Scherzen. Bei jedem traurigen, ja nur rührenden Anlass füllte sich augenblicklich sein blaues Auge mit Tränen, welche er jedoch sorgfältig zu verbergen suchte. Er half, wo er konnte, und tröstete, wo keine hülfe war. So trat er wie ein Halbgott unter diese gedrückten, vernachlässigten Menschen, und ein neuer Morgen brach an für dieses kleine freundliche Tal. Dem Vater selbst schien ein schönerer Lebensmorgen aufgegangen. Im lieblichsten Wechsel flogen die Tage, flogen Sommer und Herbst dahin. Die Musen besuchten ihn am winterlichen Kamine, dessen Gesimse es nie an frischen Blumen gebrach. Hier ahmte er denn oft Anakreons Lieder nach beim schäumenden Becher voll süssen, feurigen Mostes, öfter noch die heimischen Gesänge der alten Troubadours. So durch Einsamkeit und Dichtkunst zur Liebe vorbereitet, fanden ihn die ersten entzükkenden Tage des neuen Frühlings. Man hatte in Paris vergebens auf seine Rückkunft gewartet, der Herzog hatte vergebens schriftlich darauf gedrungen; mein sich zu glücklich fühlender Vater hatte immer auszuweichen gewusst, indem er seine Gegenwart als notwendig zur Vollendung der begonnenen Bauten darstellte. Diese schilderte er so pomphaft, dass der Herzog, von Ehrgeiz ergriffen, unaufgefordert grosse Summen überschickte, damit Provence und Languedoc von der Pracht seines Hauses reden möchten. Wie weit aber war das, was mein Vater ausführte, von diesen stolzen Ansichten entfernt! Zwar höchst geschmackvoll waren die neuen Schöpfungen, aber auch ebenso einfach; die wohnung, von mässiger Grösse, war nur für eine häuslich glückliche Familie berechnet, in den Gärten Schönheit mit Nützlichkeit gepaart. Die ersparten Summen kamen ihm gut zustatten, seinen ländlichen Freunden aufzuhelfen und seinem neuen Wirtschaftsysteme Schwung zu geben. Gegen das Ende des Karnevals hatten seine Pariser Freunde bestimmt auf seine Gegenwart gerechnet und ihm vielfältig ihre Erfindungen für die letzten Maskenbälle mitgeteilt, woran er teilnehmen sollte. Er lehnte ihre Einladungen ab; doch veranlassten sie ihn zu dem Einfall, zum Fastnachtabend nach Aix zu reisen, um der dortigen Maskerade beizuwohnen. Mit innigem Vergnügen betrat er diese Stadt wieder, wo sein Geist die erste Nahrung erhalten und wo noch so viele seiner Jugendgespielen lebten. Mancher von ihnen, der sonst mit ihm in einer Klasse gewetteifert hatte, riss jetzt auf der Rednerbühne des Parlaments durch seine feurige Beredsamkeit hin. Einer derselben – ich nenne ihn bei seinem Vornamen Victor –, der Sohn eines Kaufmannes, jetzt Parlamentsadvokat, ein feuriger, unternehmender Kopf, dessen Herz für alles Grosse schlug und der, mit Aufopferung seiner selbst, für das Recht kämpfte, war ausser sich vor Freuden, seinen Leo wiederzusehn, und lud ihn für die Nacht in das Haus seines Vaters ein. zuvor wollten sich beide Freunde noch auf dem Orbitello treffen und sich des Maskengetümmels freuen. Lust und Leben empfing meinen Vater auf diesem entzückenden Korso, mit welchem sich kaum die Boulevards von Paris messen können. Die Bäume blühten, die Fontänen sprangen, und bei jedem Schritt umringten ihn hüpfende kleine Mädchen, reichten ihm duftende Sträusse und baten um Zuckerwerk für die Schwalbe. Er ging fröhlich auf diese altgriechische Lust ein und füllte und leerte unaufhörlich seine Taschen für diese lieblichen kleinen Geschöpfe. So gelangte er zur mittleren Fontäne, wo er schon in der Entfernung seinen Freund erkannte, an seinem arme hing ein Mädchen in der Tracht der Bäuerinnen von Arles, dieser fast griechischen Kleidung, welche so schön steht. Das kurze Unterkleid war aus blassroter Seide und das Drolet oder Oberkleid aus dunkelgrünem Sammet, um die dunklen Locken wand sich ein Tuch in gleicher Farbe, mit Gold durchwirkt. Schuhschnallen und Armspangen waren mit den schönsten Edelsteinen besetzt, und um den blendendweissen Hals hingen blassrote Korallen. So erschien diese Nymphengestalt zum ersten Male den entzückten Augen meines Vaters. Sie ward meine Mutter! Du verzeihst mir gewiss, dass ich bei dieser Veranlassung etwas umständlicher erzähle, als es wohl nötig ist. Dieser Moment entschied ja über das Leben zweier mir so unendlich teuern Personen und über mein Dasein. Mein Vater war als Troubadour gekleidet, und Victor stellte ihn seiner Schwester vor. Der Eindruck, den beide aufeinander machten, war überraschend, und als man sich in der Morgenfrühe trennte, waren beide von dem Gefühl durchdrungen, dass Leben ohneeinander Tod sei! Die Liebe, diese Blütenzeit des Lebens, dieser Silberblick auf seines Stromes Wellen, ist nirgend mächtiger als unter dem schönen provenzalischen Himmel, dem vaterland der Lieder. Hier nur vereinigt sie Feuer und Zarteit in gleichem Masse, hier nur ist sie die einzige grosse Angelegenheit des Lebens. Auch meine Eltern fühlten sie, vom ersten Augenblick, als solche. Leo atmete nur für seine Klara, und Klara dachte nur ihn. Victor war hocherfreut über das Bündnis zweier ihm so teuren Wesen, und seine siegende Beredsamkeit riss den Vater mit sich fort, der wohl anfangs etwas von Standesunterschied bemerkte. Der Zeitgeist entfaltete schon seine Schwingen und fand besonders in den beiden Freunden begeisterte Herolde. Sie hatten früher nur in der idealen Welt der Alten gelebt und sich von je Abkömmlinge altgriechischer Kolonien geträumt. Leo hatte in Amerika den Standesunterschied, welcher seinem sanften Herzen niemals zugesagt, als unbedeutend ansehen lernen, und Victors stolzes Selbstgefühl wurde davon beleidigt. So stand der Verlobung der beiden Liebenden kein Hindernis weiter im Wege, und Leo eilte auf Flügeln der Liebe nach Chaumerive, um die nötigen Anstalten zum Empfange seiner jungen Gattin zu treffen. Er schrieb seinem Oheime mit aller kindlichen Zärtlichkeit eines Sohnes und dem Entzücken eines glücklichen Bräutigams und bat um seinen Segen. Er sah, für den schlimmsten Fall, wohl einer Unzufriedenheit