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Geld. Doch tat ihm der elende Zustand der Gemeinde leid, und er begab sich eines Tages zum Pfarrer und klagte es.

Der Pfarrer sprach: "Ich bin Pfarrer, und habe hier nicht zu befehlen, und kann mich in eure Händel nicht mischen. Alles Unglück dieses Dorfes kommt daher, dass die Leute im Schlamm und Unflat der Sünden untergehen. Sie fragen dem Worte Gottes nichts nach, und verkürzen aller Orten das Einkommen meiner Pfründe. Es wird aber ein schweres Zorngericht des Herrn über sie kommen, und die Langmut des himmels nicht länger ihren Sünden nachschauen."

Oswald sagte: "Herr Pfarrer, mit erlaubnis, Ihr könnet doch, wenn ihr wollet, Vieles zur Rettung der Gemeinde tun. Denn das Herz dieser Menschen ist verwildert, weil ihr Verstand verfinstert ist. Wenn Ihr Euch der Schule annehmen und die Jugend in guten Sitten und im christlichen Lebenswandel unterrichten wolltet, dass sie die Tugend lieben und das Laster scheuen lernte: es würden die guten Früchte der Besserung nicht ausbleiben."

Der Pfarrer antwortete: "dafür ist der Schulmeister und nicht der Pfarrer. Ich habe bei der Menge meiner wichtigen Amtsgeschäfte keine Zeit dazu übrig. Die Gemeinde selbst ist Schuld, dass sie keinen rechten Schulmeister haben kann, weil sie ihn schlecht besoldet."

Oswald sagte: "Wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, ein guter Hirt, der seine Heerde wohl weidet, bekümmert sich auch um jedes Einzelne in derselben. Die Leute sind unwissend, und verderbe oft bloss aus Unverstand, weil sie nicht wissen, wie sich helfen und ihre Sachen einrichten? Wenn Ihr nun bald zu dieser, bald zu jener Haushaltung in müssigen Stunden ginget, und sähet die Unvernunft der armen Leute, die oft nur zu grund gehen, weil sie sich nicht recht zu raten wissen; – sähet, wie sich die armen Menschen nach und nach an ihr Verderben gewöhnen, bis sie von Haus und Hof getrieben werden; – sähet, wie die Kinder, erbärmlich verwahrloset, unmöglich besser werden können, weil sie nur das Schlechteste auf der Welt hören und sehen; – o, Herr Pfarrer, wenn Ihr nun einmal ..."

Der Pfarrer unterbrach den Oswald in seiner Rede und schrie: "Was ficht Euch an? Wollet Ihr dem Pfarrer gute Lehren geben und Unterricht, was er als Pfarrer zu tun habe? Hebet Euch weg von mir mit Euern Versuchungen. Ich bin ein geistlicher Hirt, der für die armen Seelen sorgt, und bete täglich für sie. Aber Ihr wollet mich, glaube ich, zum Säutreiber machen."

Als der Herr Pfarrer so zornig sprach, ging Oswald von dannen und sein Herz war sehr betrübt. Aber er konnte doch nicht ruhen, und dachte: es muss und soll geholfen werden, und Gott wird mir beistehen.

Und er legte Feierkleider an, nahm den Stab, und wanderte in die Hauptstadt des Landes. Da ging er umher zu den obersten Staatsbeamten, von Haus zu Haus, sein schweres Anliegen vorzubringen. Aber der eine von den Herren hatte ein grosses Gastmahl und konnte ihn nicht hören; der andere war spazieren gefahren und konnte ihn nicht hören; der dritte sass eben beim Spieltisch mit den Karten in der Hand und konnte ihn nicht hören; der vierte zählte die eingegangenen Zinsen und konnte ihn nicht hören; der fünfte führte ein junges Frauenzimmer zum Tanzhaus und konnte ihn nicht hören. Endlich kam er zu dem letzten, der hörte ihn an. Es war ein steinalter Mann mit einer weissen Haarbeutelperrücke. Vor diesem schüttete Oswald sein Herz aus, sprach vom Elend seines Dorfes, von der Schlechtigkeit der Vorgesetzten, von der Gleichgültigkeit des Pfarrers, von der Unwissenheit des Schulmeisters.

Darauf antwortete der alte Herr in der Haarbeutelperrücke ganz freundlich und sprach zu ihm: "Du Flegel, der du geistliche und weltliche Obrigkeit verlästerst, packe dich und raisonnire nicht weiter, oder ich lasse dich ins Zuchtaus bringen. Euer Herr Pfarrer ist ein vortrefflicher Mann, denn er ist mein eigener Vetter."

Mit diesem Bescheid verliess Oswald die Hauptstadt. Als er wieder ausser dem Stadttor in die freie Luft kam, brach ihm das Herz, und er weinte laut.

6. Der neuerwählte Schulmeister.

Als er am Nachmittag in das Dorf zurückkam, liess er keinen Menschen wissen, warum er in die Hauptstadt des Landes gereiset, und wie es ihm da ergangen sei. Vielmehr stellte er sich wohlvergnügt und redete Jedermann freundlich an, selbst seinen ärgsten Feind, den Löwenwirt B r e n z e l , welcher im dorf der reichste Mann, und im Gemeinderat der Vornehmste war. Der stand breitbeinig vor der Haustür, die Kappe schief auf dem Ohr, die hände über den Bauch gefaltet, und schaute gar gebieterisch rechts und links.

"Guten Abend, Herr Brenzel!" rief ihm Oswald zu: "Habt Ihr schon Feierabend?"

Brenzel nickte vornehm mit dem kopf und sprach, ohne den Oswald anzusehen: "Ich verdiene meinen Taglohn, wenn ich mit der Hundspeitsche daheim bleibe und die Bettler von meinem haus treibe."

Wie Oswald diese unchristliche Rede von einem Vorsteher der Gemeinde hörte, welcher ein Vater der Armen, der Wittwen und Waisen sein sollte, lief es ihm heiss und kalt über die Haut, und er verdoppelte seine Schritte, um davon zu kommen. Desto mehr erquickte ihn, da er an der Mühle vorüberging und er Elsbet sah, die schöne Tochter des Müllers Siegfried. Sie sass auf der Bank vor