Liebling sich in den Händen eines der rechtschaffensten, edelsten Männer seiner Zeit befand und sich in dessen Familie bald so einheimisch als in unserm haus fühlte. Mir selbst kostete dieser Abschied unzählige Tränen, doch richtete ich mich an dem Gedanken auf, dass es zum Besten meines Bruders sei, ja ich beneidete ihn um sein Los. Er sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen und konnte einst die Werke der Alten in der Ursprache lesen, mein höchster Wunsch. Für Emil war diese Aussicht nicht so reizend. Er hatte kein gutes Wortgedächtnis, und das Erlernen fremder Sprachen wurde ihm sehr schwer; dagegen rechnete er mit Leichtigkeit und machte Fortschritte in der Matematik. Mit diesem geliebten Bruder schien der Genius der Freude aus unserem haus gewichen. Meine Mutter vergrub sich, um ihrem Schmerze zu entfliehen, nur tiefer in Geschäfte. Sie fing an, sehr missfällig zu bemerken, dass mir ein ihr gleicher Sinn für das kleine häusliche Tun und Treiben fehle. Sie wollte mich durch Verweise dazu antreiben, es mangelte ihr aber Geduld, auch ward sie, bei ihrer raschen Tätigkeit, behindert, mich durch allmähliche Gewöhnung dazu tüchtig zu machen. Es fehlte mir nicht an gutem Willen, aber ich wusste es durchaus nicht anzustellen, und ein harter Vorwurf bei einer kleinen Unbeholfenheit scheuchte mich auf längere Zeit von den Geschäften. Ich flüchtete mich in einen einsamen Winkel, zu meinen Büchern. Sie schalt dann zwar heftig auf das Lesen; doch mochte sie es mir nicht ganz verbieten, weil mein Vater es in Schutz nahm und ihren unwilligen Äusserungen immer eine ruhige Freundlichkeit entgegensetzte. "Klärchen, liebes Klärchen", pflegte er zu sagen, "wolltest du denn, dass alle Bäume deines Gartens nur einerlei Art wären? Der Apfelbaum ist nützlich, aber auch die Granate in ihrer Blüte die Zierde des Gartens. Lass doch Virginien gewähren; willst du gewaltsam in ihre Eigentümlichkeit eingreifen, so zerstörst du ihre innere Harmonie." Er versuchte nun seinerseits, mich in Tätigkeit zu setzen, und mit weit besserem Erfolg. Er hatte grosse Maulbeerpflanzungen angelegt und richtete einen teil der Klostergebäude für den Seidenbau ein. Alle Kinder der Landleute auf seinen Besitzungen wurden aufgeboten zur Wartung und Pflege der Seidenraupen. Die Arbeit war leicht, und auch die Kleinsten konnten Blätter sammeln und den Würmern vorlegen. Kraftlose Greise und Mütterchen, welchen der Feldbau zu schwer war, halfen dabei. Der sehr ansehnliche Ertrag wurde gleichmässig verteilt und erhöhete den Wohlstand der ganzen Gegend. Ich führte, unter Anleitung des Vaters, die Oberaufsicht, und ganz zu seiner Zufriedenheit. Mit der Morgensonne war ich auf, und immer aufmerksam auf den gang der Geschäfte, behende und geschickt in allen Handgriffen. Beim Abhaspeln der Seide war ich die fertigste und sorgsamste Arbeiterin. Mit gleichem Erfolge stellte er mich bei der Weinlese an, wo ich dafür sorgte, dass die Beeren, behutsam und eigen, von der Traube gekämmt wurden, welches unserem Wein einen grossen Vorzug vor allen Weinen der Provinz gab. Bei allen solchen Geschäften, welche nur tage oder wochenlang dauerten und in grosser Gemeinschaft betrieben wurden, war ich unermüdet tätig und in hohem Grade vergnügt und fröhlich. Wir sangen Romanzen und Rundgesänge, erzählten Märchen und Novellen, immer brachte ich neue mit, und jung und alt liebte mich herzlich. Aber wenn ich wieder zurücktrat in den alltäglichen gang des häuslichen Lebens, da fühlte ich meine Tätigkeit plötzlich gelähmt. Die kleinen, immer wiederkommenden Sorgen des Haushalts vermochten nicht, meine Seele zu füllen, und mein Geist kehrte heisshungrig in die Ideenwelt zurück.
Nicht die geschichte der vergangenen zeiten allein war es jetzt, was mich beschäftigte, ich nahm an den begebenheiten unserer Tage den lebhaftesten Anteil. Von meiner frühesten Kindheit an hatte ich mich gewöhnt, alles nach den Mustern der Alten zu beurteilen, und so mussten meine Ansichten ganz verschieden sein von den Ansichten derer, welche von einem andern Standpunkt auf die Dinge sahen. Mein Vater schien in demselben Falle gewesen zu sein. Als des gutmütigen Ludwig Haupt unter der Guillotine fiel, sah ich ihn tief betrübt. "Es ist traurig", sagte er, "dass es bis dahin kommen musste!" O hätte der edle König sich doch gleich anfangs losmachen können von den anerzogenen Begriffen, sich mit Aufrichtigkeit der Sache des volkes angeschlossen – es wäre um vieles anders und besser geworden. Aber es war fast in seiner Lage unmöglich, der Einfluss seiner Umgebungen war zu mächtig, die Ränke der Ausgewanderten und ihrer Verbündeten waren zu eingreifend, es konnte fast nicht anders enden. Er fiel als ein grosses Opfer der Freiheit, ein reines schuldloses Opfer! Möge es die unterirdischen Götter versöhnen! Die Nachwelt nennt ihn mit Recht einen Heiligen.
Die Schreckenszeit erfüllte meinen Vater mit Grausen. Sie war aber durch die hohe Erbitterung der verbündeten Mächte fast unvermeidlich herbeigeführt worden. Die Integrität der jungen Republik schien fast nicht anders zu retten als, wenn es sein müsste, mit Aufopferung eines grossen Teils der gegenwärtigen Generation. Die Umstände trafen schrecklich zusammen, und die Menschlichkeit musste der Vaterlandsliebe weichen. Daneben kam so oft die Erhaltung der einzelnen mit der Erhaltung der Nation in Streit, und dieser wird fast niemals ohne Blut geschlichtet.
Meines Vaters sanftes, menschliches Herz litt schmerzlich während dieser Zeit, und er dankte dem Himmel für den Entschluss, sich schon früh in die ländliche Stille geflüchtet zu haben; doch tadelte er auch die härteren Naturen nicht, welche es versuchten, das mast- und steuerlose Schiff des Vaterlandes