und Trug, Schwören und Fluchen, Unzucht und Heuchelei, Raufen und Balgen, Betteln und Stehlen, Spielen und Saufen, Müssiggang und Mutwillen, Hader und Neid, Verleumden und Lästern."
Als Oswald diese Dinge hörte, schüttelte er den Kopf und ging in seiner Seele betrübt von dannen.
4. Wie der Oswald erschrecklich tut, und es
ihm nicht hilft.
An einem Sonntage nach der Predigt wurde die ganze Gemeinde versammelt; denn es war guter Rat teuer, woher Geld nehmen, weil im land eine ausserordentliche Steuer ausgeschrieben, und noch dazu der Gemeinde eine Schuld aufgekündet war, die bisher nicht gehörig verzinset worden. Und das ganze Dorf kam nach alter Uebung unter der grossen Linde auf dem Platz zusammen. Die Vorsteher waren im Kreise der Bürgerschaft, und ausser dem Kreise standen die Weiber, Töchter und Kinder, zu hören, was vorgehe.
Oswald war auch dahin gegangen, und hatte sich vorgenommen, seinen Mitbürgern über ihren traurigen Zustand die Augen zu öffnen. Daher, als die Vorgesetzten ihre Anträge gemacht und ihre Reden geendet hatten, stieg Oswald auf einen Stein, der mitten auf dem Wege lag. Da ward er von Jedermann gesehen. Also hub er an zu reden:
"Liebe Mitbürger! Ich bin vorzeiten als ein Knabe von euch gegangen in den Krieg, und bin als Mann wieder zurückgekommen. Aber wie ich in unser Dorf kam, habe ich es kaum wieder gekannt, und mir ist in Wehmut das Herz gebrochen, als ich sah, wie alles verändert worden ist. Denn vorzeiten hiess unser Dorf mit Recht G o l d e n t h a l , weil es ein goldenes Tal war, worin Gottes reicher Segen wohnte, mehr denn anderswo. Es waren bei uns die meisten Leute wohlhabend, nur wenige arm, und Bettler gar keine. Damals pflegte man uns, wegen unsers Wohlstandes, auch noch im ganzen land die H e r r e n G o l d e n t h a l e r zu heissen. Denn wir gingen nicht in zerrissenen Kleidern, wie Bettler, sondern stattlich einher, in sauberm doch einfachem Gewande; und hatten nicht nur im haus zur Notdurft, sondern auch einen Gulden darüber hinaus. Damals hatte die Gemeinde keine Schulden zu verzinsen, sondern sie bezog sogar von andern Orten Zinsen für ausgeliehene Kapitalien, die wir erspart hatten. Damals war alles Land wohlgedüngt und angebaut, denn Jeder hatte seine Kuh und sein Ross im Stall, und auch wohl Geissln und Schaafe oder ein Paar Schweine daneben. Damals glich unser Dorf schon von aussen einem zierlichen Marktflecken. Die Häuser standen schön und nett, von innen wie von aussen, dass sich kein Herr aus der Stadt hätte schämen dürfen, darin zu wohnen. Haus- und Küchengerät verkündeten, man sei wohl versorgt, und die Fenster glänzten wie Spiegel. Wenige Leute hatten Schulden, und wer sie hatte, dem war nicht bange, wie er sie zahlen müsse. Damals bekam ein Goldentaler ohne Handschrift und Unterpfand aus der Stadt auf sein ehrliches Wort hundert und mehr Gulden geborgt. Damals war für Goldental noch eine goldene Zeit."
Wie Oswald so redete, nickten ihm Alle freundlichen Beifall, und Einige sagten: "Der Oswald hat wohl Recht!"
Er aber redete weiter und sprach: "Nun ist es nicht mehr so. Man sollte unser Dorf nicht mehr Goldental nennen, sondern Kot- und Dreck-, Dornen- und Disteltal. Von unsern Aeckern ist meistens der Segen verschwunden; denn die Einen von uns haben zu viel Land, die Andern gar keines; die Uebrigen können es nicht in Ordnung anbauen und benutzen. Die Bettelei ist von Vielen nicht mehr für Schmach gehalten, sondern für einen ordentlichen Beruf und Erwerb angesehen. Die meisten Haushaltungen sind verschuldet, und eine um die andere sieht den Tag vor, da ihr Alles versteigert und sie ausgetrieben werden muss. Die Schuldboten verlassen unser Dorf nie. Mit den benachbarten Orten haben wir Zank und Prozess, und unter uns selber Feindschaft und Parteien. Wir haben noch den alten Hochmut, aber nicht mehr das alte Geld; auf den Strassen Kot und in den Häusern Unflat und Gestank, den meisten Unflat aber im Herzen. Denn hier versteht sich fast Jedermann besser aufs Saufen, als aufs arbeiten; besser aufs Borgen, als aufs Bezahlen; besser aufs Prellen und Stehlen, als aufs geben; besser auf Hinterlist, als auf Wahrheit. Wenn das so fortgeht, müssen wir in Elend und Schande Alle untergehen. Schon haben wir zu Stadt und Land keinen Kredit mehr, und wenn man Jemand einen Lump heissen will, so sagt man: er ist ein Goldentaler!"
Bei diesen Worten des Oswald erhob sich ein grosses Gemurmel und Dräuen im Volk, und jeder sah den Oswald mit finstern Blicken an; also, dass des Müllers Elsbet in grosse Furcht geriet. Denn sie stand auf einer Bank am haus und verwandte kein Auge vom Oswald, der ihr von Herzen lieb war.
Oswald liess sich jedoch von dem Gemurre und Gesurre nicht schrecken, sondern fuhr also fort:
"Liebe Mitbürger, wenn noch ein Tropfen redlichen und frommen Bluts in euern Adern wallt, so schlaget Hand in Hand und sprechet: es soll und muss anders werden! Woher kommt unser Verderben? Dahinten her kommt es, aus den Wirtshäusern! Da sind eure Ländereien in die Wein- und Bierfässer gefallen, und eure Kühe von den Spielkarten erschlagen. Da habt ihr das