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ich mich vertrauen. Sobald ich hierüber mit mir einig war, fühlte ich mich beruhigt und erschien wieder unter Euch, mit meiner gewohnten Heiterkeit, wodurch Ihr alle auch über mein Vorhaben getäuscht worden seid. Im stillen fuhr ich jedoch zu beobachten fort, und bald wurde mir klar, dass ich fast wie eine Gefangne gehütet werde. Man hatte mir eine zweite Kammerfrau gegeben und meine Manon ziemlich überflüssig zu machen gesucht. Antoine wurde mit Pension entlassen, um nach seiner Heimat zurückzukehren, und kam, um mir zum Abschiede die Hand zu küssen, Deine Mutter war dabei zugegen. Aber vorbereitet darauf, drückte ich ihm, indem ich ihm einige Goldstücke zum Andenken schenkte, unvermerkt einen kleinen Zettel in die Hand, worin ich ihm befahl, bis auf weitere Nachricht auf dem nächsten dorf zu verweilen. Mit Behutsamkeit fand ich nun gelegenheit, Manon mein Vorhaben zu entdecken. Die Schlauheit des Mädchens glich ihrer Treue; sie war schnell orientiert und spielte ihre Rolle vortrefflich, denn auch sie sehnte sich ebenso nach den Blumenufern der Durance zurück als ich mich nach Freiheit. Reichlich durch mich mit Geld versehen, fing sie ihr Spiel damit an, dass sie sich sehr schau- und tanzlustig stellte und mit einigen Bedienten der Nachbarschaft die öffentlichen Örter besuchte, worüber sie einigemal sich meine Missbilligung und ernstliche Verweise Deiner Mutter zuzog. Sobald sie sich in dieses Licht gestellt hatte, nützte sie die angenommene Meinung über ihre Gänge, um Antoine aufzusuchen und alles mit ihm zu verabreden. Sie kam oft spät nach haus, wobei sie sich immer von einem jungen Menschen begleiten liess und dann dem aufschliessenden Schweizer schmeichelte, damit er ihr spätes Ausbleiben verschweigen solle. Ihn zu beschwichtigen, brachte sie ihm mehrere Abende nacheinander ein Fläschchen Madeira mit, welches ihr, wie sie sagte, ihr Liebhaber verehrt habe, der die Aufsicht über seines Herrn Weinkeller führe; der Wein sei ihr zu hitzig, meinte sie, der Schweizer fand ihn dagegen sehr nach seinem Geschmack. Nachdem sie ihn so einige Tage sicher gemacht hatte, mischte sie eines Abends einen leichten Schlaftrunk unter den Wein, dessen wirkung schnell, aber nur von kurzer Dauer sein sollte, und erquickte beim Nachhausekommen den Wartenden. Ich war durch einige Winke benachrichtiget und lag wachend in meinem Bette. Schnell stand ich auf, warf nur eine Unterkleidung über, hüllte mich in ein grosses Tuch, und so schlichen wir behutsam die Treppe hinab. Der Schweizer lag glücklich im tiefsten Schlaf, Manon nahm den Schlüssel, öffnete, und wir erreichten glücklich die Gasse. An der nächsten Ecke erwartete uns Antoine mit einem Wagen. Manon hatte für Kleider, Antoine für einen Pass, auf sich und zwei Töchter lautend, gesorgt. So kamen wir ohne Hindernis aus den Barrieren, und ich atmete tief auf, als die Steinmasse hinter mir lag, welche für mich ein Gefängnis gewesen war. Vergib mir, teure Adele, es tat mir wohl wehe, Dich verlassen zu müssen, aber das Gefühl der Freiheit überwog jede andre Empfindung. Selbst meinen grossen Verlust und das Unglück meines Vaterlandes fühlte ich in diesen Augenblicken nur schwach.

Wir eilten schnell vorwärts und gönnten uns kaum die notwendigste Rast. Doch glaubte ich, selbst bei diesem Vorüberfluge, zu bemerken, dass die Stirnen überall tiefer gefurcht waren als in Paris. Dies tat mir einigermassen wohl; denn hätte ich länger in der Hauptstadt gelebt, ich glaube, ich hätte mein Volk hassen gelernt. Ich hatte mich sehr davon entwöhnt, mich über etwas zu äussern, und beobachtete dies auch während der Reise. Doch hörte ich auch einen Postmeister, während des Pferdewechselns, ganz ohne Veranlassung sagen: "Hier kam er durch, als er von Fréjus kam, um das Reich zu retten; damals ahndete ich nicht, dass ich ihm noch einmal Pferde geben würde, um aus seinem geretteten Reiche in die Verbannung zu gehen." Die tiefbewegte stimme des Mannes erschütterte mich. Er stand an der Schwelle des Greisenalters; weinend und schweigend reichte ich ihm die Hand. "Oh, mein fräulein", sagte er, indem er sie zwischen den seinigen drückte, "ich habe im Kampfe für das Vaterland drei Söhne verloren, wackre Jungen, aber ich tröstete mich, denn Frankreich war gross und glücklich. Soll all das Blut, welches der Freiheit geopfert wurde, vergebens geflossen sein?" Ich verbarg schluchzend das Gesicht und zeigte mit der Hand gegen Himmel. "Wohl, mein fräulein", sagte er, "Gottes Wege sind nicht unsre Wege, und dem Sterblichen geziemt Entsagung." Hoch schlug mein Herz, als ich den Ventoux in weiter Ferne erblickte, noch höher, als die weissen Gemäuer von Chaumerive sichtbar wurden. Der Wagen fuhr mir zu langsam, ich verliess ihn und flog mit Windeseile auf dem Fusspfade dahin. Mir war, als müsste ich all die lieben Verlorenen wiederfinden. Ach, ich fand sie nicht! Aber ein treues Völkchen fand ich wieder, das mich mit ausschweifender Freude umarmte, fragte und hörte und dann teilnehmend mit mir weinte um meinen Vater und um mein Vaterland. Erquickende Tränen, welche mein verarmtes Herz wieder an die Menschheit banden! O hätte ich hier bleiben können, getrennt von der übrigen Welt und vergessen! Aber dies durfte ich nicht hoffen; selbst der Pfarrer, dessen Rat ich einholte, fürchtete für die Sicherheit meines Aufentalts und sah wenigstens viel Unruhe und Verdruss voraus. So musste ich denn mit schwerem Herzen mich losreissen von der Wiege meiner