ungeteiltem Sinn, feindlich begegnen würde. übrigens erhob sich sein jugendliches Herz allmählich wieder zur Hoffnung. Er wünschte und rechnete darauf, mich wiederzusehen. Der neue Frühling war hoffnungs- und segensreich in Frankreich eingezogen. Eine hohe Nationalfreude belebte jedermann, bis zu den Hütten herab begrüsste man einander mit frohem jubel. Ganz Frankreich jauchzte der jungen schönen Kaiserbraut entgegen, diesem sanften Friedensengel, der künftigen Mutter eines starken Geschlechts.
Auch in unserm kleinen Kreise wurde fast von nichts als von dieser frohen Begebenheit gesprochen. Mein Vater nahm daran all den Anteil, den er immer an dem Wohl seines Landes und dem Ruhm unsers gekrönten Helden zu nehmen pflegte. Meine Mutter aber schien diese Fröhlichkeit nur zu schmerzen. "Zu spät", seufzte sie, "musste ich ein so teures Opfer bringen, damit der Friede einzöge!" – "Oh, Mutter!" rief ich im Auflodern meiner alten Begeisterung, "Emil starb, weil seine Tage gezählt waren. Wäre es aber möglich, dass die Gotteit ein Menschenopfer annähme für Frankreichs Frieden, Freiheit und Glück, so wollte ich ja, mit tausend Freuden, noch heute mein Blut tropfenweise dafür vergiessen!" Mein Vater drückte mir schweigend die Hand, meine Mutter sah mich mit starren Blicken an, schüttelte dann langsam den Kopf, fasste nach ihrem Rosenkranz und versank wieder in stillen Gram.
Die Tage der allgemeinen Freude wurden uns Tage der Trauer. Mitten unter den Vermählungsfeierlichkeiten starb meine arme gute Mutter in meinen Armen. Mein Vater kämpfte männlich mit seinem herben Schmerz. Er küsste den kalten Mund der Geliebten mit zärtlicher Wehmut. "Ruhe sanft, holde Klara!" sagte er, "die Erdenleiden drücken jetzt dein armes Herz nicht mehr, stiller Friede ruht auf deiner reinen Stirn, ich will nicht klagen, da du glücklich bist, ich will mich deines Friedens freuen." Auch ich empfand wie er, ich weinte um ihren Verlust, aber ich freute mich ihrer Ruhe und schmückte ihren Sarg mit den buntesten Kindern des Frühlings. Ach! oft noch, wenn ich ihren Hügel mit Rosen umkränzt, habe ich sie glücklich gepriesen, dass der Tod sie so früh gegen die Stürme der Zeit in seine dunkle wohnung gerettet. Ihrer Seele fehlte die ideale Richtung und der mutige Wille, womit man allein so ungeheure Schicksale zu bestehen vermag.
Einsamer und stiller lebten wir nun fort, aber ruhig und heiter. Wir freueten uns des allgemeinen Wohls und strebten nach Kräften, es zu fördern. Mucius' Briefe blieben im Herbste des Jahres 1810 plötzlich aus, und auch die genauesten Erkundigungen konnten uns keine Nachricht verschaffen. Lange schon war ich auf seinen Verlust vorbereitet, doch schmerzte er mich darum nicht weniger tief. Meine Seele wehrte sich lange, daran zu glauben, bis mehrere zurückkommende Soldaten seines Regiments uns versicherten, sie hätten ihn bei der Einnahme von Victoria auf der brücke vordringen und, den Adler in der Hand, die Freiwilligen des Korps aufmunternd hinüberführen sehen. Auf der Mitte aber sei er über das niedrige Geländer herabgedrängt und unfehlbar von dem reissenden Strome verschlungen worden, da man ihn nicht wieder gesehen habe. Nun war es entschieden, mir blieb nichts zu hoffen, nichts zu fürchten übrig, so glaubte ich wenigstens und richtete mich an diesem traurigen Troste gewaltsam auf. "Jetzt bin ich nichts als deine Tochter!" rief ich und warf mich um meines Vaters Hals. "Wir bleiben uns", sagte er und drückte mich zärtlich an die Brust. Auch er trauerte schmerzlich über den Verlust des wackern Jünglings, er hatte ihn als Sohn geliebt. Wir redeten oft von den lieben Verlorenen und labten uns an der Erinnerung ihres irdischen Daseins. "Das ist das Los des Schönen auf der Erde", sagte mein Vater, "dass es schnell verblüht!"
So verlebten wir unsere Wintertage. Ich spielte die Harfe fleissiger als je und sang manches neue Lied, das für unsere Lage passte und meinen Vater erfreuete. Dieser suchte seine Studien wieder hervor, setzte mit mir den Unterricht in den neueren Sprachen eifrig fort oder übersetzte für mich die trefflichsten Stellen der Klassiker. Das Studium der geschichte, besonders der ältern, füllte regelmässig unsere Abendstunden, wobei es nicht an Vergleichungen fehlte, welche mancher neuerlich aufgestellten Meinung nicht sehr günstig waren. Ich beschäftigte mich daneben aufs emsigste mit künstlicher Stickerei und Weberei, wobei mich mein Vater lächelnd mit Penelope verglich.
Als die Hirtenflöten wieder durch die Täler tönten, hüpfte auch ich wieder kindlich froh über die blumigen Matten. Das leichte Blut meiner Heimat verleugnet sich nicht lange in dem jugendlichen Herzen, es wirft die schwarze, trübe Mischung hinaus und hüpft fröhlich durch die Adern; so auch bei mir. Wenn ich zum Sternenhimmel aufsah und weinend an meinen Mucius dachte, so entzückte mich doch bald das Flöten der Nachtigallen und der tausendstimmige Chor der Abendvögel umher. Die Balsamdüfte der Blütengebüsche zogen lindernd in meine Brust, und der schmeichelnde Abendwind trocknete mein feuchtes Auge. Wenn ich Blumen pflückte, das Grab der Mutter und Emils teures Bildnis zu kränzen, so erfreute mich ihr Farbenschmelz, und ich wand mir schon wieder spielend diejenigen in das Haar, deren Anblick den Vater erfreute. Seinem Arbeitstische liess ich sie nimmer fehlen, und bei jeder Mahlzeit schmückte ich sorgsam die Tafel damit. Den Tänzen unserer Dörferinnen entzog ich mich nicht mehr, die Besuche meiner nachbarlichen Gespielinnen erwiderte ich willig und stimmte heiter in die jugendliche Fröhlichkeit ein. Mein Vater freute sich meiner Heiterkeit. Der Mut