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griffen die Unterhandlungen um sich. Manche gelang, manche scheiterte. Immer kam dabei etwas heraus. Es war in Goldental wie an einer Landversteigerung oder wie auf einem Gütermarkt, zumal im Winter, da man mehr müssige Stunden hatte und Abends zum Gespräch zusammenkam, bald bei Diesem, bald bei Jenem. Denn ins Wirtshaus zu gehen und das gute Geld durch die Gurgel zu jagen und einem Vieh gleich zu werden, schämten sich alle Ehrenleute im dorf. Lieber tranken sie ihr Glas bei Weib und Kind und mit denselben an einem Sonn- und Festtage.

Oswald hatte es vorausgesagt: der Gütertausch hat Schwierigkeit! So war es auch. Allein im ersten halben Jahr war es doch schon Fünfen fast ganz gelungen, all ihr Land beisammen zu haben. Das verdross die Andern. Sie sahen den Nutzen davon sehr wohl ein. Nun setzten sie den Kopf daran, es auch so weit zu bringen. Das Gemeinhaus ward beständig besucht am Abend. Da standen immer einige Bauern vor der grossen Karte, und handelten und stritten, dass man es draussen hörte, und liefen aus einander im Zorn, und traten wieder mit neuen Vorschlägen zusammen.

Was war die Folge? Von Jahr zu Jahr rundeten sich die Güter immer besser zu, und die guten Wirkungen wurden auffallend sichtbar.

30. Wie es im Goldmacherdorf aussah.

Wohl war Goldental nun ein rechtes goldenes Tal. Da lag es mitten in den fruchtbarsten Gärten, wie vergraben in den vollen Obstbäumen, umringt von Wiesen und goldenen Saatfeldern, wie mitten im Paradiese. Die Feldwege zwischen den Aeckern waren wie Gartenwege sauber und eben, die Landstrassen auf beiden Seiten mit Obstbäumen besetzt, so weit der Gemeindsbezirk ging.

Und trat man ins Dorf, so glaubte man in kein Dorf zu treten, sondern in einen stattlichen Marktflecken. Denn die Häuser waren, wenn auch nicht alle gross, doch alle schön und wohl unterhalten von oben bis unten; die Fenster glänzend und hell; die Türen und Gesimse stets gewaschen oder frisch angestrichen; die Dächer fast alle mit Ziegeln gedeckt, denn durch ein Gemeindsgesetz waren die Strohdächer wegen Feuersgefahr verboten. Und wurde ein neues Dach gedeckt, mussten es Ziegel sein. Auf mancher First sah man Blitzableiter, fast vor allen Fenstern Blumen; neben den Häusern kleine Gärten, zierlich geordnet und daneben wohlgeschirmte Bienenkörbe.

Die Leute grüssten Jeden so freundlich auf der Strasse, und neckten einander im Vorbeigehen scherzend. Man sah es ihnen wohl an, dass sie unter einander gut lebten und mit ihrem Zustande vergnügt waren. Das konnte nicht anders sein. Sogar in der Woche bei Feld- und Gartenarbeit gingen Alle, zwar schlicht und einfach, aber doch reinlich gekleidet: man sah keine beschmierten, keine zerrissenen Gewänder. Es gab braune, von der Sonne verbrannte Gesichter, aber keine kotigen, mit struppigen Buschhaaren; und die Kraft und Gesundheit lachte Allen aus den Augen. Die jungen Bursche in andern Dörfern sahen am liebsten nach den Goldentaler Mädchen; denn sie waren nicht nur wundernett und hübsch, sondern auch häuslich, geschickt und wirtlich. Mancher reiche Bauerssohn in andern Dörfern holte sich ein Mädchen aus dem Goldmacherdorf; wenn es auch nicht viel Geld hatte, hatte es doch viele Tugenden. Und ging ein junger Mann aus Goldental auf die Heirat aus, so konnte er unter den Töchtern des Landes wählen. Man schlug einem Goldentaler nie leicht die Tochter ab, wenn sie auch mehr Vermögen hatte; denn man wusste, es war gar wohl angelegt. Das vermehrte den Wohlstand der Gemeinde nicht wenig.

Dass man keine Bettler und Müssiggänger in Goldental sah, verstand sich. Aber man erblickte auch nicht einmal dem Anschein nach arme Leute. Denn sogar die Spittler hatten ihr sattes Essen und Trinken und ordentliches Gewand. Und trat man ins kleinste, ärmste Bauernhaus, so meinte man beinahe, es sei etwas recht Vornehmes darin. Die Fussböden waren so reinlich und gefegt, die Bänke, Stühle, Tische so ohne Flecken und Fehl, Fenster und Spiegel so hellkurz, es war nicht wie in den Sauhütten mancher Bauern in andern Dorfschaften. Man bekam rechte Lust, da zu wohnen unter den Biederleuten.

Während der Sommermonate, vom Frühjahr bis zum Herbst, war es an den Sonntagen bei schönem Wetter ein fröhliches Leben zu Goldental. Da wimmelte es von Besuchen aus der Stadt. Das grosse, neu ausgestattete Wirtshaus, welcheswer hätte es glauben sollen? – einer von den zweiunddreissig armen Genossen des Goldmacherbundes durch Erb und Kauf an sich gebracht hatte, war angefüllt mit städtischen Familien, die Erfrischungen nahmen. Andere Familien kehrten in die Wohnungen ihnen bekannter Bauern ein: sassen da in den Gärten bei Milch, Obst, Honig und andern Näschereien des Dorfes; oder lagerten sich plaudernd und spielend auf grünen Rasenplätzen, oder sassen auf den saubern Bänken vor den Häusern im Schatten weit vorragender Dächer, und sahen die auf- und abwandelnden bunten Reihen der Spaziergänger; oder traten auf den Platz unter die Linde, wo die Jugend des Dorfes zuweilen tanzte beim heitern Gesang der Andern. Man kann leicht denken, die Herren und Frauenzimmer aus der Stadt waren für das Vergnügen, welches sie in Goldental genossen, nicht undankbar, und die von den gefälligen Landleuten angebrachten Bequemlichkeiten und Verschönerungen ihrer Häuser und Gärten trugen guten Zins. Selbst im Winter fehlte es nicht an Besuchen. Da wurden aus der Stadt Schlittenpartien nach Goldental gemacht. Wo konnte man's besser haben?

Die Leute in andern Dörfern sahen und hörten das