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geziemende Ehrbarkeit, da es nicht wohl denkbar sei, dass, wenn man den blick immer fest auf den Boden hefte, man eine Pfütze übersehen sollte. Das gute Mädchen, die einzige Tochter des Hauses, leidet vorzüglich von der Pedanterie ihrer Mutter. Es ist ein liebes, frohes geschöpf von Deinem Alter, eine bildschöne Blonde namens Philippine. Sie freut sich am meisten über meine Anwesenheit, welche ihr manche Erleichterung verschafft. Ellison, der Sohn, hat mich ihr auf das angelegentlichste empfohlen; sie liebt ihren Bruder über alles, und er verdient es in der Tat. Wenn ich ihn in diesen Umgebungen betrachte, so stellt er sich als eine schöne fremde Erscheinung dar, und man bemerkt nur an der Liebe, womit ihn alle umfassen und womit er allen begegnet, dass er Sohn des Hauses ist. Die ganze Familie macht die Bemerkung, dass er diesmal heiterer als jemals von seiner Reise heimgekehrt sei, und man scheint sich dabei, fast mit einer Art von Dankbarkeit, gegen mich zu neigen, was mich etwas verlegen macht. Seit einigen Tagen hat sich die Szene um etwas verändert und macht eine eigene wirkung auf mich.

Ich fand es, nachdem ich gehörig Bescheid zu wissen glaubte, für gut, eines Morgens mich mit dem Inhalte des bewussten Kästchens zu Vater Ellison auf das Comptoir zu begeben, um solchen bei seiner Ehrlichkeit und Industrie unterzubringen. Er war überrascht und nahm mich recht wohlbehaglich auf. Eine volle Stunde unterhielt er mich von den verschiedenen Fonds, in welchen die Gelder, mit ansehnlichem Vorteil, arbeiten könnten. Ich bat ihn, die Angelegenheit zwischen uns beruhen zu lassen, glaube aber schwerlich, dass er imstande gewesen ist, sein Wort pünktlich zu erfüllen. Seitdem ist sein gastfreundlicher Ton viel rücksichtlicher geworden. Sein anfängliches Ansehn von Wohlwollen ist in eine Art von Ehrerbietigkeit übergegangen, welches jedem bemerklich werden muss. Mutter Ellison überhäuft mich mit Liebkosungen und ist gegen ihre Gewohnheit sinnreich, mir Zerstreuungen zu verschaffen. Sie veranlasst kleine Spazierfahrten mit ihrem Sohn und ihrer Tochter und fordert die letztere täglich auf, hier und dortin mit mir zu gehen, um mir dies und das zu zeigen. Philippine macht mit Entzücken von dieser neuen Freiheit Gebrauch und liebt mich aufrichtig, als die Schöpferin ihrer Freuden. Nur William Ellison ist nicht so heiter als bisher; eine trübe Wolke lagert auf seiner Stirn, und ein fremdes Etwas scheint zwischen uns getreten zu sein. Gestern, als wir am Ufer des Delaware spazierenfuhren, blickte er lange schweigend dem Flusse entgegen. "So nachdenkend, William?" sagte ich und legte die Hand auf seinen Arm. Er fuhr aus seinen Träumen auf, presste meine Hand und sagte wie erst halb erwacht: "Wäre unser 'Washington' dort untergegangen!" – "Schön", rief Philippine lachend, "dann könnten wir uns heute nicht der lieblichen Winterlandschaft erfreuen." – "Doch", sagte er nach seiner lakonischen Weise, "Virginia ist leicht, ich schwimme gut." Wir liessen das Gespräch fallen. Guter William! dass Virginia mehr gerettet als das nackte Leben, das scheint dir ein Hindernis deiner Wünsche? Oh, wäre nichts als das, zartsinniger Mann, ich würde es freudig in den Fluss werfen und mich in deinen Arm.

Aber es türmt sich eine andere Scheidewand zwischen uns auf, welche du nicht siehst, nicht ahndest, die ich selber hinwegschieben möchte, die aber nur stärker wird, sooft ich Hand daran legen will. Sieh, William ist so lieb und gut, ich achte ihn hoch, ich habe ihn so gern, ich kann mir stundenlang denken, wie glücklich eine Gattin mit ihm leben wird; aber wenn mir dann einfällt, dass ich diese Gattin sein könnte, dann versinkt plötzlich, wie durch einen Zauberschlag, das ganze Gemälde, und Mucius' Bild erscheint auf derselben Stelle und droht mir mit wehmütigem Lächeln. Ja, Mucius, ich bin dein! du hast recht! "Für die Ewigkeit!", so sprachen wir. Guter William, ich kann nimmer die Deine sein. Wenn ich meine ersten Schwüre bräche, welche Bürgschaft hättest du für die zweiten?

Das Leben hier sagt mir recht wohl zu, nur für die Länge mag es in der Stadt ein wenig langweilig werden. Die Gesellschaft der Freunde, woraus der grössere teil der Einwohner besteht, sind sehr brave, rechtliche Menschen, nur etwas zu pedantisch in ihren Sitten. Ich stimme den meisten ihrer Grundsätze und Einrichtungen mit inniger Überzeugung bei, kann aber durchaus nicht begreifen, warum der Geist der Fröhlichkeit damit unvereinbar sein sollte. Kann es dem höchsten Wesen wohlgefällig sein, auf lauter ernste oder traurige Gesichter zu blicken, und können Tanz und Spiel der wahren Tugend zuwider sein? Dass doch des Menschen Wahn immer auf Übertreibungen fällt, er in seinem geistigen Stolze nicht auf die Winke seiner Lehrerin, der natur, achtet! Das höchste Glück, welches ich hier finde, ist die völlige Freiheit der Meinungen. Niemals hört man weder einen religiösen noch politischen Streit; ein jeder sagt ohne Rückhalt sein Urteil und hört ruhig ein entgegengesetztes an. "Es ist möglich, dass du recht hast", sagt der eine, "mir scheint es jedoch so, aber ich kann irren"; der andre äussert sich ebenso, und kein Tropfen Wermut fällt in den Becher der Freundschaft. Diese Mässigung ist um so bewundernswürdiger im gegenwärtigen Augenblick, wo der Krieg und die daraus entsprungenen Unglücksfälle die