Virginia, bei deiner Seligkeit! wohin?" – "Nach Montameau", stammelte ich leise. Sie warf irre Blicke wechselnd auf uns. "Dort kann er nicht sein", stiess sie endlich hervor, "er ist tot." – "Du sagst es", brachte mühsam mein Vater hervor, indem er erschöpft zurücksank und das Gesicht mit seinem Tuche verhüllte. Auch mich lass eine Hülle über diese schreckliche Szene werfen. Den höchsten Schmerz vermag keine Feder zu beschreiben, wie ihn kein Pinsel zu malen wagen sollte. O Adele, wie leicht trägt sich eigenes Leiden gegen das zerreissende Mitgefühl bei dem Schmerze geliebter Personen! Der Jammer meines eigenen frischblutenden Herzens wurde in jenen Stunden kaum von mir empfunden. Anfangs wollte die Mutter, als sie wieder zu einiger Besinnung kam, durchaus umkehren, sie wollte Mucius nicht sehen. "Willst du den treuen Pfleger deines Sohnes nicht an dein Herz schliessen?" fragte mein Vater sanft verweisend, "willst du den treuen Jüngling nicht hören, der dir die letzten Grüsse seines Bruders bringt? willst du nicht hören, wie er starb?" Diese Vorstellungen wirkten, und wir kamen gegen Abend in Montameau an.
Bleicher Schrecken malte sich auf allen Gesichtern, als man uns erblickte. Mucius glühete einen Augenblick auf in Freude, als er, beim Eintritt in das Zimmer, mich erblickte. Aber nur einen Augenblick. Blässe des Todes scheuchte den rötlichen Schimmer hinweg, er stürzte ausser sich zu den Füssen meiner Mutter und rief in Tönen der Verzweiflung: "Ich bringe ihn nicht zurück!" Halb bewusstlos sank die Mutter auf seine Schulter hinab. Alles schluchzte, und es verging eine geraume Zeit, ehe ein Wort die Grabesstille unterbrach. Nach und nach löste sich dann freilich der starre Schmerz in laute Klagen auf. Es wurde gefragt und erzählt, und die Mitternacht rückte heran bei traurigen Gesprächen. Die natur forderte endlich ihre Rechte, und Schlaf sank auf die müde geweinten Augen herab. Die Morgensonne weckte uns zu neuem Jammer. Mir insbesondre stand der herbe Schmerz der Trennung von Mucius bevor. Du hast noch nie geliebt, meine Adele, Du hast also keine Vorstellung von dem Schmerz, dem Geliebten ein ewiges Lebewohl zu sagen. Ach! und wir fühlten klar und lebendig, es sei das letztemal für diese Welt, dass unsre Herzen aneinanderschlugen, unser Ohr die süssen Töne der geliebten Lippen vernahm. Aber das Schicksal, das unerbittliche, hatte kein Erbarmen mit unserm Jammer. Es musste geschieden sein. Mucius musste dem Regimente nacheilen, der Ehre die Liebe weichen; er warf sich halb sinnlos auf das Pferd und war in einem Augenblick für immer verschwunden, der leuchtende Stern auf meiner Lebensbahn für immer erloschen! Marie schloss mich laut weinend in ihre arme. "Unglückliche Marie! unglücklichere Virginia!" rief sie mit tiefem Jammer. "Wir haben ihn beide verloren!" sagte ich und drückte sie an meine Brust. Mein Vater ergriff zärtlich meine Hand. "Für Virginia fürchte ich nicht", sagte er mit Vertrauen, "ihr männlicher Geist wird das Unvermeidliche tragen lernen." Diese einfachen Worte von dem verehrten mund erhoben meine sinkende Kraft, ich verschloss meinen Gram tief im Busen und vermochte es, mich hülfreich und teilnehmend mit meiner unglücklichen Umgebung zu beschäftigen. Viel lernt der Mensch im Leiden, es ist das eigentliche Seelenbad. Gross ist die Kraft des Menschen, wenn er nur den Willen hat, sie aufzurufen. Nicht den Schlägen des Schicksals erliegt der Mut, er wird nur von der eignen Schwäche gelähmt. Unsre Rückreise war jammervoll, soviel Beruhigung uns auch die weinende Familie des guten Försters nachgewünscht. Noch trostloser war unsre Ankunft in Chaumerive, in den herzlichen Tränen jedes Einwohners spiegelte sich aufs neue unser unersetzlicher Verlust. Meine Mutter kleidete das ganze Haus in Trauer und liess jeden Morgen eine Seelenmesse für den teuren Toten lesen. Ach, die Ruhe ihrer eignen Seele stellte keine Messe her! Mein Vater liess sie gewähren, so wie er die ihr anerzogenen Begriffe nie bestritt. Er hatte den Grundsatz, übersinnliche Dinge müsse jeder nach seiner Einsicht abmachen. Seine eigne Überzeugung hatte sich immer frei von Menschensatzungen erhalten. "Ich wünschte", sagte er mit leisem Kopfschütteln, "der Glaube der Kirche und ihr vorgeschriebenes Zeremonial könnten dieses liebe gebrochene Herz heilen!" Er traf gar keine Anstalten für seinen Gram, aber er gab sich emsiger seinen Geschäften hin und suchte mehr als je den Wohlstand und die geistige Ausbildung der Gemeinde zu befördern, und allmählich kehrte eine sanfte Heiterkeit in sein Gemüt zurück. Nur wenn sein Auge auf meine Mutter traf, trübte sich sein blick. Ich suchte seinem Beispiele zu folgen, auch zwang mich die Lage der Umstände, den tiefen stillen Gram zu zügeln.
Meine Mutter wurde immer schwächer, sie nahm an keinem irdischen Geschäfte mehr teil und lebte nur noch ihren Andachtsübungen. Vergebens suchten wir sie auf alle Weise zu erheitern, sie war nicht wieder für das Leben zu gewinnen. Mir lagen nun die Geschäfte des Haushalts ob, und unbeschränkt in diesem Kreise, lernte ich mich bald darein finden. So schwand mir der Winter trübe, aber nicht allzu langsam vorüber. Mucius hatte mehrmals geschrieben; er war mit seiner Lage nicht zufrieden. Er achtete die Kraft der Spanier und hasste die Triebfedern, wodurch diese gespannt wurde. Dies brachte ihn mit sich selbst in Streit. Sehnlich wünschte er der englischen Macht entgegengeführt zu werden, welcher er, mit