; und scheint sie auch einmal für eine idee zu handeln, gewiss liegen hinter dieser idee Wohlleben, Glanz und Putz als Grundursachen derselben tief versteckt. Ruhe, Wohlstand und Ordnung wurden immer mehr in Frankreich hergestellt und gesichert. Das Volk fühlte sich geehrt und glücklich; es wünschte sich den Schutzgott seines Glücks auf immer zu erhalten und kam den Wünschen Napoleons entgegen, welcher endlich den Kaisertitel annahm und sich mit allem Glanze des Trones umgab, wodurch er sich vielleicht einen sicherern, Ehrfurcht gebietenden Standpunkt gegen das Ausland und seine Ränke zu geben glaubte. Gewiss hatte desselben rastlose Einwirkung den grössten Anteil an dieser Katastrophe. Die Ausgewanderten und ihre Verbündeten sahen sich in ihren Erwartungen getäuscht und schnaubten Rache. England fürchtete für seine Alleinherrschaft über die Meere, wenn Frankreich, unter der Regierung eines kräftigen Geistes, die Hülfsquellen benutzen lernte, welche die natur ihm verliehen; und folglich wendete es seinen ganzen Einfluss auf dem festen land dazu an, den gefährlichen Nebenbuhler niederzudrücken. Der Kontinent ist nur zu willig gewesen, in seine Absichten einzugehen, und wahrscheinlich wird erst nach einem halben Jahrhundert einleuchten, welche Fehlgriffe man getan.
Mein Vater war über diese neuen Ereignisse betroffen und verstimmt. Er hatte sich für die idee eines ersten Konsuls den grossen Washington zum Muster genommen. Der Pfarrer redete ihm auf vielfache Weise zu; er machte ihn aufmerksam auf die grosse Verschiedenheit in der Lage der beiden Reiche. "Dort bildete sich erst ein Staat", sprach er, "hier war einer zerstört. Amerika war menschenarm, die Geisteskultur dort noch nicht sehr ausgebreitet, und die Sitten waren einfach. Welch ein Unterschied in Frankreich, wo Übervölkerung, Überbildung und Luxus die höchste Reibung hervorbringen mussten. Amerika war durch Meere gesichert, Frankreich rings von scheelsüchtigen, schlagfertigen Nachbarn umgeben, es bedurfte eines Heldenarmes zu seiner Aufrechtaltung. Aber dieser Führer durfte nicht dem Wechsel unterworfen bleiben, wenn die innere Ruhe nicht gefährdet werden sollte; er musste mit Glanz umgeben werden, weil leider Eitelkeit die Schosssünde meines Volkes ist."
Soweit der Pfarrer. Er ehrte vorzüglich Napoleon, weil dieser die Religion schützte und aufrechtielt; auch meine Mutter nahm deshalb lebhaft seine Partei. Mein Vater ehrte die Religion und das höchste Wesen mit der grössten Innigkeit; er behauptete aber, jene bedürfe keines besonderen Schutzes, der herrschende Kultus sei nur das Kleid, nicht das Wesen der Religion. Ich schwieg zu allen diesen Verhandlungen, aber meine Überzeugung war auf seiten des Pfarrers. Damals hatte ich die geschichte Caesars und seines Zeitalters fleissiger als je studiert. Ich konnte zwar dem Brutus meine achtung nicht versagen, es leuchtete mir aber ein, dass er von dem neidischen Cassius und seinen Mitverschworenen irregeleitet worden und dass er über seine grübelnde Philosophie das Studium seines Volkes und seiner Zeit versäumt habe. Eines Caesars bedurfte Rom; es mordete ihn und fiel in die hände eines listigen Octavius.
Soviel man aber auch stritt, ob Napoleon hätte die Krone annehmen sollen, so hörte ich doch nie einen Zweifel gegen die Rechtmässigkeit des Besitzes. Der Tron war durch den Gesamtwillen des Volkes schon seit fast zehn Jahren erledigt, und der jetzige Inhaber hatte ihn, nachdem er das Reich vom Untergange gerettet, mit Zustimmung der Mehrzahl bestiegen. Wenige Dynastien werden ihren Ursprung aus einer besseren Quelle herleiten können. Dass der Tron noch Prätendenten hatte, konnte dem volk kein Hindernis scheinen, da es die Ansprüche dieser nicht anerkannte; ja selbst das Ausland konnte nicht ohne Heuchelei diesen Grund als Ursache seiner Abneigung angeben; denn die geschichte erhält noch in sehr frischem Andenken, dass die Moralität von Europa sich gar nicht beleidigt fand durch die harte Zurückweisung und Zurücksetzung der englischen Prätendenten. Dass Napoleon aus keiner fürstlichen Familie herstammte, konnte der Mehrzahl des Volkes kein Ärgernis sein. Der Freiheitsgeist unterwirft sich lieber dem Genie als der Geburt; nur Neid und Ehrgeiz fragten ganz insgeheim: "Warum nicht ich?" Die Fürstenhöfe freilich hatten, von ihrem Standpunkte aus, eine andre Ansicht. Ihren Dienern und Anhängern ist Moses' Schöpfungsgeschichte bloss deshalb eine Fabel, weil, nach seiner Erzählung, nur ein Menschenpaar geschaffen wurde. Gern möchten sie den Mytos der Schöpfung dahin ausbilden, dass Gott Fürsten, Adel, Priester, Bürger und Bauern, jedes als ein eigenes Geschlecht, geschaffen, wie Wölfe, Füchse, Hasen und Schafe. Mir hat immer so geschienen, als habe diese Ansicht das Unglück der Welt gemacht. Wirkungen und Rückwirkungen sind einander so unaufhaltsam gefolgt und begegnet, dass die Mitwelt schwerlich ohne Parteilichkeit darüber ein Endurteil sprechen kann.
Meinem Vater schienen sich nach und nach dieselben Bemerkungen aufzudrängen. Er hatte den Frieden von Amiens benutzt, um persönlich beim ersten Konsul Eure Rückkehr auszuwirken, ein Beweis, wie sehr er den mächtigen Mann ehrte, keinen andern hätte er darum gebeten. Ihr wurdet von der Liste der Ausgewanderten gestrichen.
Deine gute Mutter benutzte die erteilte Erlaubnis, um ihrer geschwächten Gesundheit willen und um ihren geliebten Bruder wiederzusehn, mit vieler Freude; Dein Vater gab seine Einwilligung, wahrscheinlich aus ökonomischen und politischen Rücksichten, und so kamst Du, meine geliebte Adele, mit Deiner Mutter zu uns. Welch ein fest gab das in unserem haus! ein neues Leben ging für uns alle auf. Ich war damals vierzehn, Du noch nicht viel über acht Jahr alt, aber wie innig schlossen wir uns aneinander! Es war nicht der Begriff der Blutsverwandtschaft allein, was mich so an Dich kettete, ob wir uns gleich beide längst im stillen eine Schwester