und leugnete, es zu sein. So flossen uns noch vierzehn schmerzlich-süsse Tage dahin. Emil bemerkte bald das zärtliche Verhältnis zwischen seinem Freunde und mir, welches wir auch gar nicht zu verhehlen strebten. Er zog uns beide in seine arme. "Ich halte des Lebens grösste Schätze an meiner Brust!" sagte er. "Alle?" fragte ich schalkhaft. "Lebend und im Bilde!" erwiderte er. Ich fühlte, dass er, zugleich mit mir, Dein Bild an sich drückte, welches, meinem Busen entfallen, an meiner rechten Seite hing. Im Übermass meiner Liebe für den teuren Bruder und im Gefühl meines eigenen Glücks nahm ich die Kette mit Deinem Bilde von meinem Halse und schlang sie um den seinigen. "Es sei deine Ägide", sagte ich, "und schütze dein liebes Herz!" Er war ausser sich vor Entzücken und Dankbarkeit. "Ein mutiges Herz wird dagegenschlagen", sagte er, "bis es zu klopfen aufhört." – "O nichts vom Stillstehen dieses Herzens!" bat ich, von dem Gedanken erschüttert. "Nun, nun", sagte er lächelnd, "mir flüstert dies oft eine leise Ahndung zu, doch gehe ich darum nicht weniger mutig dem Feinde entgegen. Sage einst Adelen", setzte er ernst hinzu, "ich hätte sie geliebt, bis zum letzten Hauch geliebt." Seine stimme versagte ihm auf einen Augenblick, aber plötzlich richtete er sich mit ruhig freundlichem gesicht aus meiner Umarmung auf. Er schien mir, als ich zu ihm aufsah, mit einem Male um ein beträchtliches grösser. Voll aufgeregter Ängstlichkeit warf ich mich in Mucius' arme. "Flüstert dir die Ahndungsstimme auch?" fragte ich zitternd. "Nur Freudiges verkündigt sie mir", sagte er und umschlang mich. "Sei ruhig, meine Virginia, das Glück ist dem Mutigen hold! wir werden uns alle, und freudig, wiedersehn." Der Ausspruch des Geliebten ist ja wie die stimme von Dodona, auch in meine Brust rief sie die Hoffnung zurück. So brach der Abschiedsmorgen heran. Zum letzten Male begrüsste die Sonne bei ihrem Aufgang eine zärtlich vereinte, glückliche Familie. Mein Vater war weich und freundlich, meine Mutter blasser als je, aber anscheinend ruhig und gefasst. Emil betrieb lebhaft die Zurüstungen zur Abreise und lächelte jedem von uns zu, um uns seine Bewegung zu verbergen. Mucius, nur mit seiner Liebe beschäftigt, wendete die aufmerksamste Sorgfalt an, meinen Mut aufrechtzuerhalten. Ach, ich bedurfte des Beistandes nur zu sehr! In Gefahr, die beiden geliebtesten Gegenstände meiner Zärtlichkeit auf immer zu verlieren, verliess mich mein sonstiger Heldensinn, und das liebende Mädchen kämpfte fruchtlos mit seinen Tränen. Mein Vater sah den Kampf in meiner Seele, und gütig, wie er immer war, wollte er mir einen stützenden Trost geben. Zärtlich ergriff er Emils und Mucius' hände und rief mit bewegter stimme: "Meine beiden Söhne! O ich bin ein reicher Vater! ich weihe an einem Tage zwei Söhne dem vaterland. Seid einer des anderen Schutzengel, bleibt einander treu mit hülfreicher Liebe, bleibt euch treu im Leben und im tod! Das Band der Freundschaft knüpfte schon längst eure Herzen, ich füge in dieser feierlichen Stunde noch ein, wo möglich, schöneres hinzu, das brüderliche. Sobald ihr zurückkehrt, werde Mucius Virginiens Gatte." Wir waren alle überrascht von diesen Worten, und jeder äusserte seine Bewegung auf verschiedene Weise. Mucius warf sich mit stürmischer Freude in meines Vaters arme, ich sank schluchzend zu seinen Füssen, Emil umfasste seinen Freund, meine Mutter sah staunend vom Sofa auf die Gruppe und streckte die Hand nach uns aus. Sie hatte, einzig mit der Reise ihres Sohnes beschäftigt, weniger auf unser Verhältnis geachtet, und es war ihr daher ziemlich fremd geblieben; doch hatte auch sie Mucius liebgewonnen, um seiner selbst willen und als Emils Freund. Als wir daher beide vor ihr niederknieten und um ihren Segen baten, segnete sie uns mit der freudigsten Rührung. Emil küsste sie dafür, kindlich schmeichelnd. Da nahm sie seine Hand, legte sie in die seines Freundes und sagte: "Ich gab Ihnen die teure Tochter, und Ihren Händen vertraue ich den geliebten Sohn, schützen Sie Ihren Bruder." – "Mit meinem Blute!" rief Mucius und presste Emil in seine arme. "Seien Sie ohne Sorgen, verehrte Mutter, ich bringe ihn gesund zurück; an seiner Hand oder niemals wieder kehre ich heim." Diese unerwarteten Szenen hatten uns allen einen heroischen Schwung gegeben, welcher uns leichter über die gefürchtete Abschiedsstunde hinwegtrug. Die Pferde standen schon lange bereit, der Postillion hatte schon mehreremal ins Horn gestossen, da ergriff Mucius rasch die Hand seines Freundes. "Wir müssen scheiden!" sagte er mutig. "Lebt wohl, Vater und Mutter! lebe wohl, Virginia! wir kehren bald zurück." Er küsste uns der Reihe nach, mit Eile, und liess Emilen kaum die Zeit, ein Gleiches zu tun. Der arme gute Emil! Blässe überzog sein Gesicht, doch schwebte noch das gewohnte Lächeln darauf, wir drückten ihn an uns, er sagte uns Lebewohl. Mit festen Schritten folgte er dann seinem Freunde, welcher ihn rasch mit sich fortriss. In wenigen Minuten waren sie unseren Blicken entschwunden, die beiden hohen Jünglingsgestalten. Ach, auf immer!
Meine Mutter sah ihnen unverwandt nach, und als der