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in den Kampf", sagte er, "ihre Teilnahme an kriegerischen Auftritten ist eine Unnatur, welche sich nur entschuldigen lässt, wenn sie unfreiwillig dazu gezwungen werden." – "Auch erbebt mein Inneres vor Blut und Mord", erwiderte ich; "aber lass mich dir wenigstens nahe sein, dass ich oft von dir höre, du bist ja mein alles auf der Welt." – "Nun wohl", entgegnete er, "wir reisen zusammen, zuvörderst nach Paris. Dies ist der Punkt, wohin die Feinde streben, das Herz des staates, von dort muss auch die Verteidigung ausgehn. Der alte ehrliche Antoine und deine treue Manon sollen uns begleiten." – Ich traf meine Anstalten, und der Vater versah mich reichlich mit Gelde für eine lange Abwesenheit. Am Abend vor unserer Abreise befahl er mir, die Leute zeitig zur Ruhe zu schicken und, wenn alles schliefe, auf sein Zimmer zu kommen; ich gehorchte. Als ich bei ihm eintrat, hatte er ein Kästchen offen auf dem Tische stehen. "Siehe, Virginia", sagte er, "hier ist, was ich längst für zeiten der Not gespart, unsre einfache Lebensweise machte mir es möglich. Hier sind fünftausend Napoleondor und eine gleiche Summe in amerikanischen Staatspapieren. Sollte ich das Ende dieses Kampfes für unsre Unabhängigkeit nicht erleben und das Vaterland sich in Geldverlegenheit befinden, dann hilf du statt meiner; gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, unter der von ihm hergestellten und geschützten Ordnung wurde es erworben. Geht alles, was ich nimmer denken mag, geht alles in Trümmer, nun so rette dich selbst." Er schloss das Kästchen, lud es, schwer tragend, auf seine Schulter, reichte mir eine Blendlaterne und Werkzeug, und wir gingen schweigend den Weg zur Kapelle. Hier nahmen wir das Marienbild herunter, öffneten eine unbemerkbare Höhlung des Gemäuers, schoben das Kästchen hinein, schlossen sie ebenso unbemerkbar wieder und hingen das Bild an seine Stelle. 'Werde ich diese heilige Stätte wiedersehen?' fragte leise mein Herz. Ich sank kniend auf die Stufen des Altars und betete: "Du Ewiger, gib mir Kraft!" – "Darum flehe auch ich, Du Unerforschlicher!" rief mein Vater und kniete neben mich. Der Anblick erschütterte mich tief, ich hatte nie ihn so bewegt gesehen. "Oh", fuhr er in seiner betenden Betrachtung fort, "Deine Wege sind dunkel; die Frage 'Warum?' drängt sich auf jede Lippe, und jeder beantwortet sie nach seiner Einsicht und wie es ihm selbst frommt. Ich weiss, dass alle Einsicht nur menschliche und Irren das allgemeine Los der Sterblichen ist; doch bleibt das beste Wissen und der reinste Wille immer die einzig sichre Richtschnur; auch ich folge ihr, der Ausgang steht bei Dir. Segne mein Vaterland! doch muss es jetzt untergehen zum Wohl künftiger Geschlechter, zum Wohl der ganzen Menschheit, so gib uns zur Entsagung Kraft, und lass uns edel fallen."

Er erhob sich mutig und zog auch mich in seine arme empor. Wir gingen gestärkt und mit neuem Vertrauen in unsre wohnung zurück, um uns durch Ruhe zu kräftigen für den schmerzlichen Abschied.

Weinend umringten uns am Morgen die Bewohner der umliegenden Gegend. Es war eine einzige grosse Familie, welche von ihrem Vater Abschied nahm. Segenswünsche erfüllten die Luft; die junge Mannschaft, welche freiwillig Dienste nehmen wollte, stand ebenfalls bereit, sie hatte sich beritten gemacht und wollte uns begleiten, doch nur unter meines Vaters Anführung fechten. Die Greise gaben den Jünglingen kräftige Ermahnungen mit, und selbst die Mütter zitterten nicht für das Leben ihrer Söhne, sondern empfahlen ihnen nur Sorgfalt für die Erhaltung ihres guten Herrn. "Beschützet unsern Vater, beschirmt ihn mit Gefahr, mit Aufopferung eures Lebens!" riefen sie uns noch lange nach. Mein Vater war tief gerührt, und meine Tränen flossen reichlich. – Der Weg nach Paris war mit Truppen bedeckt, welche aus allen Richtungen zu den Armeen eilten. Mein Vater war lange unschlüssig, welcher er sich anschliessen sollte; indessen setzten wir unsern Weg fort, weil er mich erst in die Hauptstadt, als den sichersten Aufentalt, geleiten wollte. Wir langten an einem heitern Tage vor derselben an. Zu jeder anderen Zeit würde mich der Anblick so vieler Pracht und des wogenden Getümmels mit Entzücken erfüllt haben, jetzt aber war meine Seele zwischen schreckender Gegenwart und banger Ahndung geteilt. Doch gewann Paris, in geschichtlicher Hinsicht, bald ein Interesse für mich, welches mich in etwas von meiner eignen Gegenwart abzog. Alle Erzählungen aus den Tagen meiner Kindheit vergegenwärtigten sich mir. Hier war der Schauplatz jenes grossen Trauerspiels, welches ehemals mit seinen Greuelszenen, mit seinen Grosstaten mich wechselnd mit Schauder und mit Freudentränen erfüllte. Wie oft hatte ich mich hierher gewünscht! Jetzt war ich da, und märchenhaft schien mir die rauhe Wirklichkeit. Hier hatte die furchtbare Bastille gestanden; dort war aber auch wieder die schreckliche Guillotine permanent tätig gewesen. Diesen altertümlichen Dom hatte man damals zum Tempel der Vernunft geweiht; dort erhob sich im grossen reinen Stil das majestätische Panteon. Welche Gegenstände, den Geist zu beschäftigen! Mich wunderte aber nichts so sehr, als dass die Pariser zwischen diesen Denkmälern so leichtsinnig umherlaufen konnten, haschend nach Tand und leeren Zerstreuungen, nach dem Genuss des Augenblicks. Mein Erstaunen wuchs, als ich sie, in diesen ernsten Tagen der Bedrängnis, scherzen und witzeln hörte.