geht das mich an? Wahrhaftig, Deine Virginia ist recht kindisch! lache sie nur tüchtig aus, und schilt sie zugleich. Sie scheint eifersüchtig auf einen Schatten und war es nie auf den lebenden Mucius.
Auf jeden Fall aber wird dieser Umstand meine Abreise nach Washington beschleunigen. Es drängt mich hin zu dem Schauplatze, wo der Unbekannte gekämpft, vielleicht geblutet hat. Vergib mir, William! dich konnte das törichte, undankbare Mädchen verlassen, und hier jagt es dem Truggebilde einer kranken Phantasie nach, dessen Urbild über den Sternen lebt. Guter William! ich fürchte, so wird es immer sein. Mein Gefolge ist es sehr wohl zufrieden, dass wir bald weiterreisen. Meinen Negern gefällt der städtische Aufentalt nicht. Corally, das schwarze Mädchen, kann gar nicht begreifen, wie man sich in einen so grossen Ort einsperren könne, wo man gar keine Rasenplätze zum Tanzen, keine Blütengebüsche vor seiner Haustür habe. Ihr Bruder Ismael horchte auf die Erzählungen seines Vaters von der Lebensart der Wilden. Er hofft immer, einigen Stämmen am Ontario oder Erie zu begegnen und mit eigenen Augen ihr Treiben zu sehen. Dann aber sehnt er sich nach seiner Frau und seinen kleinen Buben zurück. Corally hat mir auch ganz heimlich vertraut, dass sie einen jungen Schwarzen gar liebhabe, er sei aber arm, müsse noch verdienen und sparen, denn Vaters kleines Feld könne keine neue Familie mehr ernähren. Gutes Kind der natur, wie wenig bedarf es, dich zu beglücken! Einige Morgen Land, eine Hütte, ein paar Kühe, und daran soll es dir bei unserer Rückkunft nicht fehlen.
Washington
So bin ich denn gestern eingezogen in diese Hauptstadt des freien Amerika, vielleicht bestimmt, dereinst der Neuen Welt gesetz, Sprache und Sitten zu geben, wie Rom sie vormals der Alten gab. Möge sie sich nie zu Roms Üppigkeit und Übermut erheben, um einst zu sinken wie sie! Welche Vergleichungen, welche Erinnerungen und Betrachtungen bieten sich hier bei jedem Schritte dar. Kühn und gross ist der Entwurf zu dieser grossen Bundesstadt, wie überhaupt der Riesenbund dieser freien Staaten. Gebe das männer sind voll redlichen Eifers, und nur der Sonnenschein des Friedens ist not. Das Hagelwetter, welches jüngst vorübergeflogen, hat vieles zerstört. Prachtvolle Gebäude stehen dachlos und ausgebrannt, und der Mond scheint verwundert in die leeren Räume hinabzublicken. Die Säulen des Kapitols sind beschädigt von dem feindlichen Geschütz, aber die Säulen der Republik trotzen jedem Anfall, hier wird sich die Macht des neuen Kartago brechen. Unter Kämpfen ward hier das Riesenkind der Freiheit geboren, Kämpfe und Gefahren stärken seine Kräfte und ziehen es gross, wie die junge Eiche mitten unter Stürmen emporwächst.
Mit stiller Ehrfurcht habe ich das noch nicht ganz vollendete Denkmal des grossen Mannes besucht, dessen Name durch die Stadt selbst der späten Nachwelt überliefert wird und dessen Andenken in dem Herzen jedes Amerikaners lebt. Wahrlich, ein beneidenswerter Sterblicher, den selbst seine Gegner nicht zu verunglimpfen wagen! Die einfachen Sitten seines Landes, die ruhige Art der hiesigen entwicklung bewahrten ihn vor dem kühnen Auffluge, welchen unser französischer Adler nahm. Napoleon übertraf Washington an Geist und Energie, wurde aber von ihm an Mässigung und stiller Bürgertugend weit übertroffen. Washington war der Cincinnatus des tugendhaften Roms, Napoleon der Caesar des verderbten. Beider Charakter leiden sowenig eine Vergleichung als die Lage ihrer Umgebungen. Das Gewühl des Hafens und die Tätigkeit, womit man die Brandstätte abräumt und den Schaden zu heilen strebt, hat mich mehrere Tage ergetzt und festgehalten; daneben habe ich manche Forschung nach dem Unbekannten angestellt. Humphry Dyk, der Bediente von Ellison, ist mir dabei sehr nützlich gewesen, und ich habe diesen Menschen recht liebgewonnen, seines Diensteifers wegen. Aber ach, es ist alles vergebens, man weiss hier nichts von einem schwarzlockigen Franzosen, welcher unter den Freiwilligen von Baltimore sich befunden. Alle Behörden sind befragt, alle Krankenanstalten besucht worden; hier ist er nicht, wenn er überhaupt noch lebt. "Was geht es mich an!" rufe ich trotzig aus oder verlache mich selbst mit dieser kindischen Grille; aber es hilft wenig, ich kann den Gedanken nicht loswerden. Das beste wird sein, dass ich mich bald von hier entferne, die Anstalten zu einer Reise und die immer wechselnden Gegenstände werden mich zerstreuen. Wann wird Virginia die Ruhe ihres Herzens wiederfinden!
Baltimore
Hier bin ich wieder, und in voller Geschäftigkeit für einer Entdeckungsreise gerüstet. Humphry hat fürchterliche Vorstellungen von der Ungastlichkeit der Gegenden, wohin wir gehen, ich lasse sie ihm, weil mir beiläufig der romantische Gedanke, durch Wildnisse zu irren, ein geheimes Vergnügen macht.
Wir haben einen Wagen, mit zwei Pferden bespannt, gekauft und für den Zweck zurichten lassen. Gegen Regen und Sonne wird er durch eine Art von Zelt geschützt, welches nicht nur an den Seiten in die Höhe gewunden, sondern auch abgenommen und durch Stangen vergrössert werden kann. In diesem Wagen sitzen Corally und ich auf Sitzkasten, welche mit Decken und Wäsche angefüllt sind. Ausserdem befindet sich ein grosser Fächerkorb voll Lebensmittel und ein tüchtiges Flaschenfutter mit Wein und Rum, ein Bratspiess nebst dazugehörender blecherner Pfanne, sechs Teller aus Silberblech, ein kleiner kupferner Kessel, Messer, Gabeln und Löffel, einige leere Korbflaschen, einige hörnerne Becher, ein Beil, eine Matratze und ein Tragekorb auf demselben. Da hast Du unsre ganze wandernde Haushaltung. John hält uns für fürstlich ausgestattet, Humphry hätte gern noch mehr hinzugetan. Er und John befinden