Henriette Frölich
Virginia
oder
Die Kolonie von Kentucky
Mehr Wahrheit als Dichtung
An die Leser
Anders malt mit ihrem Zauberbilde,
Anders sich in jedem Kopf die Welt.
An dem Indusstrande und am Belt
Schmücken andre Blumen die Gefilde.
Andre Regung bringt der Frühlingsmorgen,
Andere die düstre Winternacht.
Was der Dichter, scheinbar frei, gedacht,
Musste oft von der Umgebung borgen.
Zürnt ihr mir? Dass ich ein Bild gewählet
Aus der Unglücksjahre wüstem Drang?
Wo der Nebel mit dem Lichte rang,
Mit der Wahrheit Irrtum sich vermählet?
Zürnet nicht, ich hab es nicht erfunden,
Nur empfangen von der Aussenwelt
Und, zur Schau, im Rahmen aufgestellt,
In der Musse launevollen Stunden.
Auch die Heldin wollet mir nicht schelten,
Die ein ahndungsvoller Tag gebar
Und gespenst'ge Bilder der Gefahr
Hingescheucht zu fernen fremden Welten.
Wo sie irrte, fand sie viel Gespielen
In der zeiten dunklem Labyrint.
Doch ihr Wahn, er war der Flammen Kind,
Welche in der Menschheit Glorie spielen.
Und sie flieht der Selbstsucht harte Bande,
Ihre Wahrheit flieht die Heuchelei,
Ihren Hochsinn, ihre zarte Treu'
Rettend in dem fernen Friedenslande.
Sendet ihr im frischen Morgenwinde
Mild den Wunsch, der euch den Busen dehnt,
Dass sie, was ihr alle sucht und sehnt,
Das verlorne Eden, wiederfinde.
Erster teil
Virginia an Adele
Am Bord des "Washington".
Im Hafen von Marseille, den 20. August 1814
Wie wirst Du erschrocken sein, arme Adele, als Du mein Zimmer leer fandest? Wie verstohlen und mit immer steigender Angst wirst Du Dich nach mir erkundigt haben, fast mehr fürchtend, meine Spur zu finden als sie zu verlieren. Glaube mir, diese Vorstellung hat mich sehr gequält. Gern hätte ich Dir mein Vorhaben vertraut. Es wäre mir so süss gewesen, mich noch einmal scheidend an die Brust zu legen, an der ich oftmals meine stummen Tränen barg! Aber wie durft ich wagen, die Last dieses Geheimnisses auf Deine zarte Seele zu wälzen. Woher hättest Du die Fassung genommen, Deiner Mutter das gewöhnliche, kindlich fröhliche Mädchen zu zeigen? oder mit Unbefangenheit dem Späherblicke Deines Vaters zu begegnen? Nein, ich konnte Dir diese Angst nicht ersparen, ich glaube vielmehr, ich habe sie abgekürzt. Während Du sorglos schliefest, dann ahndetest, hofftest, zweifeltest, trennten uns schon Berge und Täler; ach! und wenn Du diesen Brief erhältst, liegt das Weltmeer zwischen uns, und ich bin ausser der Gewalt der Menschen, nur in der Gewalt Gottes und seiner mich; nur der Willkür der Menschen widerstrebt mein Herz, es hat zuviel unter ihren rohen Händen gelitten. Ihre triumphierenden Blicke könnten mich bis ins Grab treiben. Triumphierend? worüber denn? War's ihr Verdienst? O nein! Ihre Schlechtigkeit, ihre Ränke haben wohl mitgewirkt, dessen mögen sie sich nicht überheben. Aber auch die Schlechtigkeit ihrer Gegner, die Selbstsucht aller, zufällige Ereignisse – was weiss ich? Am Ende Gott. Wohl, wohl! Ohne seine Zulassung geschieht nichts. Aber warum er es zulässt? wozu? Da liegt's. Mit der Beantwortung sind die meisten so fertig da, als habe der Ewige mit ihnen darüber beratschlagt, und nur wenige fühlen es lebendig, dass Irren das gemeine Los der Sterblichen ist, dass das Warum vielleicht erst halb in künftigen Jahrhunderten, ganz erst in der Ewigkeit begriffen wird. Soviel aber ist mir Armen klar, dass alles dies nimmermehr geschah, damit die P... s und O... s wieder in den Vorsälen der Bourboniden glänzen möchten oder die M... s und R... s auf ihren ehemaligen Schlössern wieder schwelgen und Bauern quälen könnten. Noch viel weniger, damit die Güter der Montorins und Polignys durch die hände Deiner einfachen Virginia und des zierlichen Louis vermählt würden. Vergib mir, teure Adele! er ist Dein Bruder; aber hat er Dein Herz? Und wenn selbst – nimmer, nimmer! Und wohnte auch in meiner Seele kein fremdes Bild – nimmer! nimmer! Er ist nicht der Sohn meines Vaterlandes, wie wollte er mein Gefühl verstehen, wie das schonen können, was er verdammt? O mein armes verratenes, zerrissenes, verlassenes Vaterland! auch Virginia muss dich verlassen, mit blutendem Herzen verlassen. Wäre sie ein Mann, sie würde bleiben und kämpfen; vielleicht könnte sie dir noch etwas nützen, und wär's auch nur mit ihrem Blute. Aber ein Weib, ein unterjochtes Weib? Qualvolles, nutzloses Leben; dazustehen im Kampf der Parteien, beobachtet in jeder Miene, gemisshandelt um jeder unfreiwilligen Träne, beargwohnt um jedes Wort, am meisten beim duldenden Schweigen! Nein, Vaterland, ich muss dich verlassen! Schweigen könnte ich. Aber nein, ich soll reden, reden in ihrem Sinne. Nicht genug. Eine Bekehrungsgeschichte meines inneren müsste ich erlügen, verdammend anklagen meine angebornen Gefühle, abschwörend dartun die ererbten Ansichten meines trefflichen Vaters. Unglückliches Weib! Der Mann kämpft für seine Meinung und macht sich Bahn; das Weib soll keine Meinung haben. – Wie oft, fröhliche Adele, habe ich Dich beneidet, dass Deine Gedanken nur den engen Raum zwischen der letzten Oper und dem nächsten Ball durchliefen; und doch strafte mich sogleich ein (wie mir schien) besseres Selbstgefühl. Du begriffst mich nicht, wenn Du meine Wange erblassen, mein Auge weinen sahst; doch liebten wir uns so herzlich, Du mit