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und erhellte wechselnd den wolkigen Himmel; die Freunde waren auf dem Verdeck und betrachteten das eilende Gewölk. Da blitzte in Pinellis Seele ein Gedanke an Rettung auf. Unvermerkt ergriff er ein daliegendes Tau, schlang es um seinen Freund und stürzte sich mutig mit ihm über Bord. Die Wellen schlugen hoch auf, der kühne Schwimmer arbeitete sich jedoch mächtig empor und zog den gefährten mit sich, welcher sich bald begriff und ebenfalls seine Kräfte anstrengte, ihm zu folgen. Gewölk verdunkelte den Mond, und man ward die Schwimmer vom Schiffe aus nicht gewahr. Sie nahmen ihre Richtung den absegelnden Fregatten zu, welche sie auch bald erreichten und von welchen sie, bei einem aufblitzenden Lichtstrahle, bemerkt wurden. Man warf ihnen ein Tau zu und brachte sie glücklich an Bord. Hier gaben sie Kunde von ihrem Schicksal und von der falschen Flagge des Engländers, ihre Rettung war vollendet. Die Fregatte war in wenigen Minuten ausser dem gesicht des Schiffes, welches ohnehin an kein Verfolgen denken konnte. Die Fahrt ging gerade auf Boston, wo man ohne alle Abenteuer einlief. Die beiden Freunde waren hinreichend mit Golde versehen, und man richtete sich genügsam ein. Pinellis froher Mut und seine Lebenslust halfen dem schwermütigen Mucius tragen. Er brachte, zu seiner Zerstreuung, eine Reise ins Innere in Vorschlag und zu den Denkmälern der Vorzeit am Ohio, zu den Wildenvölkern am Missouri, und wirklich hatte diese Reise einen günstigen Einfluss auf Mucius' gramvolles Gemüt. Noch jetzt spricht er mit Entzücken von der Schönheit der südlichen Provinzen, verliert sich noch in philosophische Betrachtungen über den Urzustand dieses Weltteils, über die untergegangene Kultur dieser zersprengten Stämme. Nach fast zwei Jahren kehrten die Pilger nach Boston zurück, ihre Barschaft war indessen sehr verringert. Pinelli suchte seine Kunst, mit vielem Glück, geltend zu machen. Er führte die auf der Reise entworfenen Landschaften mit grossem Fleisse aus und fand Käufer zu ihnen. Auch die Porträtmalerei übte er wieder, und man war entzückt von dem eigentümlichen Charakter und der Idealisierung, welche er seinen Physiognomien, bei aller Ähnlichkeit, zu geben wusste. Mucius beförderte seine Reise, mit seinen Altertumsforschungen, zum Druck und gab daneben Unterricht in alten Sprachen. Mitten unter diesen Beschäftigungen erhielten sie die Nachricht von den grossen Umwälzungen im vaterland, welche ihnen für immer den Wunsch zur Rückkehr benahmen. Sie betrachteten nunmehr das fremde, freie Amerika als ihre Heimat und eilten, zu seiner Verteidigung die Waffen zu ergreifen, als es von den Engländern in seinem inneren bedroht wurde. In Baltimore hatte Mucius wirklich im haus des Herrn Davson gewohnt, wie mein ahndendes Herz es mir damals sagte. Mistress Davson fühlte sich von der sanften, freundlichen Schwermut ergriffen, welche den schönen jungen Mann so anziehend machte. Herr Davson fing nach und nach an, Eifersucht zu hegen, welches die Freunde veranlasste, bald nach ihrer Rückkehr aus der Gegend von Washington eine Reise zu den Wasserfällen zu unternehmen. Sie durchstrichen lange die umliegenden Gegenden. Mucius konnte sich nicht wieder losreissen von dieser wildromantischen natur, und hier, wo er nur Nahrung für seinen Schmerz suchte, fand er die Heilung desselben. laut dankte ich Gott, nach Endigung jener Erzählung, für seine väterliche Führung; nächst ihm dem treuen Pinelli, denn ohne ihn, den Schutzgeist meines Mucius, hätte ich diesen nicht wiedergesehen. Oh, wie unendlich teuer muss dieser neue Freund mir sein! Aber auch ohne diese Rücksicht muss man den Mann liebgewinnen. Er lebt nur für seine Freunde und hegt ein gefühlvolles Herz für die ganze Welt. Seine gute Laune ist unerschöpflich, jeder Unannehmlichkeit weiss er eine heitere Seite abzugewinnen. Von unserer Reisegesellschaft wird er allgemein geliebt. Er unterhält sich mit Humphry, lässt sich von ihm über Amerika belehren und bewundert seine Kenntnisse; John muss ihm von den wilden Stämmen erzählen, und er schüttelt ihm treuherzig die Hand; den ehrlichen Ismael umarmt er und sagt der kleinen Corally tausend schmeichelhafte Dinge. Er will damit niemand gewinnen, es ist der notwendige Ausdruck seines heiteren Herzens, seiner warmen Menschenliebe, aber er nimmt jedermann ein. Mucius, bloss mit seiner Liebe beschäftigt, hat in dem Herzen unserer Reisegefährten nur den zweiten Rang, ja in Humphrys Augen begegne ich sogar zuweilen einem zweideutigen, vorwurfsvollen Blicke. Er ist wohl, nach und nach, von seinem ersten Gedanken zu Corallys Voraussetzung übergegangen, und dies muss dem ehrlichen Kerl wehe tun, welcher sich gewöhnt hatte, mich im stillen als die Braut seines Herrn zu betrachten. Sein stummer Vorwurf erinnert mich oft mit einiger Ängstlichkeit an Ellison, welcher jetzt meinetwegen die Meere durchkreuzt. Was wird der gute William sagen, wenn er zurückkehrt? Zwar spricht mein Gewissen mich frei, ich habe ihn nicht getäuscht, aber ich habe nicht jede Hoffnung in ihm niedergeschlagen und werfe mir jetzt fast die kleinste freundschaftliche Äusserung vor, welche mein dankbares Herz für ihn gezeigt hat; auch fürchte ich die unangenehmen Empfindungen seiner Familie, deren Güte ich mit getäuschter Hoffnung lohnen muss. Mein Glück wird nicht eher ganz rein sein, als bis bei diesen guten Menschen wieder Zufriedenheit herrscht. Mucius nimmt die Sache leichter, wie wohl meistens die Männer. "Konnte William die Vergänglichkeit der Liebe hoffen?" spricht er, "begriff er das Herz meiner Virginia so wenig? kennt er überhaupt wohl die wahre Liebe? Wer die frühere Neigung eines anderen zu überwinden hofft, muss auch auf die Überwindlichkeit der seinigen schliessen. Und seine Eltern? Du lohnst ihnen Gastfreundschaft mit Dankbarkeit und kannst jeden