gewünscht und diese nun ineinander fanden. Meine Eigentümlichkeit trug vieles zu unserem zärtlichen Verhältnisse bei. Es war eine Eigenheit an mir, dass die Gesellschaft der Mädchen meines Alters mir selten zusagte; viel lieber hörte ich den Gesprächen ernstafter Männer zu oder spielte mit den kleineren Mädchen, welche sich durch diesen Vorzug sehr geschmeichelt fühlten und mit anbetender Liebe an mir hingen. Alle Kinder in unsern Dörfern versammelten sich liebkosend um mich her, wo ich mich blicken liess, und ich wurde ihres frohen Getümmels niemals müde, nie müde, ihre kindischen fragen zu beantworten. Mit liebender Sorgfalt nahm ich mich ihrer an, belehrte sie, schmückte sie und wusste ihnen hunderterlei kleine Freuden zu bereiten. Kurz, nächst der Ideenwelt zog mich die Kinderwelt am meisten an.
Nun erschienst Du, das schönste Kind, welches ich jemals gesehen. Dein blaues Auge, Deine goldenen Locken und die zarte weisse Gesichtsfarbe unterschied Dich von allen unsern provenzalischen Mädchen. Der kalte, englische Ernst hatte in Dir die französische Lebhaftigkeit zur sanftesten, einnehmendsten Heiterkeit gemässigt. Uns allen kamst Du vor wie ein Engel auf einem Gemälde. Deinerseits fandest Du wieder die höchste Freude an unserm südlichen Leben, Dir war, wie den Kindern sein mag, welche man lange gewikkelt und denen man nun auf einmal ihre Bande löst. Dir schienen, wie Deine Mutter sich ausdrückte, Flügel gewachsen zu sein. Hättest Du doch immer bei uns bleiben können! Aber so waren es nur drei kurze Jahre, welche wir vereint blieben, unzertrennlich diese ganze Zeit über. Deine Mutter ging nach Paris und knüpfte dort, nach dem Willen Deines Vaters, viele ihrer alten Bekanntschaften wieder an; Du bliebst unterdessen in unserm haus, wo Du ganz als zweite Tochter behandelt und geliebt wurdest. Du hast es kennengelernt, unser glückliches Haus; Dir brauche ich es nicht zu wiederholen, wie Liebe und Zufriedenheit darin herrschten. Du kennst des Vaters freundlichen Ernst, seine belehrenden gespräche, seine launigen Scherze, wenn er die oft zu geschäftige Mutter mit Gutmütigkeit neckte. Du weisst, wie sorgsam die treue Mutter war, wie sie Dich liebgewann und manche kleine Vernachlässigung nachsahe, wenn ich sie um Deinetwillen beging. Du hast den herrlichen Emil gesehen, wenn er während der Ferien uns zu besuchen kam. Du weisst, mit welcher grenzenlosen Freude er empfangen wurde, nachdem er schon mondenlang vorher den Tag, fast die Stunde seiner Ankunft bestimmt hatte. Du weisst, mit welchem jubel die Dienstleute, Einwohner und die Kinder des Dorfes herbeieilten, um den Allgeliebten zuerst zu begrüssen. Wie war er da unaufhörlich bemüht, uns Vergnügen zu bereiten, unsre Spiele und Tänze zu beleben, unsre Gesänge mit seinem rührenden Flötenspiel zu begleiten. Er war die Seele unsres jugendlichen Kreises. Du wurdest bald das Ideal seines jungen Herzens, und Dein Bild hat ihn bis zum letzten Schritte begleitet. Oh, dass das herrliche und Schöne so schnell vergänglich ist! während das Gemeine und Schlechte alle Stürme überdauert. Treffliche Menschen sind gleich zarten Blumen, sie können dem glühenden Strahle des Mittags und dem eisigen Hauche des Nordens nicht widerstehen. Das Unkraut wuchert fort. Welch ein Unkraut muss Deine Virginia sein, dass sie den Verlust all ihrer Lieben überleben konnte? Sie steht da wie die einsame Distel auf Schottlands öder Heide, welche der verlassene Sänger der Vorzeit so rührend in der Nacht seiner Schwermut besingt. Ich kann über jenen Zeitraum sehr kurz hinwegeilen, Du hast damals alles gemeinschaftlich mit mir erlebt, auch war es in bezug auf uns nicht viel Merkwürdiges. Unsre Tage flossen gleichförmig und fröhlich dahin; unsre Herzen schlugen ruhig, ungeachtet Du anfingst, in das jungfräuliche Alter hinüberzugehn, welches ich schon angetreten hatte. Dank sei meinem Vater, dessen Sorgfalt unserm geist immer einen erhabenen Vorwurf zu geben wusste, so wie er unseren Vergnügungen die Kindlichkeit zu erhalten verstand. Deine Mutter kehrte nach einiger Zeit zu uns zurück, sie hatte weder Neigung noch Geschick, für die Plane Deines Vaters zu wirken. Sie war in Paris auf das beste empfangen, man gedachte allgemein ihrer Auswanderung nicht, weil der Kaiser, aus wohlwollender Rücksicht für meinen Vater, es so zu wollen schien. Die ehemalige Herzogin von Rochefoucauld, eine ihrer Jugendfreundinnen, stellte sie der neuen Kaiserin vor, und die gütige Josephine nahm sie mit all der Liebenswürdigkeit auf, welche in ihrem schönen Gemüte lag. Sie war im Herzen tief gerührt von der erfahrnen zarten Behandlung und äusserte dies in ihren Erzählungen so mannigfaltig. Gegen Deinen Vater hat sie dies aber in ihren Briefen nicht gewagt. Sie suchte ihn nach ihrer Art dadurch zu besänftigen, dass sie in seine Vorstellungsart einging, wohl wissend, wie sehr es ihn aufbringen würde, dass sie seine Zwecke meist verfehlt. Seine Antwort, welche erst spät und, wegen des wieder ausgebrochenen Krieges, auf Umwegen zu uns gelangte, atmete Zorn und Missmut. Er befahl Deiner Mutter, unverzüglich mit Dir zurückzukehren. Gern hätte die gehorsame Gattin Folge geleistet, aber alle Verbindung mit England war auf das strengste gehemmt; selbst Briefe dahin zu befördern war mit grosser Schwierigkeit verknüpft. So verzögerte sich, zu unsrer Freude, diese gefürchtete, so oft angesetzte und ebensooft vereitelte Abreise bis zum Jahre 1806, wo man endlich wagte, den Rückweg durch Deutschland, über Hamburg, anzutreten. Schmerzhafte Trennung von allen Seiten! Wir zerflossen in Tränen. Meine lebhafte Mutter schalt mitten in ihren Tränen auf den Krieg, schmähete den König von England, die Ausgewanderten, die Revolution,