Wagen unsern Blicken nicht mehr sichtbar war, sank sie ohnmächtig nieder. Die sorge um sie und ihre Pflege zogen meinen Vater und mich von unsern eigenen Empfindungen ab. Wir taten alles, um sie zu zerstreuen und aufzuheitern, aber mit geringem Erfolg. Mein Vater bestand eifrig darauf, die unterbrochene Reise wieder anzutreten, die Mutter war aber dazu nicht zu bewegen. "Wenn Emil wiederkehrt, werde ich von selbst genesen", sagte sie, "kommt er nicht zurück, nun dann –", sie brach ab, nach einer Pause setzte sie hinzu: "Ich würde ja an jedem andern Orte seine Briefe später erhalten." – Diese Briefe waren von jetzt an die einzige Nahrung, welche die schwache Flamme ihres Lebens erhielt; unsre Liebkosungen nahm sie freundlich auf und erwiderte sie auch, aber ihre Tränen flossen selbst in den Armen ihres geliebten Gatten. Als die Schlacht von Esslingen bekannt wurde, stieg die Angst meiner Mutter auf das höchste. Sie sah jede Nacht ihren Sohn, verwundet oder tot, in ihren Träumen. Umsonst wendete mein Vater alle Vernunftgründe an; doch wenn das Herz heftig leidet, dann wird es von den Tröstungen des Verstandes nur beleidigt. "Ich bin keine Römerin!" sagte sie mit Heftigkeit. "Und hast kein Vaterland?" fragte mein Vater. "Möge es doch zertrümmern", rief sie, "wenn ich nur meinen teuern Sohn und euch behalte!" – "Klara, liebe Klara", sagte mein Vater, sanft verweisend, "der Schmerz tobt aus dir, du wirst dich wiederfinden. Die Pflicht über alles! Kein Gut der Erde tröstet uns, wenn diese verletzt wird."
Ich meinesteils suchte gar nicht, sie zu trösten, ich weinte mit ihr. Mein armes Herz schwankte zwischen Hoffnung und Furcht, ich hätte selbst des Trostes bedurft; aber das Schauspiel des unbegrenzten mütterlichen Schmerzes gab mir feste Haltung. Ich gelobte mir im stillen, den etwanigen Schlägen des Schicksals mit mehr Fassung zu begegnen. Endlich, nach mancher vergeblichen Bemühung um Nachricht, langte ein Brief von den beiden Geliebten an und gab meiner Mutter das Leben wieder; auch mir und dem Vater sank ein schwerer Stein vom Herzen, und unser Mut erhielt sich auch während der folgenden Zeit. Die Freunde waren an jenem heissen Tage im heftigsten Feuer gewesen und ihre Kameraden rechts und links gefallen, sie jedoch unversehrt geblieben. Dies schien uns ein besonderer Schutz des himmels zu sein, und wir sahen sie als ein paar Geweihete an, denen keine Kugel nahen dürfe. Die Mutter war nicht ganz so mutig, aber sie hoffte auf schnellen Frieden und betete inbrünstig zu Gott.
Die Schlacht von Wagram erfuhren wir durch einen Brief von Mucius. Er hatte dem schnellfüssigen Gerüchte doch zuvorzukommen gewusst. Mit Begeisterung lobte er den Mut und die schnelle Geistesgegenwart Emils, welcher sogar gelegenheit gehabt, vom Kaiser bemerkt und gelobt zu werden. "Leider aber", hiess es am Schluss seines Berichts, "ist der geliebte Bruder gegen den Ausgang der Schlacht am fuss verwundet worden, doch ist durchaus keine Gefahr, und wir gedenken bald wieder bei unseren Lieben einzutreffen." Emil selbst fügte einige Zeilen hinzu, worin er uns bat, ganz ohne Sorgen zu sein. Wir bedauerten den Geliebten, doch waren wir nicht allzu besorgt. Eine leichte Fusswunde, meinte mein Vater, dabei sei keine Gefahr, und meine Mutter dankte Gott aus tief aufatmender Brust, dass er es so gnädig gefügt. Auf jeden Fall war nun ihr Liebling geborgen. Selbst wenn, gegen alle Wahrscheinlichkeit, noch einmal geschlagen wurde, er war in Sicherheit. Sie fing an, sich sichtlich zu erholen, nahm wieder an den Geschäften den tätigsten Anteil und erheiterte uns alle durch ihre muntern Einfälle und ihre frohe Laune. Schon seit Jahren hatte sie nicht mehr die Laute berührt, aber jetzt ergriff sie oft die meinige und sang uns mit ihrer schönen stimme die artigsten Lieder. Mein Vater fühlte sich in die ersten Tage seiner Liebe zurückversetzt und war wieder selig und lebendig wie damals. Der gute Pfarrer und unsre wenigen Hausfreunde freuten sich mit uns. Ich selbst schwamm in einem Meere von Wonne, besonders da bald darauf ein zweiter Brief eintraf, welcher schon auf dem Rückmarsch geschrieben war. Mucius meldete uns, dass er eine zufällige Unterredung mit dem Kaiser gehabt habe, in welcher er ihm über sich und seinen verwundeten Freund, in der Kürze, Auskunft gegeben. Der Kaiser habe sich meines Vaters erinnert und ihm eigenhändig für Emil das Kreuz der Ehrenlegion und den Abschied als Kapitän zugestellt. "Was Sie, junger Mann, betrifft", hatte er hinzugefügt, "Sie können jetzt gehen, wohin das Herz Sie ruft, ich bin Ihrer gewiss; wenn ich und das Vaterland Ihrer bedürfen, so kehren Sie zum zweiten Male freiwillig unter meine Fahnen zurück."
Goldne Worte! welchen fröhlichen Rausch verbreiteten sie über unser ganzes Haus! Emil schrieb auch, seine Wunde war noch nicht heil, aber er achtete ihrer nicht, sein liebendes Herz und die sehnsucht seines Freundes trieben ihn zur Heimat. Sein schönes Herz sprach sich so liebevoll in jeder Zeile aus, er freute sich kindlich über die empfangenen Ehrenzeichen, aber mehr um seiner Eltern als um seinetwillen, wohl auch um Deinetwillen, denn er fügte triumphierend hinzu: "Die Ägide, Virginia, hat mein Herz treulich beschützt." Guter, herrlicher Bruder! so brav, so liebend, so treu!