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Weichheit seiner stimme. Ich war aufgestanden und hatte mich unbewusst dem grossen Tische genähert, welcher, mit einer gewirkten Decke behangen, in der Mitte des Zimmers stand, der Fremde hatte, von seiner Seite, dasselbe getan. So mochten wir vielleicht eine Stunde gegenübergestanden haben; für uns gab es keine Zeit. Tisch und Dunkelheit trennten uns, wir aber fühlten uns vereint, und unsre ineinander verschlungenen Seelen durchflogen gemeinschaftlich den endlosen Raum der Schöpfung, jede Ansicht aus demselben Punkte, in demselben Lichte betrachtend. Finster, stockfinster war es geworden, für uns war es sonnenhell. Da trat endlich die Försterin mit Licht herein und stellte es auf den Tisch. Wir starrten uns sprachlos eine Sekunde lang an, dann hoben wir in demselben Augenblicke die arme, und "Mucius!" – "Virginia!" tönte im Nu von beider Lippen. Er war es, der Niegesehene; ich, die von ihm Ungekannte. Die Försterfamilie staunte uns an, wir mussten endlich das Rätsel lösen und erzählen. Da war nun des Wunderns kein Aufhören. "wunderbar sind die Wege des Herrn!" sagte die Försterin. "Ja, es ist Gottes Schickung", lispelte mit einem leisen Seufzer Marie; der alte Förster schüttelte uns treuherzig die hände. "Ihr habt mich ordentlich gerührt mit euerm gespräche, Kinderchen", sagte er, "mir war's, als sei ich in der Kirche. Nun, Mutter, trag auf, vom Besten, was das Haus vermag, ich weiss doch, du hast dem Mucius seine Leibessen bereitet, ich will auch den Keller nicht schonen. Hätte ich doch nicht gedacht, dass wir ein so vielfaches fest feiern sollten, Willkommen- und Abschieds-, Freuden- und Trauerfest zugleich, und wer weiss, was noch für ein fest! nun, nun, der Herr lenke alles nach seinem Willen, dann ist es auch zu unserm Besten." Er lüftete das lederne Käppchen ein wenig, zündete dann den Wachsstock an, nahm den Kellerschlüssel und eilte hinaus. Mutter und Tochter beschickten emsig den Tisch. Mucius setzte sich neben mich, uns fiel beiden kein Wort ein über das seltsame Zusammentreffen, wir waren alte Bekannte. Wir sprachen viel von Emil; in diesem teuern gegenstand trafen unsre Seelen am innigsten zusammen. Wir wiederholten hundertmal, wie sehr wir ihn liebten, und hörten es voneinander mit ebensolchem Entzücken, als gälte diese Versicherung uns. Bei Tische erhielt ich meinen Platz zwischen Oheim und Neffen, neben Mucius sass Marie. Die arme Marie war die einzige, welche nicht so heiter schien, als sie bei meiner Ankunft war, doch wurde sie es um etwas mehr, nachdem der Vater öfters auf einen glücklichen Feldzug angestossen und sie darauf ihrem Nachbar Mucius hatte Bescheid tun müssen. Auch auf meine glückliche Reise wurde getrunken. "Ob Sie die Reise nach Montpellier fortsetzen werden, ist sehr die Frage", sagte plötzlich Mucius, "Ihr Herr Vater mag das morgen entscheiden." Wir sahen ihn alle verwundert an und baten um Erklärung. "Heute nicht", sagte er ablehnend, "lasst uns die Zukunft still bedecken und des heutigen Abends rein geniessen." Damit stimmte er einen fröhlichen Rundgesang an, und der Abend wurde bis spät in die Nacht verlängert und heiter beschlossen. Ich begab mich in einem geistigen Rausche, woran der Wein keinen Anteil hatte, zu Bette und schlummerte erst in der Morgendämmerung zu seligen Träumen ein. Mein Vater war früh angekommen, ich fand ihn schon am Bette meiner Mutter, als ich mein Kämmerchen verliess; er war ernst und meine Mutter in einiger Unruhe. Ich umarmte beide und eilte hinunter, um ihr Gespräch nicht zu stören, mehr noch, warum sollte ich es leugnen, um Mucius einen guten Morgen zu wünschen. Ich traf ihn im Wohnzimmer, und sein Auge strahlte mir entgegen. "Der Vater ist so ernst", sagte ich nach einigen freundlichen Reden, "hat er Sie schon gesehen?" – "Jawohl", erwiderte er, "meine Nachricht hat ihn ernst gestimmt." – "Welche Nachricht?" rief ich. "Sie wird es nicht erschrecken", sagte er, indem er liebkosend meine Hand nahm, "Emil begleitet mich ins Feld." – "Oh, meine Mutter!" rief ich voll Schrecken. "Für diese habe ich gezittert", sagte er, "doch sie wird sich in das Unvermeidliche finden. Emil ist sechzehn Jahre, das Los kann ihn in kurzem treffen; warum also nicht ein Opfer freiwillig bringen, welches früher oder später doch unabänderlich gebracht werden muss! Jetzt geht er an der Hand der Freundschaft, wer weiss, ob es ihm späterhin so gut wird; auch ist er unwiderruflich entschlossen und war im Begriff, gleich nach meiner Abreise selbst nach Chaumerive zu gehen, um seinen Entschluss kundzutun." – "Wir müssen zurück!" rief ich hastig. "Allerdings", sagte er, "Ihr Herr Vater bereitet die Mutter dazu vor." – "Ach, meine arme, arme Mutter!" klagte ich, "wie wird sie es überleben!" – "Sie bleiben ihr", sagte Mucius und trocknete mir sanft die Augen. "Er ist ihr Liebling", fuhr ich fort, "und verdient es zu sein." – "Beide verdienen es! Beide!" rief Mucius, indem er meine Hand mit Heftigkeit an seine