ich seine Hand. "Beruhige dich", fuhr er fort, "die Gelübde der Unschuld sind gewiss der Gotteit angenehm."
Um gleich in der Reihefolge dieser Neigung zu bleiben, will ich hier erzählen, was sich erst zwei Jahre später begab. Ich hatte mein zwölftes Jahr angetreten, unser Emil war seit einigen Wochen von uns geschieden, um, wie ich schon früher gesagt, in Aix erzogen zu werden. Buonaparte war aus Ägypten zurückgekehrt, er hatte das von Faktionen zerrissene Vaterland gerettet, die Flamme des greulichen Bürgerkrieges gelöscht und mit kräftiger Hand das Steuerruder des Staates gefasst. Auf ihn gründeten alle Parteien ihre Hoffnungen. Die Gemässigten hofften feste Ordnung und Gesetzlichkeit – und täuschten sich nicht; die Republikaner Freiheit – man liess ihnen soviel davon in Form und Wesen, als sich nur mit der Grösse des Reichs und dem Grade seiner moralischen Bildung vertrug; die Ausgewanderten Wiederherstellung der alten Zeit und der Bourbons – sie mussten sich betriegen; die Aristokraten, die Ehrgeizigen Glanz und Würde – sie haben davon mehr durchgesetzt, als gut war. Der Erste Konsul wurde von ganz Frankreich vergöttert. Der kühne Held ging wieder über den Simplon, auf unwegsamen Pfaden, sein treues, begeistertes Heer trug das Geschütz auf den Schultern hinüber. Der Sieg bei Marengo wurde erfochten, und die Völker Italiens wurden frei. Jedes Gemüt, welches sich von dem klassischen Boden angezogen fühlte, war leidenschaftlich bewegt; man hoffte, die Nachkommen der Griechen und Römer würden aus ihrem langen Schlaf erwachen.
Wir hatten die frühe Weinlese begonnen, als der Sieger bei Marengo von seinem zug zurückkehrte. Er hatte aus Laune, vielleicht auch, um diesen Landstrich näher kennenzulernen, die gerade Strasse verlassen, gedachte bei Avignon über die Rhône und durch Languedoc erst nach Paris zu gehen. Ein Zufall führte ihn nach Chaumerive. Mein Vater beeilte sich, dem ersten Konsul seinen Glückwunsch zu bringen. Er hatte diesen, als Jüngling, in den ersten Monden der Revolution kennengelernt und gelegenheit gehabt, ihm einen Dienst zu erweisen. Buonaparte erinnerte sich dessen sogleich, als er meinen Vater erblickte, und zeigte sich demselben äusserst verbindlich und liebenswürdig. Er unterrichtete sich über seine ganze Lage und näheren Verhältnisse und pries ihn glücklich in seinem unbekannten, ruhigen Leben. "Mir wird es so gut nie werden!" setzte er mit einem tieferen Atemzuge hinzu, "ich bin an Ixions Rad gebunden."
Indem kam ich von den Weinbergen daher. Ich hatte die schönsten Trauben und Pfirsichen, welche meine Mutter so sehr liebte, in ein Körbchen gesammelt und für diese mitgebracht. Im Vorbeigehn an einem Lorbeergebüsch hatte ich einige der schönsten Zweige gepflückt, sie spielend zu einem vollen Kranze gewunden und über die Früchte gelegt. "Virginia!" rief mein Vater mir entgegen, "dein Lieblingswunsch ist erhört. Du siehst hier den grössten Helden des Jahrhunderts vor dir." Wie vom Blitze gerührt, blieb ich stehen. Er war es, Er! der Gedanke meiner einsamen Stunden, der Traum meiner Nächte. Wie ähnlich meinem Bilde und wie unähnlich zugleich? Du hast sein Gemälde von David gesehen, es gleicht; nur freundlicher war sein Mund, sein Lächeln bezaubernd. Ebenso liebenswürdig hatte meine Phantasie ihn gemalt, nur grösser die Verhältnisse. Aber was sie ihm nicht zu geben vermocht, war die Hoheit seines Auges, dieser Herrscherblick, welcher mich im Nu so tief und klein vor ihn stellte, dass ich die Augen nicht zu erheben wagte. Ich, die geborene Republikanerin und stolz auf Freiheit, Gleichheit und Menschenwert, kniete vor ihm nieder, ohne zu wissen, was ich tat, und legte das Körbchen mit dem Kranze zu seinen Füssen. Er hob mich mit einiger Verlegenheit auf, küsste mich auf die Stirn, nahm den Korb und dankte in abgerissenen Worten für die feine Überraschung. "Virginia stellte in dem Augenblicke das dankbare Vaterland dar", sagte mein Vater. "Ich bin dem vaterland viel grössere Dankbarkeit schuldig", erwiderte der Held, indem eine freundliche Neigung gegen mich den Worten Doppelsinn gab. "Wollte der Himmel", setzte er hinzu und nahm eine Traube, "dass meine Lorbeern für dasselbe immer von so süssen Früchten begleitet sein möchten!" Bald darauf reiste er ab, indem er meine Gabe eigenhändig zum Wagen trug, aus welchem er mich noch mehrere Male, mit Hand und blick, grüsste. Ich blieb in einer sehr veränderten Stimmung zurück. Meine Phantasie schwieg, aber ich fühlte mich von einer Ergebenheit durchdrungen, welche ich, bei meiner freien Erziehung, selbst nicht für meinen Vater empfunden. Dieser war mit der Szene nicht so ganz zufrieden. "Die Überreichung des Lorbeers und der Früchte war ganz hübsch", sagte er, "ich hätte sie aber stehend dargebracht." – "Ich konnte nicht anders", erwiderte ich, "eine höhere Macht warf mich nieder, wie vor dem Beherrscher des Erdkreises."
Der Nachklang jenes Gefühls hat immerfort in meiner Seele leise getönt, als dieser kleine Vorfall in meinem Kreise längst vergessen war und ich selbst seiner kaum mehr gedachte. Überhaupt ist vorherrschende Eigenschaft meines Gemüts, dass es einmal empfangene Eindrücke mit fast starrer Treue bewahrt. Ich kann durchaus nicht wechseln mit Neigung und Abneigung, vielleicht mit daher, weil meine Neigung so ganz frei von aller Selbstsucht entsteht. Die Welt liebt und hasst nur nach eigenem Vorteil; sie vergöttert, was ihr zu frommen scheint, verdammt, was ihr schädlich zu werden droht