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Schlaf bei ihr gewahr wurde, so ging ich, wie sie zu wünschen schien, wieder hinunter ins Wohnzimmer. Die Dämmerung war indessen hereingebrochen, ohne dass ich es bei dem Geschwätz der ältesten Tochter des Försters sonderlich bemerkt hätte. Sie machte mich zwar darauf aufmerksam, doch setzte sie hinzu: "Der Vater liebt dieses trauliche Feierstündchen und sieht nicht gern, wenn wir früh Licht anzünden." Ein Wagengeräusch im hof machte uns aufmerksam. "Da kommt der Vetter!" rief das Mädchen und hüpfte aus der Tür. Sie kehrte bald mit dem Förster und einem Fremden zurück, dessen Gestalt ich nur sehr schwach in der Dämmerung unterscheiden konnte. Der Förster machte ihn mit meiner Anwesenheit im Zimmer bekannt und erzählte die geschichte unseres Missgeschicks, worüber mir der Fremde sein Bedauern in herzlichen Worten und mit einer sehr schönen stimme bezeugte. Das Gespräch fiel dann auf allgemeinere Gegenstände. "Wissen Sie wohl, lieber Oheim", sagte plötzlich der Fremde, "dass Sie mich vielleicht zum letzten Male sehen?" – "Wie das?" fragte dieser. "Ich gehe in einigen Wochen, vielleicht Tagen, zur Armee ab und wünschte nur, Ihnen Lebewohl zu sagen." – "Du Soldat?" rief der Oheim, "das hätte ich nimmer gedacht. Also hat dich das fatale Los doch getroffen, nachdem es dir schon zweimal vorübergegangen?" – "Ich habe seine Entscheidung nicht wieder abgewartet", sagte der Fremde, "ich habe mich freiwillig dazu bestimmt." – "Freiwillig?" rief der Förster mit Erstaunen. "Unmöglich kannst du, nach deiner Lebensweise, Neigung zum Soldatenstande fühlen." – "Wenn auch nicht diese, so doch Neigung, das Vaterland zu verteidigen." – "Du mochtest ja niemals meinen Füchsen den Krieg erklären, und wenn ich dich beim Treibjagen aufmerksam auf deinem Posten glaubte, fand ich dich mit dem Virgil in der Hand nachlässig am Baume gelagert, die Büchse neben dir." – "Oder mit Tyrtäus' Kriegsliedern, Oheim. 'Wollt ihr ewig schlafen den Schlaf des Feigen? weckt euch nimmer der Nachbarn Hahn, nimmer der Schwächeren Mut?'" – "Aber woher denn so auf einmal diese Änderung? Du wirst doch nicht nach Spanien wollen, um von auflauernden Buschkleppern gemordet oder von Weibern vergiftet zu werden?" – "Nein, Oheim. Ich ahnde den Volkswillen, so unklug er auch sein mag. Aber die Kriegsflamme droht schon wieder, von seiten Östreichs; England bläst mit vollen Backen in den immer glimmenden Zunder, man glaubt uns diesmal in einen Hinterhalt fallen zu lassen. Napoleon ist in Spanien, hinter seinem rücken will man Frankreich angreifen, welches er sonst mit dem flammenden Schwerte, wie der Engel den Eingang des Paradieses, bewacht; aber nur zu bald werden sie das gefürchtete Antlitz des Rächers sehen. Unterdessen muss Frankreichs ganze Heldenjugend sich erheben, dass der Führer ein schlagfertiges Heer finde."

Der Fremde sprach diese Worte mit einem solchen Nachdruck, dass ein freudiger Schauer durch meine Nerven bebte. Des Mädchens Hand zitterte in der meinigen. "Ach!" rief sie mit schluchzender stimme, "ihr bösen Männer redet vom Kriege wie von einem Vogelschiessen, ihr denkt nur an den Ruhm, ohne an die Tränen zu denken. Was nützt uns Armen des Kaisers Macht und Ruhm; noch einmal so lieb wollte ich ihn haben, wenn er friedfertiger wäre und nicht so eroberungssüchtig."

"Liebe Marie", sagte der Fremde mit einiger Heftigkeit, "du redest wie ein Weib und verstehst es nicht. Napoleons Ruhm ist Frankreichs grösste Stärke, seine Macht ist des Vaterlandes Sicherheit. Man möchte gern dies freie Land wieder in die Fesseln des verflossenen Jahrhunderts schmieden, welche wir nur vom Hörensagen kennen, da sie fast mit unsrer Geburt zerbrochen wurden."

"Ich habe sie wohl gekannt", redete der Förster dazwischen, "und um sie abzuwehren, wollte ich selbst noch meinen alten Kopf den feindlichen Reihen gegenüberstellen." – "Um wieviel mehr wir Jünglinge!" fuhr der Fremde fort; "welche Elende wären wir, wenn wir nicht unser Herzblut hingeben wollten für unser Vaterland und seine Verfassung, unter deren Schatten wir erwuchsen, für den Kaiser, der die Wunden der Revolution heilte, den Bürgerkrieg endete und den Ruhm der Nation auf den höchsten Gipfel erhob. Jeder Bürger fühlt sich Teilnehmer dieses Ruhms; sollte es nicht auch ein weibliches Herz?"

Diese Apostrophe an mein Geschlecht reizte mich zum Mitgespräch, ich drückte meinen Freiheitssinn und meine glühende Vaterlandsliebe in lebhaften Worten aus. Der Fremde schien mich mit Bewunderung zu hören, es waren seine eigenen Begriffe, welche er aus einem fremden mund vernahm. Mir ging es ebenso, ich glaubte mein eigenes Ich zu hören. Jeder von uns setzte häufig, im Feuer des Gesprächs, die angefangenen Perioden des andern fort, genau mit denselben Worten, welche dieser eben laut werden lassen wollte. Es war etwas Übernatürliches in dieser Übereinstimmung. Die beiden andern schwiegen voll Erstaunen still, wir beide redeten allein und vergassen auch, dass es ausser uns noch Wesen gab. Da wir uns nicht sehen konnten, so waren es nur die Geister, welche sich erkannten und eine, wie uns schien, schon früher geknüpfte Freundschaft fortsetzten. Ich fühlte mich auf eine unbegreifliche und mir bis dahin völlig unbekannte Weise zu dem Fremden hingezogen. Dass er in demselben Falle sei, bewies die immer zunehmende rührende