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nur Engel können dir gleichen! Engel, jetzt deine Gesellschafter, deine tröstenden gefährten! Meine Mutter war nun geschäftig wie Marta und fröhlich wie die Tochter Jephta am Tage der Rückkehr. Sie schmückte und ordnete das ganze Haus zu dem frohen Empfange. Daneben beschäftigte sie sich mit meiner Ausstattung und scherzte freundlich mit mir über meinen Brautstand und die nahe Verbindung. Ich berührte kaum die Erde, ich schwebte in den Gefilden der Seligen, und doch hatte ich nie die irdischen Geschäfte pünktlicher und sorgsamer verrichtet. So werden alle Fähigkeiten der Seele und ihres Organs, des Körpers, durch die Liebe und die Freude erhöhet, ja verdoppelt!

Die Zeit der Weinreife rückte heran. Ich war schon in den Bergen und ordnete die verschiedenen Vorbereitungen zur Lese an. Die Sonne ging hinter einer entfernteren Bergspitze nieder, und krause rötliche Wölkchen gaben ihr das Geleite. An einem grünen Abhange gelagert, blickte ich fröhlich auf die magischen Beleuchtungen, welche einzelne Sonnenstrahlen noch rechts und links über die schöne Landschaft warfen. Ich hatte eben einen Grashalmenkranz geknüpft auf Mucius' Wiederkehr in den nächsten Tagen, er war sehr erwünscht und bejahend ausgefallen. In der Fröhlichkeit meines Herzens pflückte ich neben mir die Blumen, welche ich erreichen konnte, und reihete sie, halbleise eine von Petrarcas zärtlichen Stanzen singend, zum Kranz, auf welchen Tränen der Wonne tropfend niederfielen. Da gewahrte ich, als ich das Auge wieder über die Landschaft erhob, in der Entfernung einen Landmann, welcher, einen Botenstab in der Hand, eilig den Weg zum Berge daherschritt. Sein Anblick ergriff mich plötzlich mit einem ahndenden Gefühl, mein Herz klopfte voll bangen Schreckens, je näher er mir kam, es war, als wenn ein grauses Schicksal auf mich zuschritt. Ach, nur zu grausend, zu entsetzlich war, was mir nahte! Der Bote reichte mir einen Brief, er war von Mucius' Hand, von Mucius' lieber Hand, und dennoch wagte ich nicht, ihn zu öffnen; auf so ungewöhnlichem Wege, und ich wagte nicht zu fragen, ich war mir selber unbegreiflich. Endlich fasste ich, in gewaltsamer Anstrengung, den Mut, das Siegel mit zitternder Hand zu lösen. Schon die ersten Zeilen dieses Unglückbriefes schmetterten mich zu Boden. Noch in diesem Augenblicke, nach fünf Jahren, versagt mir die Feder fast den Dienst, kaum kann ich mich entschliessen, Dir das fürchterliche Wort zu wiederholen, welches mich damals, gleich einem Blitzstrahle aus heiterer Luft, vernichtete. "Emil tot!" Mehr sah ich nicht. Eine tiefe Ohnmacht warf mich auf die Blumen nieder. Ein lauter Ruf des erschrockenen Boten hatte meinen Vater herbeigezogen, welcher sich in der Nähe befand. Er hatte den mir entfallenen Brief aufgehoben und erfuhr so, unvorbereitet wie ich, die schreckliche Nachricht.

Unglücklicher Vater, was musst du bei dieser fürchterlichen Botschaft empfunden haben! Dein einziger Sohn! dein Stolz! In der Blüte zerschmettert die Hoffnung deines Alters! Die natur hatte sich mitleidig meiner erbarmt und durch einen totenähnlichen Schlummer meinem Leiden auf einige Minuten Stillstand geboten. Die einzige Ohnmacht meines Lebens. Sie mochte lange gedauert haben, denn es fing schon an zu dämmern, als ich in den Armen meines Vaters erwachte. Er war sehr blass, doch mit Besonnenheit um mich beschäftigt. "Emil!" rief ich, als das Bewusstsein mir klar zurückkehrte, "Emil! mein Emil!", und ein Strom von Tränen stürzte aus meinen starren Augen. Mein Vater verbarg sein Angesicht, doch fühlte ich an dem Zittern seines Armes, wie bewegt er innerlich sein musste. Aber nur einige Minuten lang, dann sah er wieder mit Fassung auf mich nieder. "Virginia", sagte er mit liebkosender stimme, "Virginia, mein starkes Mädchen, erhole dich. Tränen gebühren dem lieben, dem edlen Sohn und Bruder, aber wir haben noch lange Zeit, ihn zu beweinen, jetzt rufen nahe Sorgen unsre ganze Tatkraft auf." – "Oh, meine Mutter!" rief ich schmerzlich. "Für sie fürchte ich am meisten", sagte er. "Darum fasse dich, mein Kind. Auch müssen wir ja Mucius sehen." – "Mucius?" fragte ich, "wo ist er?" – "Hast du nicht seinen Brief gelesen?" erwiderte er. "Nichts als die schrecklichen Worte!" – "Mache dich mit seinem ganzen Inhalt bekannt und komme langsam nach, ich gehe voran und bereite alles vor. Gott stärke uns!"

Nach diesen Worten ging er langsam den Hügel hinunter und überliess mich meiner eigenen Kraft. laut brachen meine Tränen, meine Klagen aus, doch kehrte mir bald einige Besonnenheit zurück. Plötzlich fiel mir, wie durch Eingebung, eine Stelle aus "Natan dem Weisen" in den Sinn. Ich hatte Mehreres aus diesem Lessingischen Meisterwerke, zur Übung der deutschen Sprache, übersetzt, jetzt sagte ich mir diese Stelle halblaut unwillkürlich vor.

"Und doch ist Gott!

Doch war auch Gottes Ratschluss das! Wohlan!

Komm! übe, was du längst begriffen hast;

Was sicherlich zu üben schwerer nicht

Als zu begreifen ist, wenn du nur willst."

Schluchzend, doch mit Begeisterung, streckte ich meine arme hoch zum Himmel und rief: "Ich will! willst Du nur, dass ich wolle!" Still und gegen Himmel blickend, setzte ich diesen Gedanken einige Augenblicke fort und fühlte mich wunderbar gestärkt und erhoben. Der Odem des Ewigen schien