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Goldental, in meine liebe Heimat, und ich sah, wie elend und verlumpt hier Alles war, verbarg ich meinen Wohlstand, um nicht von lüderlichen Bettlern belagert zu werden. Auch hatte ich alle Lust verloren, hier zu bleiben, und wäre wieder fortgezogen, hätte ich nicht des Müllers Elsbet gesehen. Meine Elsbet hielt mich fest. Da beschloss ich in meinem Herzen, zu versuchen, ob ich mir das Leben bei euch lieb machen könne? Und ich stellte mich arm und den Uebrigen gleich, um Vertrauen zu erwecken. Und ich sagte Niemandem von meinen Ehren und Jahrgeldern, so ich genösse. Nur Elsbets älteren musste ich es am Abend, da ich um die Tochter anhielt, offenbaren, sonst hätten sie mir ihr Kind nicht gegeben, denn sie hielten mich für arm. Als ich aber noch am Abend den Müller Siegfried und seine Frau zu mir ins Haus führte, und hier meine Uniform mit dem Orden anlegte, ihnen mein gesammeltes Geld und den königlichen Gnadenbrief wies, woraus sie sahen, dass ich mehr Jahrgehalt bezog, als des Müllers Mühle in drei Jahren verdienen konnte, wurden sie andern Sinnes. Doch mussten sie verschwiegenen Mund halten, denn es war nötig. Nun aber mag es Jedermann wissen; es schadet nicht mehr."

So erzählte Oswald, und die Leute verwunderten sich und freuten sich über sein Glück. Und sie hatten vor ihm so grosse Ehrfurcht bekommen, dass sie ihn kaum Du nennen wollten. Er aber sagte: "Was treibet ihr auch mit mir? – Nein, ich bleibe eures Gleichen; darum seid und bleibet meine Brüder. Kein Offizierrock und kein Orden, sondern ein wohlwollendes Herz voll Gottesfurcht macht zum Ehrenmann." So redete er und umarmte Alle nach der Reihe, da sie sich heim begaben; und sie dankten ihm, denn er sei der wahre Stifter ihres irdischen und ewigen Glücks, und sie nannten ihn V a t e r . Und wenn er Kindtaufe halten würde, versprachen sie Alle, sich mit ihm zu freuen, als wäre sein fest ihr eigenes fest.

Wie nun drei Tage nach diesem der Sonntag kam, da Oswalds Sohn getauft werden sollte, war Alles im dorf schon früh wach. Oswald aber trat zu seiner Elsbet an das Bette, küsste die junge Mutter und ihren holten Säugling und sprach: "Sieh', teure Elsbet, mein Herz bricht vor Freude und Wehmut. Mein Söhnlein, das du geboren hast, macht mir grosse Wonne; aber noch grössere Wonne macht mir der Anblick unseres Dorfes. Und es ist doch wahr, die Menschen sind so böse nicht, und nicht so herzlos, wie man oft sagt. Man soll den Glauben an die Güte der Menschheit nie verlieren. Siehe, in dieser Nacht haben sie unser Wohnhaus wieder mit Blumenkränzen prächtig überdeckt und verziert, wie es am Tage unserer Hochzeit war. Aber dabei ist es nicht geblieben. Alle Häuser des Dorfes sind mit Blumen und Zweigen verziert, als wäre unser fest das fest jedes Hauses. Und hinten von unserm Haus hinweg bis zur Kirchtür haben sie grünende Birkenstangen auf beiden Seiten des Kirchwegs gepflanzt und lange Blumenschnüre von Birke zu Birke gezogen, und den ganzen Weg mit grünem Laub und allerlei Blumen überstreut."

So sprach Oswald und die junge Wöchnerin errötete in stiller Rührung, und ihre Augen wurden feucht. Dann sagte sie nur: "Hab' ich doch in der Nacht oft ein Gehen und Sumsen draussen gehört, und wusste nicht, was es gab?" Sie konnte nicht im Bette bleiben, und musste auf und ans Fenster gehen und die Herrlichkeit sehen. Da weinte sie still; denn nichts ist für ein zartes Gemüt rührender, als wenn es den Zusammenklang der Seelen in tugendhafter Erhebung wahrnimmt. Das ist die wahre Verklärung der Menschheit und eine Ahnung des schönern himmels, der unserer wartet.

Als Elsbet wieder zu ihrem Säugling gegangen war, kamen ihre älteren, denn sie waren die erbetenen Taufzeugen. Die Müllerin konnte nicht genug sagen, wie ausgeschmückt die Häuser wären, wie lebendig Alles im dorf sei, und sie rief einmal um das andere aus: "Nein, solch eine Kindtaufe ist in Goldental noch nie geworden! So feiert man ja nicht die Geburt eines Fürsten."

Und wie sie noch so redete, kam ein ganzer Zug junger Mädchen und Knaben gegen Oswalds Haus, sämmtlich in Feierkleidern, Paar um Paar. Alle trugen ein kleines Geschenk von ihren älteren zur Wiege des Neugebornen; die Einen schneeweisse Leinwand, die Andern Zucker, oder Mandeln, oder Blumen, oder selbstgestrickt Strümpfe oder Handschuhe, die Andern niedliches Hausgerät, kleine Bedürfnisse für Küche und dergleichen. So viele Haushaltungen im dorf, so viele Geschenke. Und alle Kinder küssten Elsbets Hand und sagten: M u t t e r E l s b e t h ! und küssten O s w a l d s Hand, indem sie bloss dazu die Worte sprachen: V a t e r O s w a l d ! Aber welcher Wohllaut lag für Oswald und Elsbet in diesen Vater- und Mutternamen! Es gab keinen einfachern und rührendern Glückwunsch.

Da läuteten alle Glocken mit vollem Klange zur Kirche. Der Säugling ward zur Taufe getragen, er voran; ihm folgten die beiden Grossältern, hintennach der tiefgerührte Vater. Die ganze Gemeinde stand vor der Kirche in weitem Halbkreis, Alt und Jung, und sah den Oswald kommen. Sanft und freundlich sprach Alles, wie er vorbeiging an der