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. Mein Vater aber erwiderte, es sei ganz ein anderes, für Freiheit und Menschenrecht in den Kampf zu ziehen als auf Paraden zu glänzen und, als Söldling, völlig fremden Zwecken zu dienen. Man verstand einander fast gar nicht. Der Neffe wünschte, zu seinen Studien zurückzukehren und mit seinen geliebten Griechen und Römern zu leben; der Oheim nannte dies Pedanterie und Verkehrteit, wodurch er eben für die höhere Welt und seine glänzenden Entwürfe verdorben worden und dem feinern Leben immer mehr entfremdet würde. Die Spannung stieg zwischen beiden, sosehr mein Vater sich auch Mühe gab, durch kindliche Zuvorkommenheit diese Unzufriedenheit zu bekämpfen. Endlich erhielt mein Vater die Einwilligung, auf einige Zeit ein kleines Gut in der Provence besuchen zu dürfen, welches er von seiner Mutter geerbt und seit seiner ersten Kindheit nicht gesehen hatte. Er verliess in den ersten Frühlingstagen das geräuschvolle Paris, wie der Vogel den Käfig. Er hatte dort wohl Freunde gefunden, aber die Luft, welche sie gemeinschaftlich umfangen hielt, war so schwül, dass sie das freie Aufatmen gar sehr erschwerte. Jetzt sog er wieder die junge Brust voll frischer Lebenslust und frohen Mut.

Du hast Chaumerive gesehen, am nördlichen Ufer der Durance, diesen schönen Schauplatz meiner frohen Jugend. Gewiss gedenkst Du noch des blumigen Tales, das sich, mit Rebenhügeln umkränzt, längs den Ufern dahinzieht. Vor allem aber des dunklen Flusses, der vor unsrer wohnung strömt, von zahllosen Fischerbarken bedeckt; denn gewiss ist Dir die kühne Wallfahrt noch im Gedächtnis, welche wir beide eines Nachmittags auf seinem grünen Uferwall unternahmen, um seinen Ausfluss in die Rhône zu sehen. Wir gelangten dahin; aber schon begann die Sonne zu sinken, als wir, gefesselt von dem grossen Schauspiel, an die Rückkehr dachten, wo Dir dann Dunkelheit und Ermüdung manche Träne auspressten. Hierher begab sich mein Vater. Freilich war es damals bei weitem nicht so reizend, als Du es gefunden. Seit länger als zwölf Jahren von dem Besitzer vernachlässigt, waren die Gebäude verfallen, die Gärten verwildert, die Felder und Weinberge nur für den augenblicklichen Nutzen bestellt. Mangel und Schmutz blickten aus den einzelnen Hütten hervor, und blassgelbe Gestalten, in Lumpen gehüllt, verrichteten träge die nötigen Fronarbeiten. Doch die natur war gleich üppig. Die wilde Durance tanzte ebenso trotzig daher. Die dunkeln Oliven schattierten ebenso anmutig mit der frischen Zitrone, und Tymian und Lavendel dufteten selbst von öden Triften.

Es bedurfte nur festen Willen, Einsicht und Geschmack, um mit geringen Aufopferungen ein Paradies zu schaffen, welches späterhin jedes Auge entzückte. Mein Vater hatte schon im Augenblicke der Ankunft seinen Entschluss gefasst. Er entliess den reichgewordenen Pächter mit einer angemessenen Vergütung, verteilte den grössten teil des Ackers unter seine Bauern, gegen eine jährliche geringe, von ihnen selbst bestimmte Pacht, und hob alle Zeichen der Dienstbarkeit auf. Er stellte sich den erstaunten Menschen nur als ihren Freund und Ratgeber dar und gewann alle Herzen. Jedermann griff mutig zur Arbeit, und die entworfene Verbesserung rückte mit Riesenschritten vor. Der Weinbau wurde ganz auf die Hügel beschränkt, dort aber um so sorgfältiger betrieben. Es wurden für die Kelter nur gleichzeitig reifende Gewächse von verwandten Eigenschaften gepflanzt. Der Ölbaum wurde nur sparsam zwischen den Reben geduldet und bekränzte meist nur den rücken der Höhen und die nördliche Seite. Die Ebenen wurden mit Weizen besäet und sorgfältig von den schattenden Bäumen und dem wuchernden Gesträuche gereinigt. Die sumpfigen Wiesen und Triften, längs dem Flusse, wurden durch zweckmässige Gräben trockengelegt und durch Ausrottungen ein sehr grosser teil Acker für den fast unbekannten Kartoffelbau gewonnen. Auf dem magersten teil des Landes wurden Maulbeerpflanzungen angelegt und Pomeranzen, Zitronen und alle übrigen Obstarten in den Gärten mit grosser Sorgfalt gezogen. So wurde durch kluge Sonderung dieses mannigfaltigen, sonst durcheinandergeworfenen Anbaues derselben Grundfläche ein zehnfacher Ertrag abgewonnen. Üppig wallte der goldne Weizen, wo ihn sonst der Maulbeerbaum und das Gesträuch erstickte, und der freie Weinstock lieferte den köstlichsten Wein. Die entwässerten Triften nährten zahlreiche und kräftige Herden, wo sonst nur einige magere Kühe des Pächters weideten. Jetzt nahm der Landmann, durch Vorschüsse meines Vaters unterstützt, an allem teil, und Wohlstand kehrte in seine reinliche Hütte zurück, Gesundheit und Kraft sprach sich in seiner regsamen Gestalt aus und jene liebenswürdige Fröhlichkeit, welche den guten Provenzalen so eigentümlich ist. Oh, wie wurde aber auch mein Vater von seinen treuen Untertanen geliebt! Seine Aussprüche waren Orakel, seine Felder und Berge wurden am besten bearbeitet, seine Bauten unglaublich schnell ausgeführt, und bei den Auszahlungen entstand nur Streit darüber, dass er zuviel geben und der Arbeiter zuwenig nehmen wollte.

Welche hohe Zinsen trugen die kleinen, anfangs gemachten Aufopferungen! Wie wurde ihm seine Leutseligkeit in der Folge mit Wucher vergolten! Wie rührend aber war es auch, den edlen Mann im Kreise seiner Untertanen zu erblicken. Doch liebte er diese Benennung nicht; er nannte sie nur seine Freunde. "Ich bin ärmer als sie", pflegte er zu sagen, "ich bedarf ihrer hülfe mehr als sie der meinigen, denn ich bin weniger abgehärtet, und mir sind so viele Bedürfnisse anerzogen, deren Entbehrung sie gar nicht gewahr werden." Der fein gebildete Mann, dessen geistreiche Unterhaltung von Höflingen bewundert wurde, war mit diesen Kindern der natur so einfach als sie. Er stimmte seine Begriffe zu den ihrigen herab, um diese zu lenken, legte oft gesellig Hand an bei ihren arbeiten, mischte sich in ihre Spiele und erfreute sich herzlich bei ihren fröhlichen