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ja selbst den Kaiser. Sie warf alles durcheinander und suchte bei jedem Leiden immer eine nächste Ursache, an welcher sie sich ihres heftigen Gefühls entladen konnte. Mein Vater und Deine Mutter hielten sich lange sprachlos umarmt; sie fühlten, es war die letzte Umarmung für dieses Leben. Ungeachtet eine Ahndung dieser Art, in ihrer Lage, recht sehr natürlich war, so konnte doch damals wohl niemand glauben, auf welche unwahrscheinliche Weise sie in Erfüllung gehen sollte.

Eure Abreise liess lange eine unausfüllbare Lücke in unserm häuslichen Dasein zurück. Vorzüglich litt meine sonst so starke Fassung einen gewaltigen Stoss. Dein Brief, welchen Du mir von Hamburg aus schicktest, war das erste freudige Ereignis, welchem mein Herz entgegenschlug; und doch war dieser Brief selbst so traurig, dass er mir tausend Tränen entlockte. Du fühltest die Trennung so sehr als ich; Du hattest Dich in dem fröhlichen Frankreich schon gänzlich eingebürgert; England und Deine früheren Verbindungen waren Dir so fremd geworden, ja es hatte sich sogar eine gewisse Abneigung gegen jenes Inselland in Dir festgesetzt, seit Du in unserm haus täglich über seinen unredlichen, engherzigen Kaufmannsgeist reden gehört. Daneben schildertest Du mir mit den dunkelsten Farben eines trauernden Gemütes die Szenen des Elends, welche Dir auf Deiner Reise als Folge des Krieges bemerkbar geworden; auch hier litt meine Seele mit Dir. Wehe dem volk, über dessen Fluren die blutige Eris hinschwebt! Der Soldat kann der Halmen nicht schonen, über welche sein rastloser Fuss hineilt. Die Selbsterhaltung, dieses erste Gesetz in der organischen natur, zwingt ihn in den Naturzustand zurück, wo die Güter gemein sind und die Stärke zuerst Besitz ergreift. Hier kann von keiner Moralität die Rede sein. Die Ursache der Kriege kann allein vom Moralisten beurteilt werden; gewöhnlich aber ist sie so verwickelt, dass nicht leicht ein bündiges Urteil gesprochen werden kann. Vorzüglich ist dies mit Frankreichs Kriegen, seit dem Ausbruch der Revolution, der Fall. Frankreich hatte nichts Feindseliges gegen seine Nachbarn im Sinn, es brach nur das Joch, dessen Last ihm je länger, desto unerträglicher wurde. Es war bisher von der Willkür einzelner gedrückt worden, mitin sehr natürlich, dass, wenn dieser Druck aufhören sollte, die Willkür dieser einzelnen vernichtet werden musste. Da schrien nun die einzelnen Feuer, und die Nachbarn ergriffen die gelegenheit mit Begierde, in das verschlossene Haus einzudringen, unter dem Vorwande, zu löschen. Aber mit welchem Rechte? Die Bewohner verbrannten nur einen teil ihrer durch Krankheit verpesteten Kleidungsstücke und Geräte und würden schon allein Herr des Feuers geworden sein, hätten die unberufenen Helfer nicht die Türen gesprengt und so, durch die Zugluft, die Flamme zum wütenden Ausbruch angefacht. Hätten sie doch draussen zur Sicherung ihrer eigenen Gebäude ihre Löschanstalten nach Belieben in Tätigkeit gesetzt, niemand würde es ihnen verargt haben. Aber die Verletzung des Hausrechts empörte die Bewohner, sie warfen die Eindringenden auf die Strafe hinaus und verfolgten sie bis in ihre eigenen Häuser, Wiedervergeltung zu üben. Nun war der Dämon des Krieges losgelassen, und keine menschliche Macht vermochte ihn wieder zu fesseln. Er kehrt nicht so gehorsam zurück als der zahme Falke, der auf den Ruf des Trägers ablässt von seiner Beize und sich still wieder mit seiner Nebelkappe bedecken lässt. Darum sollten die Fürsten zittern, wenn sie ein Kriegsmanifest unterschreiben. – Die Rachgier der Angreifer wuchs mit jedem Verlust, und ihre Friedensschlüsse, von der Erschöpfung herbeigeführt, wurden bei der Unterzeichnung insgeheim von ihnen nur als Waffenstillstände betrachtet. England wusste die Empfindlichkeit der alten Dynastien immer in Atem zu erhalten, es sparte weder Geld noch Vorspiegelungen, sie immer zu neuen Anstrengungen zu reizen, und zog allein Nutzen aus der allgemeinen Verblendung. Zu spät wird das Festland beklagen, was es, diesem Handelsdespoten gegenüber, versehen. Vergebens hat die Republik, vergebens späterhin oft der Kaiser die Hand zum Frieden geboten; man verweigerte ihn oder schloss ihn mit falschem Herzen. Frankreich musste immer für seine Selbsterhaltung, für seine Freiheit fechten; um nicht gesetz anzunehmen, musste es sich in die Lage setzen, selbst gesetz zu geben; seine Eroberungen waren mehr Notwehr als Ehrgeiz. Die Fürsten hatten den Streit begonnen, die Fürsten setzten ihn fort, aber die Völker empfanden am härtesten seine blutige Geissel. Die Masse gleicht dem kind, welches den Tisch schlägt, woran es sich stiess, und so war es ein leichtes Spiel, Frankreich als die Ursache aller Übel zu verschreien, welche die Zeit mit sich führte.

Von diesem Abschnitte meines Lebens an gewöhnte ich mich, fast ebensoviel zu schreiben, als ich bisher gelesen. Ich war gewohnt, Dir alle kleinen, mich betreffenden Ereignisse zu erzählen, sogar alles, was ich bei dieser und jener Veranlassung gedacht und empfunden hatte. Diese liebe Gewohnheit setzte ich schriftlich fort, und man hätte ein eigenes Paketboot für meine Korrespondenz einrichten können. Da es aber überall keins gab, so musste von Zeit zu Zeit ein grosser teil meiner in Hoffnung geschriebnen Briefe den Flammen geopfert werden. Ich war dann jedesmal sehr traurig, aber niemals unwillig. Das Kontinentalsystem leuchtete mir zu sehr ein, als dass ich mich nicht gern jeder daraus entspringenden Unannehmlichkeit unterzogen hätte, so empfindlich sie meinem Herzen auch war. Mein Vater nannte diese Massregeln weise und wohltätig in ihren späteren Folgen, sowohl für Frankreich als für das übrige feste Land, wenn man sie allgemein mit gutem Willen ergreife. Meine wirtschaftliche Mutter war sehr dagegen, weil der Preis der Kolonialwaren dadurch in die Höhe ging;