Freunde hat sich angenehm vermehrt." – "Ich habe den ältesten wiedergefunden", erwiderte ich, und in demselben Augenblicke warf sich Mucius an seine Brust und bat mit seiner rührenden schönen stimme: "O lassen Sie mich auch der ihrige bald fragte er: "Mucius?" –
"Er ist's! mein verlorener, wiedergefundener Mucius", rief ich. Er blickte von ihm auf mich; ein leichter Krampf zuckte um seinen Mund, und eine Blässe überflog plötzlich sein Gesicht, doch mit schnellem Übergange schoss der gehemmte Blutstrom verdoppelt in seine Wangen; er schloss uns beide zugleich, mit Heftigkeit, in seine arme und rief: "Willkommen an dem Herzen eures Bruders!" Dann grüsste er die übrigen und beantwortete die fragen seines Vaters mit der gewohnten klarheit und Ruhe. Die Mutter betrachtete ihn oft unvermerkt von der Seite und schüttelte heimlich den Kopf, doch schien auch sie froh, dass der gefürchtete Augenblick vorüber war. Nun ging es an ein Erzählen und Erkundigen, dass die Mitternacht ganz unbemerkt über unsre Versammlung hereinbrach. Im ganzen hörten Mucius und ich nichts Unerwartetes. Dass ein einziger Schlag entscheiden würde, hatten wir freilich nicht voraussehn können; wenn es aber doch so enden musste, so war es gut