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und wunderten sich fast zu tod, warum das bei ihnen nicht auch so sei? Sie meinten in vollem Ernst, die Goldentaler hätten geheime Künste. Statt aber sich nach diesen Künsten recht zu erkundigen, blieben sie ruhig auf ihrem alten Mist sitzen, und blieben, wie sie waren. Sie zeigten nur Neid und Missgunst, wenn sie von Goldental sprachen, und spotteten und nannten es das Goldmacherdorf. Aber dieser U e b e r n a m e war kein U e b e l n a m e .

Auch machten sich die Goldentaler nicht viel daraus. Denn wohin sie kamen, waren sie wertgehalten und geschätzt. Sie fuhren in ihrer guten Weise fort und waren dabei des Lebens froh. Hatten sie die ganze Woche gearbeitet, war jeder Sonntag ein rechter Ruhetag. Ins Wirtshaus freilich gingen die Goldentaler nicht. Sie hatten ihren Labetrunk daheim. Aber auch im Winter tanzten da des Abends die jungen Leute bei guter Musik. Einige Männer und Knaben waren durch den Schulmeister Johannas Heiter im Spiel der Geigen und Flöten angeleitet worden. Sie hatten es ziemlich weit gebracht. Oft führten auch die jungen Sänger und Sängerinnen grosse Singstücke auf, wie man dergleichen kaum in der Stadt hörte. Die alten Männer und Frauen kamen familienweise des Abends zu einander; da bewirteten sie sich mit einfacher Kost, und hatten ihre muntern gespräche. Von besoffenen Leuten, von Raufereien, von Prozessen, von Ausschweifungen anderer Art hörte man gar nicht. Denn mit dem Wohlstande und der bessern Erziehung, die aus der Schule stammte, hatte sich ein gewisses Ehrgefühl und eine Liebe zu anständigen Sitten unter den Bauern ausgebildet, wovon man sonst nicht leicht in andern Dörfern Aehnliches gewahr ward. Man kannte und unterschied sie schon beim ersten Anblick in der Stadt von Landleuten aus andern Gegenden. Sie waren in ihrer Tracht höchst einfach und säuberlich, in ihrer Rede sanft und bescheiden, in ihrem Benehmen offen und guterzig. Sie trugen zwar keine feine Kleider, aber dafür war ihr Betragen fein.

Man muss wohl nicht glauben, dass dies höfliche, ehrbare und löbliche Wesen eine reine Frucht der Erziehung oder des allgemeinen Wohlstandes allein gewesen; es war auch eine wirkung der Gemeindegesetze. Denn wie einige Bauern reicher geworden waren, hatte es gar nicht an solchen gefehlt, die wieder über die Schnur hieben und aus der Art zu schlagen drohten. Da wollten Einige hochmütig werden, putzten ihre Töchter ungebührlich, kleideten sich in kostbares Tuch recht städtisch, und taten in allen Dingen gross. Einige andere nahmen die Spielkarten wieder vor oder die Weinflaschen im Wirtshaus. Das erweckte aber grosses Aergerniss bei den meisten rechtschaffenen Leuten, und sie sprachen: "Fängt man es so wieder an, werden wir bald wieder den Krebsgang gehen!" Und es war allgemeiner Unwille gegen diejenigen, welche von der einfachen, löblichen Weise abwichen; und man begehrte, die Ortsvorgesetzten sollten besser über die Bewahrung der guten Sitten im dorf wachen.

Dieser Vorwurf, welchen man den Ortsvorstehern machte, erfüllte den Oswald gar nicht mit Verdruss, sondern mit wahrer Freude. So kam ein strenges Gemeindsgesetz zu stand; darin war aller Aufwand in den Kleidern verboten und jedem Alter seine Tracht vorgeschrieben, und auf Kartenspiel und alles Spiel um Geld und Geldeswert, auf das Laster der Trunkenheit, auf Schimpfreden, Lästerungen, Balgereien und andere Schändlichkeiten waren von der Gemeinde einmütig harte Strafen gesetzt. So kam es, dass sich Keiner überhob und übernahm; dass, wenn irgend Einer auch einmal Lust hatte, zu tun, was weder ehrbarlich noch recht war, die Furcht vor Scham, Schande und Bestrafung ihn wieder zurückschreckte.

Alle Jahre wurde das Sittengesetz vor der ganzen Gemeinde vorgelesen. Da mussten Alt und Jung, Männer, Weiber und Kinder es anhören. fand man Zusätze nötig, wurden sie gemacht. Und wenn das Sittengesetz vorgelesen war, musste der erste Vorsteher jedesmal fragen: "Wollet ihr dies Gesetz halten, welches die Grundlage unsers Wohlstandes, unserer Eintracht und Ehre ist?" – Und Alt und Jung antwortete mit lauter stimme deutlich ein allgemeines Ja.

31. Die Kindtaufe.

Oswald genoss zu dieser Zeit eine rechte Herzenswonne, nach der er sich lange schon vergebens gesehnt hatte. Nämlich die liebe, gute Elsbet hatte ihm einen muntern Sohn zur Welt gebracht. Da war er wie im Himmel.

Und er ging darauf zu seinem Freund, dem neuen Löwenwirt, der einer von den wohlbekannten zweiunddreissig Bundesgenossen war. Zu diesem sprach er: "Mein Freund, ich habe doch dich noch nie um eine gefälligkeit angesprochen, und ich komme damit zum ersten Mal. Meine Frau liegt im Kindbette, und ich kann sie nicht verlassen, und zur Stadt gehen. Ich gebrauche aber fünfhundert Gulden, wenn auch nur acht Tage lang, und sie sollen wo möglich in Gold sein. Willst du mir so viel auf acht Tage leihen?"

Der Löwenwirt antwortete: "Ich bin dir für so Vieles Dank schuldig; warum sollte ich nicht? Ich habe eben achtundert Gulden empfangen, die liegen noch immer bei mir. Aber sie sind zum teil in Silbermünze. Willst du, so nimm Alles auf so lange du willst."

Oswald sagte: "Ich möchte lieber Gold; es liegt mir sehr daran."

Der Löwenwirt versetzte: "Wohlan, ich will Rat schaffen. Wann musst du es haben?"

Oswald erwiderte: "Bringe mir das Geld morgen Abend um die achte Stunde in mein Haus. Aber sage Niemandem davon."