Aufwand vergüten, welch ein Recht haben sie zu höheren Forderungen?" Wenn der Geliebte so tröstend spricht, kann meine Vernunft nichts dagegen einwenden, aber mein Herz hört doch nicht auf, etwas ängstlich zu schlagen, und ich sehe es recht gern, dass unsere Reise sich noch länger verzögert. Wir sind bis zum Fort Niagara in kurzen Tagereisen, meist zu Fuss, gelangt. Hier haben sich Mucius und Pinelli beritten gemacht, ihren Führer verabschiedet und neue Lebensmittel eingehandelt. Dann sind wir bis zum See Ontario hinaufgezogen und haben auf mehreren herrlichen Pflanzungen verweilt. Heute sind wir bis Woodhouse zurückgekehrt, wo wir mit lauter Freude empfangen wurden und, auf inständiges Bitten der Familie, zwei Rasttage halten werden. Diese einzelnen Niederlassungen haben einen unbeschreiblichen Reiz für uns, besonders für Mucius, welcher sich, seit den neuesten Umwälzungen in unserem vaterland, mit dem Zeitgeiste von Europa entzweiet hat. Schon malen wir uns, mit wahrer Liebe, das Bild einer einsamen Kolonie aus, welche bei aller Geisteskultur der gebildeten Welt doch die ganze Einfachheit der Sitten des goldenen Zeitalters bewahrt. Pinelli ist unerschöpflich an neuen Einfällen und Entwürfen für diesen unsern Lieblingsgedanken, welcher leicht in Wirklichkeit verwandelt werden könnte, wenn wir noch einige gleichgestimmte Menschen träfen.
Wir begleiten hier die jüngeren Mitglieder der Familie bei ihren leichten arbeiten. Heute abend gab uns der gute Vater vom haus einen ländlichen Ball, wobei er die Geige mit vieler Leichtigkeit spielte. Wir tanzten sämtlich auf einem kurzen, ebenen Rasen mit gleicher, herzlicher Fröhlichkeit. Rümpfe nur das Näschen immer ein wenig, liebe Adele, über die Art unsrer Vergnügungen, ich ziehe sie euren glänzenden Hofbällen weit vor. Welch ein seliges Gefühl für mich, nichts als Mensch zu sein! Ich bin nicht mehr die Gräfin Montorin, ich bin auf ewig nur Virginia.
Philadelphia
Ich habe Dir lange nicht geschrieben, meine Adele. Desto öfter denke ich an Dich und spreche von Dir, und unsere Freundschaft leidet nicht darunter, dass Du nicht mehr meines Busens einzige Vertraute bist. Gewiss, Du freuest Dich mit Deiner sonst so verlassenen und jetzt so glücklichen, so überreichen Virginia.
Wir sind hier, nach einigen Umwegen, glücklich nung gemietet, und ich würde gern ein Gleiches getan haben, hätte ich nicht Ellisons dadurch noch mehr zu kränken geglaubt. Es gibt hier im haus veränderte Gesichter, vorzüglich von seiten der Mutter, welche meine offene Erzählung mit einem ungläubigen Kopfschütteln anhörte und mit spitzen Anmerkungen begleitete. Sie hält die Begebenheit für eine offenbare Fabel und Reise und Zusammentreffen für einen heimlich verabredeten Plan, das schmerzt mich tief. Wäre nur erst William hier; was wird er dazu sagen? wird er seiner Freundin mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen? Hätte ich doch erst hierüber Gewissheit! Nur Philippine ist die alte. Sie warf sich mir, mit einem Freudengeschrei, in die arme; und als ich ihr Mucius vorstellte, hüpfte sie diesem mit kindlicher Fröhlichkeit entgegen und schüttelte ihm freundlich die Hand. Dieser findet das Mädchen so liebenswürdig als ich, und Pinelli schwört bei allen seinen mytologischen Göttern, sie sei die jüngste der Grazien. Ich fürchte sehr, er wird künftig keine andere Gestalten mehr malen wollen als ihren Nymphenwuchs und ihr liebliches griechisches Profil; auch Philippinchen sieht den muntern Jüngling gern. "Es ist ein lieber Mensch", sagt sie ganz offen und ohne Erröten, "man sieht ihm durch die klaren Augen bis in die Seele hinein." Nun, wer weiss, was mir auch von dieser Seite für Glück erblüht, wenn mein eigenes Schicksal nur erst entschieden sein wird. Ein Brief von Dir, Adele, und von London? Welche Neuigkeiten, welche unerwarteten begebenheiten! Du arme wieder geflüchtet, wieder heimatlos? Welch ein prophetischer Geist sprach aus mir, als ich sagte, Du ständest auf einem glimmenden Vulkane!
So habe ich mich doch nicht getäuscht über die Gesinnungen meiner Landsleute; denn, was man auch sagen mag und wird, mit einigen hundert Mann erobert man kein Reich in wenigen Tagen. Auch werden die Geschichtsforscher künftiger Jahrhunderte schliessen: dass, wer einen Tron zum zweiten Male besteigen konnte, bloss durch die Macht seines Namens und die Liebe seines Volkes, dieses Trones nicht ganz unwürdig sein könne; Millionen irren nicht leicht über ihr Interesse und ihre Neigung. Wird aber der wiederauftretende Held dem allgemeinen Sturme widerstehen können, welcher sich sogleich in seiner Nähe erheben muss, ehe seine Stellung noch Festigkeit gewinnt? Ich zweifle sehr und beklage das unglückliche Frankreich. Hier ist man mit den Neuigkeiten sehr zufrieden, England wird dadurch wieder in Europa beschäftigt und lässt uns in Frieden. Ich sage u n s ; denn welches auch immer Frankreichs Schicksal sein mag, ich kehre nimmer dahin zurück! Hier ist nunmehr mein Vaterland! mit ihm, dem land der Freiheit, kann sich kein europäischer Staat messen, wo dieses grosse Wort bedeutungslos ist. Alles, was Du mir übrigens schreibst, macht mir grosse Freude. Du liebst mich noch, das ist die Hauptsache. Du hast meinen Brief aus Marseille erhalten, auch den, welchen ich einem Kauffahrer am Ausfluss des Delaware mitgab, und hast Dich über mein Schicksal beruhigt. Deine gute Mutter zürnt mir nicht und hat Dir erlaubt, mir von London aus zu schreiben. Das ist viel! fast mehr, als ich hoffte. Möge doch Dein Vater lebenslang dieses strenge Stillschweigen über mich beobachten, ich werde ihn niemals an mein Dasein erinnern. Man denkt auf eine Heirat für Dich? Möge