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folgte auf den Donner des Geschützes; die Strassen wurden minder geräuschvoll und öder; jeder fragte mit banger Neugier den Nachbar um Nachrichten, diese waren widersprechend und unsicher. Da liess sich plötzlich Pferdegalopp die Strasse hinauf vernehmen, ahndungsvoll stürzte ich an das Fenster. Es war der junge Pole, welcher, mit Staub bedeckt, vom Pferde sprang. Ein furchtbares Vorgefühl warf mich regungslos auf einen Sessel, sein Anblick sagte mir das Schrecklichste, noch ehe er die Lippen öffnete. Verzweiflung rang in seinen Zügen, und Blässe war an die Stelle seiner Jugendröte getreten. Er sank zu meinen Füssen. "Verloren!" hauchte er mühsam hervor. "Mein Vater?" rief ich, fast erstickend. Er zog ein Portefeuille mit dem Bildnisse meiner Mutter aus seinem Busen. "Das letzte Andenken des edlen und sein Lebewohl!" sagte er kaum vernehmbar. Ich war vernichtet, ich hatte keine Tränen. "Ach", fuhr er fort, "Ihr Vater starb beneidenswert! die Schlacht, sie war noch nicht entschieden und die Hoffnung noch auf unsrer Seite. Mit seinem Leben hoffte er den Ruhm und die Freiheit seines Vaterlandes erkämpft zu haben. Es ist vorbei!"

Ich drückte heftig das blutbefleckte Andenken an meinen Mund und sank vor Schmerz zusammen. Die Frauen eilten mir zu hülfe. Auf ihre fragen erfuhren wir, ach nur zu früh! die fernern begebenheiten. Man hatte schimpflich kapituliert. Frankreichs Ehre und die Kaiserkrone wankten; soviel vernahm ich. "Mein fräulein", rief der junge Pole und drückte meine kalte Hand an seine Brust, "ich war sehr kühn und hegte eine grosse Hoffnung! Ein Traum, er war zu schön! ich bin herabgestürzt aus allen meinen Himmeln. Verlassen muss ich die kaum Gefundene, zu ihm ruft mich die Pflicht, er bleibt mein Herr, ihn wählte ich mir zum Stern! der Tod nur trennt mein Schicksal von dem seinen."

Ich ermannte mich auf einen Augenblick, das Feuer des Jünglings regte meine Lebenskraft ein wenig auf. "Gehen Sie", sagte ich, "gehen Sie, wohin Pflicht und Ehre Sie rufen, meine achtung begleitet Sie." Ich neigte mich zu ihm nieder, er drückte mich leidenschaftlich an seine Brust. "Ich gehe, um Ihrer wert zu bleiben", rief er, "lebe wohl für diese Welt!" – – ich sah ihn nie wieder. Matt und in dumpfer Fühllosigkeit fiel ich in die arme meiner weinenden Manon zurück. Ich übergehe die zerreissenden Empfindungen der nächsten Stunden; sie waren schrecklich. Keine lindernde Träne wollte meinen brennenden Schmerz kühlen, mein Gehirn brachte nur verworrene grässliche Bilder hervor. Da erbarmte sich die natur, die gütige, meiner und rettete meine Sinne durch eine betäubende Krankheit. Lange habe ich in Fieberhitze gelegen, dem Anscheine nach ein Raub des Todes, und nur allmählich und schwach ordnete sich mein Bewusstsein wieder. In dem Zustande eines Kindes, welches die Grösse seines Verlustes noch nicht ganz begreift, lernte ich den meinigen fassen und ertragen. Er, der meines Lebens Sonne gewesen, war nicht mehr! Mir grauete in der finsteren Nacht, in welcher ich allein gelassen war. Aber wie Kinder plaudern, wenn sie sich fürchten, so redete ich leise mit ihm, der mir immer gegenwärtig schien. Ich hörte viel reden von den Vorfällen des Tages; mein Anteil daran verstärkte sich nur langsam, doch waren meine Beobachtungen genau und meine Ansichten unverändert. Man äusserte sich überall mit der Behutsamkeit, an welche man sich seit der Schreckenszeit gewöhnt hatte, doch merkte ich leicht an den seichten Trostgründen, womit man einander das Unabänderliche in ein vorteilhaftes Licht zu stellen suchte, wie sehr man des Trostes bedürfe. Ich vermied jede Äusserung über das, was mich, nächst meinem persönlichen Verluste, so schmerzlich bewegte, teils aus körperlicher Schwäche, teils weil ich es für zwecklos hielt, da eine ohnmächtige Weiberstimme zu erheben, wo Millionen Männerstimmen schweigen mussten; aber mit dem geist meines Vaters setzte ich in Gedanken diese gespräche fort. 'Die Sache des Volkes ist verloren', sagte ich, 'und die Sache der Fürsten siegt, nach zwanzigjährigem Blutvergiessen. Dass der grosse Mann des Jahrhunderts verlästert wird, ist natürlich und liegt schon in seiner Grösse. Flecken und Mäler erscheinen an einer Riesenfigur grösser, und Pygmäen finden den Gulliver abscheulich. Sein grösstes Verbrechen aber scheint mir immer zu sein, dass er, im volk geboren, sich den Weg zum Trone gebahnt und das Volk ihn darauf bestätigt hat. Wäre er ein geborener Fürst, man würde ihn in der geschichte über alle Helden der Vorzeit erheben und ihm seine Eroberungen nicht als Verbrechen anrechnen. Dass Regierungen durch solche Besitzergreifungen nicht befleckt werden, beweisen ja noch in den neuesten zeiten die Eroberungen Russlands gegen Süden und Osten, die Handlungsweise der Engländer in Ostindien und die Teilung von Polen. Der Besiegte trägt sein Schicksal mit Grösse, und eben dies verbürgt mir die Stärke seines Geistes; ein eitler Ehrgeiziger würde darunter erliegen, doch er, in seinem stolzen Selbstgefühl, würde sich noch in Fesseln erhaben dünken und frei!'

Mehrere Wochen noch blieb ich, durch einen Zustand von Schwäche, im Bette festgehalten, und auch dann noch konnte ich nur auf einzelne Stunden im Wohnzimmer, auf einem Sofa, dem kleinen Familienkreise unsres Hauses beiwohnen. In demselben hatte sich während meiner Krankheit eine grosse Veränderung zugetragen. Ein junger deutscher freiwilliger Jäger war bei uns einquartiert und in kurzem