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an seinen Lippen und wollte ihn nimmer wieder lassen; aber der gute Vater musste doch oft abwesend sein, und ich blieb dann mit meinem lieben buch allein. "Wenn du erst lesen kannst", tröstete mich der Vater, "dann kannst du dir die Geschichten selbst erklären." Das war ein Blitzstrahl, in meine Seele geworfen. Ich übte mich unermüdet, und in kurzem las ich fertig in meiner lieben geschichte. Nun war meine Beschäftigung gefunden, ich fühlte keine Leere mehr. Alle Zeit, wo ich nicht im Freien herumsprang oder mit meinen Eltern plauderte, sass ich bei dem buch. Ich las und las wieder; Begriffe reihten sich an Begriffe, und ich verstand, ich fühlte, was ich gelesen. Ich kann im eigentlichsten Sinne sagen, ich bin unter den Heroen der Vorwelt herangewachsen. Sie waren meine Vorbilder, dienten mir zum Massstab für die Ereignisse der Gegenwart. Unter meinen frühesten Erinnerungen ist mir eine Szene lebhaft gegenwärtig geblieben, welche diese meine Heroenbilder erregten. Ich mochte vier Jahr alt sein und mein geliebter, ach über alles geliebter Emil ein Jahr, als Frankreich von den fremden Armeen hart bedrängt wurde. Victor war an die Grenze geeilt, das Vaterland zu verteidigen, und mochte meinen Vater wohl aufgefordert haben, ein Gleiches zu tun. Wenigstens war ein Brief angekommen, dessen Inhalt auf meinen Vater einen wichtigen Eindruck gemacht zu haben schien. Er war unruhig, teilte Befehle aus, traf mancherlei Anstalten und schien mit einem grossen Vorhaben beschäftigt. Das ganze Haus war in einer ängstlichen Bewegung, und niemand wollte und konnte sich um mich bekümmern. Ich flüchtete, wie immer in ähnlichen Fällen, zu meinem buch. Zufällig hatte ich eben das Kupfer aufgeblättert, wo Leonidas den Pass von Termopylä verteidigt, als mein Vater in den Saal trat und hinter mir stehenblieb. "Sie starben für das Vaterland!" sagte er nach einer kleinen Pause und legte die Hand auf meinen Kopf, "dreihundert Helden wehrten der grossen Persermacht den Eintritt in das heilige Land der Freiheit!" Ich hatte mich umgewendet und schaute nach ihm auf. Zwei grosse schwere Tränen hingen in seinen Augen. "Sie taten nur ihre Pflicht!" sagte er und fuhr mit der Hand über die Tränen, lächelte mich an und wiederholte: "Sie taten, was sie mussten!" Da kam meine Mutter herein, Emil auf dem arme. Sie war sehr bleich und hatte geweint. Schweigend zog sie den Gatten zum Sofa, setzte das Kind auf seinen Schoss und sich neben ihn. Sie umschlang ihn, weinte heftig und rief endlich im Ton der Verzweiflung: "Diesen hülflosen Kleinen könntest Du verlassen? mich? mich?" und sank an seine Schulter. Mein Vater umfasste sie mit Zärtlichkeit, redete ihr zu, sprach viel von Pflicht und notwendigkeit. Der Knabe lächelte unbefangen drein und spielte mit des Vaters Locken. Mich mochte die Gruppe an das Bild von Hektors Abschied erinnern, ich schlug es auf und sah ernstaft bald auf Hektor, bald auf den Vater. Endlich richtete sich meine Mutter wieder auf und blickte mich an. "Virginia!" rief sie, "umarme die Knie deines Vaters! flehe ihn, dass er uns nicht verlasse!" – "Die Frau da", antwortete ich in meinem kindischen Sinn und zeigte auf das Bild, "die Frau da weint nicht, dass der Vater seine Pflicht tun muss. Sie hält ihn nicht, Virginia darf ihn auch nicht halten." – "Römermädchen!" rief mein Vater und riss mich in seinen Arm. Aber ein verzweiflungsvoller blick meiner Mutter fiel auf mich, und in demselben Augenblick sank sie leblos zu Boden. Ich stürzte mich mit Geschrei und Tränen über sie hin. Mein Vater hob sie in seine arme, sie wurde zu Bett gebracht, und ein heftiges Fieber kündigte sich mit den bedenklichsten Zeichen an. Ihre Krankheit dauerte lange, und sie wurde nur dadurch am Leben erhalten, dass mein Vater ihr das feierliche Versprechen ablegte, sie niemals zu verlassen. Meinem Vater musste es schwer geworden sein, sein Pflichtgefühl, im Kampf mit der Liebe, zum Schweigen zu bringen. Manche seiner spätern unfreiwilligen Äusserungen deuteten darauf. Doch nahm er sich sehr in acht, meine Mutter das mindeste davon merken zu lassen. Über Gefühle dieser Art war ich in der Folge seine einzige Vertraute. In dem Herzen meiner Mutter schien sich, durch diesen Vorfall, eine leise Abneigung gegen mich festgesetzt zu haben. Ich entsinne mich, dass man mich in den ersten Wochen ihrer Krankheit sorgfältig abhielt, sie zu sehen, und dass ich viel darüber geweint. Auch während ihrer Genesung war sie anfangs nicht so gütig gegen mich als sonst; überhaupt lenkte sich ihre Zärtlichkeit mehr auf meinen Bruder. Ich bemerkte dies wohl, aber ohne Neid; denn ich selbst liebte den holden Emil über alles. Du hast ihn wenig gekannt, den freundlichen herzigen Knaben. Er war immer heiter, immer voll Scherz und Fröhlichkeit, und dabei so bieder und treu. Wie hätte man ihn nicht lieben sollen! Überdies war er ja ein Knabe und schien mir schon deshalb jedes Vorzugs wert, je höher mir nach und nach die Wirksamkeit und Tatkraft des Mannes erschien. Ich weinte nur zuweilen im stillen darüber, dass ich ein Mädchen war, eins der unbedeutenden Wesen, von welchen die geschichte so wenig sagt, während die Taten der Männer jedes Blatt füllen. Nur als Opfer werden sie genannt