1819_Frohlich_023_37.txt

haltend: "Ich denke, Gräfin, Sie haben kein andres als mein Haus." – "Ich werde es mit den dankbarsten Empfindungen verlassen", erwiderte ich, "aber der Aufentalt meiner Kindheit fordert mich unwiderstehlich zurück." – "Es ist Zeit, diesen romantischen Hang abzulegen", antwortete er, "ich werde sorge tragen, dass Ihr Interesse dort aufs beste wahrgenommen werde; ich werde einen sicheren Geschäftsmann dahin senden, welcher alles reguliert, und was Sie sich etwa noch von dorter wünschen, haben Sie nur die Güte zu bestimmen." Ich sah ihn während einer kleinen Pause mit grossen Augen an, dann sagte ich bescheiden, aber nachdrücklich: "Chaumerive und seine nachbarlichen Besitzungen waren meines Vaters rechtmässiges Eigentum, und ich bin mündig." – "Die Töchter grosser Familien sind dies niemals", erwiderte er, "und ich bitte, nicht zu vergessen, dass ich die Ehre habe, das Haupt der Unsrigen zu sein." – "Ihnen meine achtung zu bezeugen, Herr Herzog, legte ich Ihnen meinen Entschluss vor", sagte ich mit vieler Ruhe. "Den Sie auch ohne meine Zustimmung ausführen zu können glauben?" rief er zornig; "aber ich sage Ihnen, Sie werden es nicht wagen, meine trotzige Republikanerin! mein Arm reicht weit, und dem Könige muss daran liegen, dass der Glanz seiner Getreuen, durch reiche Erbinnen, erhöhet werde, ich habe deshalb schon Einleitungen getroffen. Ihre Hand ist meinem Sohne bestimmt, dieses Bündnis stellt alle Parteien zufrieden, und Ihre Meinung ist darin von keinem Gewicht; Töchter hoher Abkunft werden immer nach den Gesetzen der Konvenienz vermählt." – "O Gott! ich bin nicht von hoher Abkunft", rief ich aus. "Man wird einen Schleier über die Vergangenheit werfen", erwiderte er, "Sie werden vom hof nur als die Enkelin des Herzogs von Montorin angesehen werden, suchen Sie sich dieser Gnade würdig zu machen, und vor allem scheuen Sie meinen Zorn." Damit entliess er mich. Ich kam ganz verstört in mein Zimmer zurück, wo ein heftiger Tränenstrom meine gepresste Brust erleichterte. Deine Mutter erschien bald darauf. "Unglückliche", sagte sie, "warum musstest du dir eine so unangenehme Szene zuziehn, und um welcher kindischen Grille willen! Hättest du einen Augenblick nachgedacht, so würdest du selber eingesehen haben, wie unschicklich es sei, allein nach Chaumerive zu reisen. Nach deiner Vermählung wird Louis gewiss die gefälligkeit haben, dich auf einige Wochen dahin zu führen." – "Sie setzen da einen Fall, liebe Tante", sagte ich, "welcher meiner Seele sehr fremd ist." – "Fremd?" rief sie, "und warum, wenn ich bitten darf? Louis liebt dich, das wusstest du längst, und worauf könnte sich bei dir eine Abneigung gegen ihn gründen? Er ist jung und liebenswürdig, er sichert dir einen hohen Rang in der Gesellschaft; überdies aber ist diese Heirat in der Familie einmal beschlossen, und ich hoffe, dass du wenigstens soviel Erziehung haben wirst, um zu wissen, dass du deiner Familie Gehorsam schuldig bist." – "Meine Eltern, welche ihn zu fordern ein Recht hatten, haben ihn nie an mir vermisst", antwortete ich gefasst, "aber gewiss würden diese teuren Eltern niemals über meine Hand verfügt haben, ohne mein Herz zu Rate zu ziehen." – "Ja, ja", sagte sie, "mein Bruder dachte freilich etwas bürgerlich; in unserm stand kann aber davon die Rede nicht sein. Ich will doch nicht hoffen, dass dein Herz schon eingenommen ist? etwa für einen kleinen Emporkömmling von ehemals? Ich rate dir, ihn in der Stille daraus zu verbannen, es könnte ihm leicht ein schlimmes Spiel machen." Ich schwieg, denn ob ich gleich die versteckte Drohung nicht zu fürchten hatte, so war mir Mucius' Name und meine Liebe zu heilig, um sie hier auszusprechen. Deine Mutter glaubte in meinem fortdauernden Stillschweigen und in meiner ruhiger werdenden Miene ein günstiges Zeichen zu sehen; sie glaubte mich zum Nachgeben gestimmt und verliess mich mit vieler Zufriedenheit, indem sie mich wiederholt umarmte und mich ihre gute Tochter, ihre vernünftige Virginia nanntesie irrte sehr. In meiner Seele arbeitete sich der Vorsatz empor, diese Fesseln, um jeden Preis, zu brechen, und dieser mutige Gedanke gab mir Festigkeit und Ruhe. Sobald ich allein war, fing ich an, über Mittel nachzudenken, durch welche ich zum Ziele gelangen könnte, und ich befand mich in einem ziemlichen Labyrinte.

Sosehr ich auch von der Rechtmässigkeit meiner Forderung und von meinem Anspruch auf Unabhängigkeit überzeugt war, so wusste ich doch nicht, wie weit die Gewalt der Willkür gehen könnte. Ich hatte in meiner Kindheit zu viel von Machtsprüchen und Gewaltstreichen dieser Art gehört und gelesen, als dass sich mir nicht die Möglichkeit hätte aufdringen sollen, man werde zu einer Zeit, wo man eifrig darnach zu streben schien, das Alte ganz wiederherzustellen, ohne Bedenken dazu wieder seine Zuflucht nehmen. Auf wessen Schutz konnte ich hoffen? Meine Gegner waren von der siegenden, meine Freunde von der unterdrückten Partei. Wen sollte ich mit dem gefahrvollen amt meiner Verteidigung belasten? Versperrte ich mir nicht bei einem offenbaren Auflehnen, im unglücklichen Falle, jeden Weg der Rettung? Bald begriff ich, mein einziges Heil liege nur in der Flucht und nur meinem eignen Mute dürfe