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Kindheit. Weinend besuchte ich noch einmal jedes Plätzchen der Erinnerung, kränzte zum letzten Male das Grab meiner Mutter, mit Sommerblumen, und verschloss mich dann in mein Zimmer, um meinen Mut in der Einsamkeit zu stärken. Mein altes Bilderbuch fiel mir in die Augen, ich nahm es mechanisch heraus und schlug es auf. Bald traf ich auf Szenen, wie Atens und Roms Helden ruhig in die Verbannung gingen, wie das ganze Volk der Messenier, von dem stolzen Sparta besiegt, seine geliebte Heimat verliess, um an Siziliens Küste und unter dem glücklichen Himmel meiner Provence seine Freiheit und seine Sitten zu retten. Klein und unbedeutend erschien mir mein eigenes Schicksal gegen diese Beispiele; ich war wieder die alte, besonnen und ruhig. Ich packte das wenige zusammen, was ich mit mir zu nehmen gedachte, und liess eines Abends den Pfarrer bitten, mir zu helfen, um meine Angelegenheiten zu ordnen. Sobald es finster geworden war, ging ich, in seiner und Antoines Begleitung, zur Kapelle, wo mein Vater, im ahndungsvollen Gefühl der Zukunft, jenes Vermächtnis niedergelegt hatte. Wir zogen das Kästchen aus seiner sichern Verborgenheit, und der ehrliche Antoine trug es in mein Zimmer. Darauf kniete ich auf den Stufen des Altars nieder, schmerzliche Erinnerungen drangen auf mich ein, und meine Standhaftigkeit wollte mich verlassen; doch der ehrwürdige Pfarrer stärkte mich durch die Hinweisung auf eine ewige Vorsicht und erteilte mir seinen Segen. Er führte mich in mein Zimmer zurück, und während Antoine Pferde besorgte und den Wagen packte, beauftragte ich ihn mit allen den Andenken, welche ich für meine Getreuen zurückliess, dann trennten wir uns weinend voneinander. Er war seit meiner Kindheit ein treuer Freund meines Hauses gewesen; mir war, als ob ich in ihm einen zweiten Vater verlöre. Aber ihn hielt die Pflicht seines Amtes zurück, mich trieb die Pflicht der Selbsterhaltung hinweg, wenigstens der Erhaltung meines besseren Selbst. – In finstrer Nacht reiste ich ab; es wäre mir zu schwer geworden, mich von der weinenden Menge zu trennen, ja unerträglich fast, die geliebten Gegenden so allmählich entschwinden zu sehen.

Ich reiste ganz allein mit Antoine, welcher mich bis Marseille geleiten sollte. Gern wäre er mir auch weiter gefolgt, aber ich mochte ihn nicht von seinen Kindern trennen, so wie ich denn auch meine gute Manon unmöglich ihren Eltern entziehen konnte und ihr deshalb das Weitere meines Vorhabens verschwieg. Ich liess ihr eine gute Aussteuer zurück, welche sie jedoch, bei ihrer anhänglichkeit, nur wenig getröstet haben wird.

Bei meiner Ankunft in Marseille erkundigte ich mich sogleich im Hafen und fand ein segelfertiges amerikanisches Schiff, welches nur auf den ersten günstigen Wind wartete, um die Anker zu lichten. Der Kapitän, aus Philadelphia, hatte eine von den einnehmenden Physiognomien, welche sogleich Vertrauen erwecken. Ich trug ihm meinen Wunsch vor, und er war sogleich bereitwillig, mir einen bequemen Platz in der Kajüte einzuräumen, ja er war so lebhaft besorgt für mich, dass er in mich drang, sein Schiff sofort zu besteigen, um jede Nachfrage zu vereiteln. Ich liess also meine Sachen an Bord bringen und trennte mich von meinem treuen Antoine, welchem ich ein sorgenfreies Alter zugesichert hatte, mit der schmerzlichsten Rührung und mit der Bitte, auf einem weiten Umwege in unsre Heimat zurückzukehren. Nun war ich allein, zum ersten Male ganz allein, in fremder Umgebung. Kein Gegenstand, kein Gesicht erinnerte mich an eine bekannte Vergangenheit. Der Eindruck war neu und erfüllte mich mit inniger Wehmut. Alles, was ich verlassen hatte, was mir war entrissen worden, verlor ich erst in diesen Augenblicken. Ich bedurfte eines Wesens, in dessen treue Brust ich meine Klagen ausströmen konnte. Du warst mir diese geliebte treue Seele. Gewiss wirst Du diese Blätter, wenn sie zu Dir gelangen, nicht ohne das regeste Mitgefühl lesen. Sie entalten meine Rechtfertigung, wenn ich deren bei Dir bedarf. Auch bei Deiner Mutter werden sie mich entschuldigen, wie ich zu hoffen wage. Ungern nehme ich ihren Zorn mit in die Neue Welt hinüber, sie wird mir ewig die geliebte Schwester meines teuern Vaters bleiben. Bringe ihr mein zärtlichstes Lebewohl und sage ihr, Virginia sei nur unglücklich, nicht undankbar. – Was den Herzog betrifft, für den bin ich tot, und die Erbschaft meiner Besitzungen wird ihn hoffentlich über mein frühes Ende trösten. Louis hat mich gewiss schon längst vergessen. Seine Neigung war wohl nur ein Kind der Konvenienz; er erreicht jetzt seinen Wunsch ohne die lästige Zugabe, welche ihm doch vielleicht oft fühlbar geworden wäre, und kann durch eine neue, glänzende Verbindung seinen eigenen Glanz noch um vieles erhöhen.

Euch gehört nun Chaumerive. Ach, Adele, sei Du der Schutzgeist meiner verlassenen Freunde! Du bist ja auch unter ihnen glücklich gewesen. Deiner guten Mutter empfehle ich sie gleichfalls, es waren ja die Kinder, die Freunde ihres wahrhaft edlen Bruders, dessen Name noch von den Enkeln mit Liebe genannt werden wird. Oh, meine Adele, wenn Du in den schönen Sommermonden durch diese lieblichen Täler wandelst, so gedenke meiner! Sprich mit meinen Getreuen oft von mir, und bringe ihnen meinen Gruss. Wenn Du in der Geissblattlaube ruhest und die tanzende Durance betrachtest und es lispelt ein leises Lüftchen durch die Blüten, so denke, es ist die stimme Deiner Virginia. Ihr Geist wird Dich immer umschweben; ja aus den Gefilden der Seligen würde er noch zu diesen lieben Gegenden zurückkehren.