1817_Zschokke_114_45.txt

zu ihrem Nutzen in Geld verwandeln und in der Ersparnisskasse an Zins legen; eben so, was sie von den Erzeugnissen ihres Pachtlandes erübrigen und verkaufen lassen konnten. Das war kein geringer Vorteil. Die Menschen wurden arbeitslustig und bekamen Freude am Sparen und Vermehren ihres Eigentums, weil sie die Zeit voraussahen, da sie ganz u n a b h ä n g i g leben und einen gewissen Wohlstand zu geniessen im stand waren.

Am besten hatten es die Spitalmeister und die Aufseher, welche selbst Spittler waren. Denn Alles, was sie neben ihren Amtsverrichtungen arbeiten konnten und verkaufbar war, das wurde zu ihrem Nutzen verkauft. Darum war Jedermann beflissen, sich wohl zu halten, um zu einer solchen Stelle zu gelangen. Und diejenigen, welche das Aemtlein hatten, nahmen sich wohl in Acht, etwas von den ihnen übertragenen Pflichten zu versäumen. Der kleinste Fehler konnte sie um den vorteilhaften Dienst bringen, auf welchen Viele hofften.

Es gab zuletzt in der Armenanstalt Goldentals recht geschickte Arbeiter. Nicht nur die Bauern im dorf, sondern selbst viele Leute aus der Stadt kauften von den hier verfertigten Waaren, oder liessen hier arbeiten. Und wenn so ein geschickter Arbeiter spürte, er verdiene mehr, wenn er für sich allein arbeite, verliess er das Spital und mietete sich wohnung im Dorf oder in der Stadt und lebte für sich selber. Das feuerte nun wieder die Andern an, ebenfalls recht geschickt zu werden.

Im dorf war natürlich Jedermann froh, nicht mehr vom Bettelgesindel geplagt oder in Häusern und Gärten nächtlicher Weise bestohlen zu sein. Jeder schickte mit Freuden, statt der Almosen, etwas ins Spital, wenn es irgend in demselben an etwas fehlte. Allein es zeigte sich noch ein anderer Vorteil für das Dorf, an den vorher Niemand gedacht hatte. Nämlich, hatte es im Sommer an Feldarbeit gemangelt, so waren andere arbeiten im Freien vorgenommen worden. Und so war's gekommen, dass alle Gassen des Dorfes, wo man sonst bei schlechtem Wetter im Kot bis über die Knöchel waten musste, mit Steinen besetzt wurden; dass der Bach im dorf, der sonst überlief und grosse Pfützen bildete, mit Gemäuer eingefasst stand; dass die Feldwege und Fussstege ohne Löcher waren; dass die Gemeindswaldungen keine Stelle mehr hatten, die nicht mit jungen Setzlingen den erfreulichsten Nachwuchs zeigte. Weit umher im land sah man keinen Wald in besserer Ordnung, und kein säuberlicheres Dorf als Goldental. Es kamen sogar grosse Herren von der Regierung und besichtigten die Goldentaler Anstalten und Einrichtungen, und hätten dergleichen gern überall gehabt. Allein sie sahen sich in andern Dörfern oft vergebens nach dem edlen Pfarrer R o d e r i c h , nach dem menschenfreundlichen O s w a l d und seiner eifrigen Gehülfin E l s b e t h um. Dennoch ward es auch anderswo mit Abänderungen und mit Glück versucht. Und daran tat man Recht. P r o b i r e n g e h t ü b e r S t u d i e r e n . Und wo man mit eifriger Menschenliebe was R e c h t e s will, d a g e s c h i e h t auch was R e c h t e s .

29. Wieder etwas Neues.

"Was hat auch der Oswald wieder?" fragten sich die Bauern unter einander. Denn wenn alle Leute Feierabend hatten, lief er noch mit dem Schulmeister und einigen jungen Burschen in den Feldern herum. Die schleppten sich mit Ketten, steckten lange Stangen in die Erde, und Oswald sah immer über einen kleinen, langbeinigen Tisch nach den Stecken, und konnte sich nicht satt daran sehen. Und der Schulmeister H e i t e r tat es auch gern. Und an den Stecken war doch nichts zu sehen.

Das ging beinahe ein Jahr lang so. Und da die Bauern hörten, dass Oswald das Land und alle Felder vermessen und alle Wege und Stege in einen Plan bringen lasse, ward Vielen bange. Denn es ging wieder die Rede vom Krieg und sie dachten, der Oswald könne dem Feind das Land verraten wollen.

Es verhielt sich aber folgendermassen: Oswald verstand das Feldmessen und hatte Bücher, die davon handelten. Und er hatte seinen Liebling, den Johannes Heiter, auch in dieser Kunst unterrichtet, nebst andern Bauernburschen, die Kopf dazu besassen. Weil nun die Waldungen der Gemeinde sehr genau ausgemessen waren, kam er auf den Einfall, nach und nach in den Nebenstunden alle Güter, Wege und Stege des ganzen Gemeindsbezirks zu vermessen und daraus eine grosse Karte zu machen.

Auf der Karte sah man sehr deutlich jedes Stück Land, jeden Steg, jeden Hag, jedes Haus. Eine Juchart war beinahe einen Zoll ins Geviert gross. Und die grosse Karte, wie sie fertig war, wurde im Gemeindshause aufgehängt. Da liefen nun tagtäglich Bauern hin und beschauten den Plan, und wunderten sich sehr. Denn sie fanden sich bald zurecht, und Jeder erkannte seinen Acker, seinen Garten, seine Wiese. Und was das Beste war: in jedem Stück Feld oder Acker stand die Grösse desselben, genau bis auf einen halben Schuh, geschrieben. Nun erst wusste Jeder recht eigentlich, wie gross seine Aecker und Wiesen waren, und er schrieb sich die Zahlen sorgfältig ab. Das war beim Kauf und Verkauf keine Kleinigkeit; denn bisher hatte man das Land nur nach Schritten geschätzt, und Mancher zu wenig angegeben, Mancher zu viel. Das