dem kindlich unbekümmerten Gemüt, ich mit der Erkenntnis, dass nur zufällige Umstände uns so verschieden gebildet und Liebe und Güte selbst das Ungleichste binden können. Oh, meine Adele! noch immer sehe ich Dich, als Du zum erstenmal übers Meer herübergekommen warst und an der Hand Deiner Mutter in unser Zimmer tratest, ein freundliches, engelschönes Kind, kaum acht Jahre alt. Wie flog mein Herz Dir da entgegen, der jüngeren lieblichen Schwester; wie dankte ich dem Vater, dass er Euch durch seinen rastlosen Eifer die Rückkehr bewirkt. Oh, wäret Ihr doch nimmer wieder geschieden! Dann hättest Du mich ganz verstehen lernen mit zunehmenden Jahren, und spätere Ereignisse wären Dir nicht unbekannt. So aber riss die Lebenswoge uns schon wieder auseinander, als Du kaum das zwölfte Jahr vollendet, und dem seltenen, gefährlichen Briefwechsel war nichts Bedeutendes zu vertrauen, weniger noch dem stets beobachteten Gespräch in den letzten Monden unserer Wiedervereinigung. Und doch treibt mich ein unwiderstehlicher Drang, Dir mein ganzes Innerstes zu zeigen. Ich folge ihm; die Einsamkeit einer Seereise gibt mir volle Musse.
Ja, eine Seereise. Und weit, sehr weit. In das Land der Freiheit schiffe ich hinüber. Wo mein Vater als Jüngling kämpfte unter dem Panier der Freiheit, wo mein hochherziger Oheim, für sie blutend, starb, da ist mein zweites Vaterland. Amerika! Amerika! Schon erhebt sich ein frischer Ostwind, alles eilt an Bord. So lebe denn wohl, Adele! Dieser Brief muss ans Land. Ach, zum letzten Male sehe ich den mütterlichen Boden, der mich gebar; seine freundlichen Rebenhügel, das frohe Treiben im Hafen von Marseille. Zum letzten Male schallen die muntern Lieder der Fischer zu mir herüber. Oh, es ist schwer, von der Heimat zu scheiden! Schwer, wie das Sterben! Sterben ist ja auch nur eine Reise nach unbekannter Küste, ohne Wiederkehr. Lebe wohl, Adele! Lebe wohl, mein Frankreich!
Dieselbe an dieselbe
Auf der Höhe von Gibraltar
Die Sonne taucht freundlich aus den Fluten herauf. Sie beleuchtet meinen Blicken zum letzten Male das dämmernde Europa. Tränen benetzen meine Wangen, unwillkürlich strecke ich meine arme nach dem heimischen Gestade aus! ach, es schwindet von Minute zu Minute weiter zurück. Ich weine, ja, Adele, ich weine! Die Weiblichkeit behauptet ihre vollen Rechte und drängt den männlichen Mut in den Hintergrund. – Ich habe mich auf einige Augenblicke in die Kajüte geflüchtet, um mich in der Einsamkeit recht auszuweinen. Grosse Schmerzen beruhigt der Mensch nur durch sich selbst, er erhebt sich nur durch eigne Kraft. Die mitleidigen Tröster, welche sich auf dem Verdeck um mich her versammelten, taten mir nur weher. Wie kann man so ins allgemeine hin zusprechen, wo man die feinsten Ursachen der Rührung nicht kennt, wohl selbst ausgesprochen nicht kennen würde! Wie will man den verwandten Ton treffen, um diesen Missklang in Einklang aufzulösen! Sogar der freundliche Kapitän verwies mich nur an mich selbst, als er mir mit seiner schönen stimme voll Rührung sagte: "Liebe, schöne Miss, Sie verlassen ein Land voll Unruhe und Freiheit, wird Sie als Tochter aufnehmen und diese bangen Tränen trocknen. Betrachten Sie mich als Ihren Bruder, und gebieten Sie über alles, was dieser Bruder sein nennt." Guter Mann! es ist nicht das Gefühl des Verlassenseins, was mich beklemmt. In den Sälen der Tuilerien würde ich mir viel verwaister erscheinen.
Siehe, meine Tränen sind während des Schreibens getrocknet, und mein Mut kehrt zurück. Ich muss wieder hinauf, damit der lange Aufentalt in dem verschlossenen raum mir nicht nachteilig werde. Ich will nicht seekrank werden, wenn es irgend zu vermeiden ist. Krankheit wirkt auf den Geist, aber der Geist beherrscht mehr noch den Körper. Der meinige soll sich aufheitern und stark sein. Nur noch einen Abschiedsblick nach der Wiege meiner Kindheit, nach den Gräbern meiner Lieben; dann teilnehmend gelebt mit der Gegenwart und die Vergangenheit noch einmal wiederholt für meine Adele.
Unser Leben gleicht des Jägers Träumen,
Der am waldbekränzten Hügel ruht.
Er entschlief am milden Strahl der Sonne,
Von der Liebe, von der Jagden Wonne,
Und erwachet in der Stürme Wut.
Sohn des Hügels, morgen wirst du fragen:
Was verlöscht Ronkatlins hellen Schein?
Hat das Meer den glühenden Stern verschlungen?
Selmas Bardenharfen sind verklungen,
Toskars Tochter klaget dort allein!
Ach, Malwina wandelt zu der Halle,
Staubumschleiert lehnen Schild und Speer.
Es empfängt sie geisterhaftes Grausen,
Kleiner Menschen Söhne drinnen hausen,
Ihre Helden findet sie nicht mehr.
Bald auch kehren Lutas sanfte Mädchen
Ohne die Gespielin von der Jagd,
Wenden ihren Tränenblick voll Trauern
Nach Torlutas moosbewachsnen Mauern,
Wo der Eichen Flamme nicht mehr lacht.
Du siehst, liebe Adele, dass Ossian mein treuer Begleiter ist. Wie hätte ich den vergessen? er ist ja ein Geschenk von Dir. Immer schon war er mein Lieblingsdichter, und jetzt ist er mir über alles teuer, das liebste Gut, welches ich aus dem Schiffbruche gerettet. Erst jetzt verstehe ich ihn ganz, und bei seinen Klaggesängen schweigt mir das Leid im Busen. Oft stehe ich noch abends einsam am Maste gelehnt und betrachte die Gewölke, welche der untergegangenen Sonne nachziehen. Dann will mich's oft bedünken, als lagerten die Helden vergangener zeiten auf ihrem rötlichen Saum. Teure Gestalten! ihr begleitet Virginia nach dem land, wo sie einst ruhen wird unter dem moosigen Steine