durch die schäumende Brandung zu führen. Er gedachte oft der beiden Brutus, von welchen der eine seine Söhne hinrichten liess, weil sie einer Verbindung mit dem verbannten Tarquinius sich schuldig gemacht, der andre den Dolch in den Busen seines Freundes, vielleicht seines Vaters, stiess, als dieser die Republik vernichten zu wollen strebte. Das Schicksal der Girondisten erregte seine Teilnahme im höchsten Grade. Meist waren alle seine Freunde, edle Männer, voll redlichen Eifers für das Beste des Vaterlandes und voll Einsicht, es fehlte ihnen aber die Festigkeit ihrer Gegner, und sie mussten unterliegen, in einem Zeitpunkte, wo Frankreich der Kraftfülle vorzüglich bedurfte. Hätten sie sich dem vaterland, durch kluges Zurückziehen bis zum Friedensschluss, erhalten, sie würden es beglückt haben. Mich ergriff besonders das Schicksal der Bürgerin Roland. Oft habe ich in spätern Jahren geweint, wenn ich den ewig unvergesslichen, einer Römerin würdigen Brief las, welchen sie aus dem Gefängnisse geschrieben. Selbst Charlotte Corday, meine gefeierte Heldin, übertraf dieses grosse Weib an Charakterstärke nicht.
Als Robespierre gestürzt wurde, atmete Frankreich freier. "Die Menschheit muss sich seines Todes freuen", sagte mein Vater, "sie wird ihm fluchen, er war ein Tyrann; und doch glaubte er es zu ihrem Besten zu sein. Er war kein Heuchler, nur ein tugendhafter Schwärmer, doch seine Tugend war hart und rauh." Waren gleich, nach der Katastrophe vom 9. Termidor, die Elemente bei weitem noch nicht beruhigt, so hatten doch die fürchterlichsten Ausbrüche des Vulkans nachgelassen, und vertrauter mit ihnen geworden, achtete man der nachfolgenden, immer schwächeren Erschütterungen wenig. Jedes Auge fast wendete sich dem Kriegsschauplatze zu, wo der Ruhm über den französischen Fahnen schwebte. Der alte kriegerische Geist meines Volkes erwachte in neuer Stärke, Galliens Ritterzeiten kehrten wieder. Auch in unsrem friedlichen Tale wurde meistenteils nur vom Kriege geredet. Unsere Knaben warfen Ball und Kreisel beiseite und spielten Kriegsspiele, unsre Mädchen sangen den Marseiller Hymnus. Mein Vater las öfter als sonst die Zeitungen in Gesellschaft seines Freundes, unsers trefflichen Pfarrers, und ihre begeisterten gespräche dauerten bis spät in die Nacht hinein; ich wurde nicht müde, ihnen zuzuhören. Selbst eine fleissige Zeitungsleserin geworden, stand ich oft schon mit der Sonne auf, um dem Postboten des nächsten Fleckens entgegenzugehn, die Blätter schnell zu durchlaufen und dem Vater schon beim Erwachen eine frohe Siegesnachricht zurufen zu können. Von allen diesen früheren begebenheiten machte der Übergang über die Bocchetta den stärksten Eindruck auf mich. Hannibal hatte, zur Verwunderung der Römer, diese unwegsame Strasse betreten, kein Heerführer nach ihm es gewagt. Nun war Buonaparte der zweite kühne Sterbliche, welcher sich hier Bahn brach. Dieses einzige, damals so angestaunte Unternehmen stellte mit einem Schlag den jugendlichen Helden in Riesengrösse vor meine Phantasie. Alle Heroen der Vorwelt, bei deren Taten mein junges Herz gepocht, traten jetzt, in ein einziges Bild verschmolzen, ins Leben, in die Wirklichkeit heraus. Meine Einbildungskraft schmückte dieses herrliche Bild mit allen Reizen männlicher Schönheit und stellte es als Idol auf den Altar meines Herzens.
Du wirst lachen, Adele, aber bedenke, dass ich in der Provence geboren bin, wo man früher und heisser empfindet als in Deinem kalten England, bedenke, dass Gesänge der Troubadours meine Wiegenlieder waren und dass ich in der Ideenwelt, unter Heroenbildern aufwuchs. Die Vergötterung meines Helden schallte mir aus jedem mund entgegen; mein Vater und der Pfarrer waren von Bewunderung für ihn durchdrungen, und dies steigerte meine Neigung bis zur Schwärmerei. Ich weiss, Adele, nach Deiner leichten Sinnesart spottest Du über diese abenteuerliche Liebe, aber ich erröte nicht. Ich ergötze mich noch in diesem Augenblick an den verblichenen Farben jener Gefühle und würde die ganze Wirklichkeit meines jetzigen Lebens um die Träume meiner Kindheit geben. Ich schäme mich selbst nicht, Dir mein kindisches Opfer zu erzählen, dessen Grund ich damals, sowie überhaupt meine Neigung, tief verhehlte. Als mein Held nach Ägypten ging, erbebte ich; noch mehr, als unsre Flotte geschlagen und ihm der Rückweg abgeschnitten schien. Da schlich ich mich eines Abends in die entlegene Waldkapelle und kniete vor dem Altar der Heiligen Jungfrau nieder. Es dämmerte schaurig um mich her, die efeuumrankten, buntgemalten Fensterscheiben liessen nur spärlich das Licht der untergehenden Sonne ein. Mitten im Gebet schnitt ich meine langen, schönen Locken ab, legte sie auf den Altar und sprach laut das Gelübde aus, mein Haar nicht eher wieder wachsen zu lassen, es nicht eher wieder mit Blumen zu schmücken, bis er zurückgekehrt sei, den ich dem Schutz der Gebenedeiten und allen Heiligen empfahl. Indem ich mich aufrichtete, brach ein Strahl der scheidenden Sonne durch ein Fenster hinter mir und rötete das Angesicht der Jungfrau, welche mir zu lächeln schien. Voll freudiger Hoffnung ging ich nach haus, wo mich alle mit Erstaunen empfingen. Hocherrötend gestand ich, mein Haar auf dem Altar der Jungfrau geopfert zu haben, und gab stockend als Grund an, einmal gelesen zu haben, dass die griechischen Mädchen, beim Austritt aus der Kindheit, eine Locke den Grazien zu opfern pflegten. Meine Mutter schalt sehr heftig und konnte sich gar nicht zufriedengeben. Mein Vater schien den Sinn meines Opfers zum teil zu ahnden. Er legte lächelnd die Hand auf meinen Scheitel. "Kleine Schwärmerin", sagte er, "vielleicht dachtest du auch an jene Weiber, welche ihr Haar zu Bogensehnen hergaben, als Opfer für das Vaterland!" Erglühend küsste