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war allerdings nun ein grosser Nutzen.

Der Vorsteher Oswald sagte aber zu den Leuten, wenn sie den Plan betrachteten: "Das ist noch nicht der grösste Nutzen; ich weiss noch einen bessern." Wenn sie ihn darum fragten, antwortete er: "Habet ihr's bis Lichtmess nicht erraten, so will ich es euch dann sagen." Sie errieten es aber nicht.

Als nun Lichtmess kam und die Gemeinde wegen verschiedener Angelegenheiten versammelt war, trat Oswald, nachdem man alles abgetan hatte, hervor und sprach: "Ihr Alle kennet sattsam den Plan von unserm Gemeindsbezirk, wie ihn der Schulmeister Johannes Heiter mit seinen Schülern genau und zierlich verfertiget hat. Ihr Männer, liebe Mitbürger, Jedermann hat dabei seine besonderen Gedanken gehabt, und auch ich die meinigen. Und diese will ich euch offenbaren."

"Wenn ich die Felder übersah, die wir im Schweisse unsers Angesichts bauen, nicht ohne Segen von Gott dem Herrn, so tat es mir oft weh im Herzen, dass die Arbeit uns so viel Mühe macht, und es tat mir oft weh im Herzen, dass dabei Vieles nicht so gut angebaut ist, und folglich auch nicht so viel abträgt, als wohl sein sollte. Und ich warf meine Augen noch einmal auf den Plan, und siehe, da wurden auch die Augen meines Geistes eröffnet, und ich erkannte einen Hauptfehler in unserer Feldwirtschaft."

"Ihr Männer, liebe Mitbürger, es liegt nun sonnenklar am Tage, wenn ihr euch unter einander verstehet, so werden eure meisten Güter mit geringerem Aufwand von Zeit und Unkosten besser besorgt werden und abträglicher sein können, als bisher."

Da riefen viele Bauern: "Dazu wollen wir uns ohne Mühe mit einander verstehen, wenn es nicht einmal so viel kostet, als sonst!"

Oswald sprach: "Ich wünsche Glück dazu. Ich will euch sagen, was bisher viel Unkosten verursacht hat, die ihr nun sparen könnet, wenn ihr wollet. Das ist die Z e i t ! – Jeder von euch hat nämlich sein Land nach und nach zusammengeerbt oder zusammengekauft, wie es kam. Da hat er ein Stück am Berg liegen, ein anderes hinterm Wald, ein anderes wieder jenseits der brücke, ein anderes neben der Landstrasse, wieder ein anderes am Bach, und noch ein anderes beim Steinbruch. Da muss er nun Viertelstunden weit unnütz umherlaufen von einem Stück zum andern, eben so die Knechte und Mägde, eben so die Fuhre mit dem Dünger. Da wird ein teil des Tages bloss mit Gängen und Läufen verloren, wo man hätte arbeiten können. Da werden Magd und Knecht für Hin- und Hergehen bezahlt, was doch nichts einträgt. Es wird daher um so viel weniger im Tage gearbeitet, und das Land um so weniger mit grösstem Fleiss bearbeitet, weil es an der nötigen Zeit gebricht. Mancher scheut sich, noch etwas Land zu kaufen, weil er das seinige kaum recht in Ordnung besorgen kann; und doch hat er nicht viel. Aber das Umherziehen von einem Stück zum andern nimmt die Zeit weg. Lägen alle seine Felder beisammen und wäre ein Ganzes, er könnte mit eben so vielen Leuten in eben so vieler Zeit noch einmal so viel Land besorgen, als er jetzt hat, und um so viel reicher sein."

Die Bauern sagten: "Das ist ganz richtig, aber es lässt sich nicht ändern. Man kann seine Aecker nicht auf den rücken nehmen und an einen Haufen legen."

Oswald sprach: "Das könnet ihr, wenn ihr wollet,

nun ihr den Plan vom Gemeindsbezirk habet und nun Jedermann weiss, wie gross jedes seiner Stücke ist. Aber ich sage euch, die Sache hat viel Schwierigkeiten. I h r m ü s s e t m i t e i n a n d e r d i e z e r s t r e u t e n S t ü c k e a u s t a u s c h e n , so dass endlich Jeder sein Land im Zusammenhang hat, als ein einziges Stück. Da rede Jeder mit seinen Nachbarn und Anstössern. Entschädiget einander, wo der Eine ein paar Schuhe Land mehr oder bessern Boden hat, als der Andere. Und wenn Einer oder der Andere beim Tauschen wirklich etwas einbüssen sollte, so gewinnt er doppelt dadurch, dass er Alles beisammenliegend hat. Wo ihr nicht eins mit einander werdet, nehmet unparteiische Schätzer oder billige Schiedsrichter, oder ziehet Loose. Ich sage: lasset euch durch kein Hinderniss abschrecken, oder seid darum nicht zufrieden, weil ihr es jetzt seit vielen Jahren so gewohnt seid; es kommt darauf an, dass ihr reicher werden könnet, ohne grössere Mühe."

Als der erste Vorsteher so geredet hatte, ging die

Gemeinde kopfschüttelnd aus einander. Zwar Alle sagten, der Gedanke sei gar gut; aber man würde nun und nimmermehr einig werden.

Inzwischen dachten doch Einige in müssigen Au

genblicken daran, welches Stück von ihren Feldern sie wohl Dem und Diesem für das seinige geben könnten, das an das ihrige stiess. Sie fingen sogar zum Spass an, davon mit den Angrenzern zu reden. Diesen war dann das Angebotene nicht allezeit gelegen, und wünschten ein anderes, das dem Dritten gehörte, zu empfangen. Da begrüssten beide Teile nun den Dritten. Einer stiess den Andern. Bald machte Jeder Plane für sich, seine Besitzungen auszurunden und in ein einziges Stück zu verbinden. In kurzer Zeit