Diesen langen Brief Dir zu schreiben, mein Leben noch einmal an mir vorübergehen zu lassen war mir Bedürfnis. Aber nur in seinen Hauptmomenten habe ich es Dir dargestellt, nur die Grundzüge angegeben. Ich habe vermieden, manche Gegenstände und Ereignisse zu berühren, weil sie mit fremden Personen in Beziehung standen. In einer Zeit wie die unsrige muss man sehr behutsam sein, um niemand der Verfolgung auszusetzen. Nun aber habe ich abgeschlossen mit dem alten Leben, ein neues Dasein beginnt für mich; und wie der Sterbende all den irdischen Tand hinter sich lässt, so lasse ich Europas verworrene Angelegenheiten hinter mir. Ich hoffe, künftig nur darauf zurückzuschauen wie ein abgeschiedener Geist auf die Weltändel, welche ihn nicht mehr berühren. Über meine Reise will ich Dir nun noch einiges mitteilen. – Von dem Schauspiel, welches das Meer gewährt, brauche ich Dir nichts zu sagen, Du hast von Hamburg aus einen kleinen Begriff davon, obschon das Weltmeer viel ergreifender als die Nordsee ist. Auch die Fahrt auf demselben soll angenehmer sein, wie Seefahrer versichern; die Wellen brechen sich nicht so kurz, und das Schwanken des Fahrzeuges ist weniger beschwerlich. Diesem Umstande muss ich es wohl mit zuschreiben, dass ich gar nichts von der Seekrankheit empfunden habe, welche Du mir so fürchterlich geschildert hast. Auch trat ich ihr mit starkem Willen entgegen, brachte meine ganze Zeit, in den ersten Tagen, auf dem Verdeck zu, nahm zweckmässige Nahrungsmittel und vermied, die von dem Übel ergriffenen Passagiere zu sehen. So blieb ich gesund und erhielt mir den Mut, dessen ich nur zu sehr bedurfte. Nach und nach befreundete ich mich mit der Equipage, und jedermann fing an, sich für das verlassene Mädchen zu interessieren. Der Kapitän besonders beweist mir die herzlichste Freundschaft, die nahe an Zärtlichkeit grenzt. Er heisst Ellison; sein Vater, ein Kaufmann dieses Namens, ist Chef eines ansehnlichen Handlungshauses in Philadelphia. Ellison hat mir das Versprechen abgewonnen, bei seinen Eltern zu wohnen; dortin, an dies bekannte Haus, kannst Du Deine Briefe schicken, wenn Du es möglich machst, mir zu schreiben. Ellison ist gross und schön gebauet, sein blaues Auge blitzt von Feuer, seine Muttersprache ist die englische, doch spricht er auch fertig französisch; in beiden Sprachen drückt er sich kurz und kräftig aus und ist sehr unterhaltend und belehrend, ohne eben gesprächig zu sein. Seine Gesellschaft hilft mir vorzüglich die Länge der Seereise verkürzen. Sooft ich meine kammer verlasse, wo ich auf das zierlichste eingerichtet bin und täglich einige Stunden mit Schreiben zubringe, hat seine Aufmerksamkeit mir ein kleines fest bereitet. Ein schmackhaftes Mahl, ein Spiel, ein Fischfang, ein Matrosentanz und mehr dergleichen wechseln miteinander ab. Auch kleine Konzerte geben wir, wobei Deine Freundin, mit ihrem Harfenspiel und ihrer stimme, viel unverdiente Ehre einerntet. Unsre Reisegesellschaft besteht aus zwei Kaufleuten aus New York, einem jungen Maler aus der Schweiz und zwei Florentinerinnen, Mutter und Tochter, welche dem mann und Vater nachreisen, der sich in der Havanna etabliert hat, alles freisinnige, wenigstens tolerante Menschen. Während der ganzen Reise gab es nicht eine einzige politische Streitigkeit; unsere Tage flossen schnell und angenehm dahin. Auf Sankt Helena nahmen wir Erfrischungen ein. Ein origineller Felsen mitten in der grossen Wasserwüste. Ich erging mich in seinen üppigen Tälern und träumte mir die Möglichkeit, mit einer kleinen auserwählten Gesellschaft von Freunden, abgeschieden von der ganzen Welt, hier glücklich zu leben. Es möchte wohl tunlich sein, die schon schwierige Landung auf immer unmöglich zu machen.
Unweit dieser Insel hatten wir das erhabene Schauspiel eines Seesturms, für mich höchst wichtig und erwünscht. Ich sehe Dich den Kopf schütteln, meine zarte, furchtsame Adele, aber mir ist nun einmal diese Freude an grossen wilden Naturbegebenheiten angeboren. Schon als kleines Kind freute ich mich, wenn die Durance aus ihren Ufern brach, und bei jedem Gewitter nahm mich mein Vater mit hinaus, während die Mutter sich ängstlich verbarg. Er machte mich aufmerksam auf die Schönheit wie auf den Segen dieser Erscheinung und zeigte mir die Zufälligkeit und seltene Gefahr des Blitzes, wie er überhaupt mich es als lächerlich ansehen lehrte, immer die Gefahren des Lebens zu bedenken und zu vermeiden. So sass ich als Kind ruhig unter meinem Platanus, wenn der Donner über mir krachte. 'Es stehen ja Hunderte dieser Bäume rings um diesen', dachte ich, 'warum sollte der Strahl gerade ihn treffen? und tut er es, so war es mir bestimmt, und er könnte mich ebensoleicht im Bette töten.' – Jetzt freute ich mich der hochtürmenden Wasserberge, des heulenden Orkanes, der Behendigkeit unserer Matrosen, des verdoppelten Lebens um mich her, und ich legte mich am Abend so ruhig in meine Hangmatte nieder als sonst zu Bett. War ich nicht in der Hand Gottes, wie immer und überall? Was zitterst Du, Adele? bist Du denn sicherer auf dem festen land? O nein. Ihr alle steht auf einem glutschwangern Vulkane, traue seiner Stille nicht, er kann sich in jedem Augenblicke öffnen und Euch alle in sein Flammenmeer hinunterschlingen. Ist ein Schiffbruch fürchterlicher? Verschlänge mich der Ozean, so wäre meiner gezählten Tage letzter abgelaufen. Würfe mich eine freundliche Welle an das Ufer, so wäre mir ja der Güter höchstes, das Leben, und mein frischer Mut gerettet; denn glaube nicht, dass ich um die versunkenen Schätze trauern würde. Der Inhalt meines Kästchens ist nicht