Diese Kinder bekamen ihre Kleider von der Armenanstalt, und die Pflegeältern, wenn sie es verlangten, auch geringe Entschädigung. Aber die Wenigsten, die Kinder zu sich genommen hatten, forderten Entschädigung. Sie taten es aus Ermahnung des Herrn Pfarrers und aus Frömmigkeit. Der Herr Pfarrer war der rechte allgemeine Waisenvater. Er hatte zwei böse, mutwillige naschhafte Knaben, die Keiner annehmen wollte, zu sich ins Haus genommen, und schon nach einem halben Jahre waren dieselben zu Jedermanns Verwunderung recht gutartig geworden. Auf diese Weise brachte man die Kinder an, und sie sahen nicht täglich mehr das böse Beispiel ihrer älteren, und lernten arbeitsam und gottesfürchtig werden, da sie sonst nur zum Betteln, Stehlen und müssigen Herumschwärmen gewöhnt worden waren.
Wie man die gesammten armen Leute mit ihren Kindern also verteilte und Jeglichem sein rechtes Obdach gab, ward zugleich von den Ortsvorgesetzten ein Hauptgrundsatz aufgestellt, nämlich: Wer nicht im stand ist, sich selbst zu erhalten, und von Keinem versorgt wird, den muss die Gemeinde versorgen. Wen aber die Gemeinde versorgen muss, den hat sie auch das Recht zu beaufsichtigen und zu bevogten, damit er sich selbst erhalten und versorgen lerne. Das war nicht anders als recht und billig.
Darum ward jeder einzelnen Armenfamilie ein rechtschaffner Mann zum Vormund oder Vogt gesetzt. Dieser Vogt hatte über Nahrung, Kleidung, Vermögen, Schulden und Erwerb seiner ihm übergebenen Familie Vorsorge zu tun; musste über Ordnung und Reinlichkeit der Häusler in ihren Wohnungen und über die Arbeit wachen, die ihnen gegeben ward. Dabei verfuhr man sehr streng. Denn da auch die Häusler ihre Nahrung aus der Spitalküche bekamen, wo, wie in der teuren Zeit, die Sparsuppe gemeinschaftlich gekocht wurde, und sie Kleider und Gerät von der Armenpflege erhielten, so mussten sie auch für die Armenanstalt arbeiten, und damit ihr Brod und was ihnen sonst zukam, wieder abverdienen. Was sie ausser der aufgetragenen Arbeit durch grösseren Fleiss verdienten, ward ihnen bezahlt. Sowohl dies Geld, als das, was sie im Taglohn bei den Bauern verdienten, bekamen sie nicht in die hände, sondern wurde in die Ersparnisskasse für sie gelegt. Denn Leute, die zu ihrem Unterhalt Alles und Jedes empfingen, brauchten kein baares Geld; sie mussten aber erst sparen und haushalten lernen.
Jeder Vogt musste dem Herrn Pfarrer von Zeit zu Zeit über das Betragen und Schicksal der anvertrauten Familie Rechenschaft geben. Denn der Herr Pfarrer war der rechte Oberaufseher aller Vögte; er war der Pfleger aller Armen und führte darüber ein eigenes Buch. fand er gegen einen Vogt zu klagen, so dass derselbe sein menschenfreundliches Amt übel versah, so ward der Unwürdige von den Ortsvorstehern geradezu abgesetzt.
Diese beständige, unmittelbare Aufsicht und Bevogtung jeder armen Haushaltung oder person im dorf hatte ungemein viel Gutes. Denn weil das Geschäft der Aufsicht für jeden Vogt nur auf eine Familie ging, war es weniger mühsam und besser und sorgfältiger verrichtet. Jeder tat das Wenige gern und unentgeldlich aus christlichem Gemüt. Es wurde bald ein ordentlicher Wetteifer unter den Vormündern, wie jeglicher nach dem Ruhm trachtete, die ihm anvertrauten Personen durch Rat und Anweisung und Beihülfe emporzubringen. So hatte ganz unerwartet jede sonst verlassen gewesene arme Haushaltung einen Freund, Vater und Fürsprecher und Schutzengel gefunden, dem sie lebenslänglich dankbar wurde.
Nun aber war die Frage: woher Nahrung und Kleider für die Armen nehmen? Der Zins des Armenguts reicht nicht zu. Oswald aber sagte: "Es wäre wohl böse, wenn die Leute mit gesunden Händen nicht ihr Brod verdienen könnten. Alle zusammen, Häusler und Spittler, Männer und Weiber machen jetzt gleichsam eine einzige grosse Haushaltung, und müssen Einer für Alle, Alle für E i n e n a r b e i t e n . Die Häusler müssen in der Woche arbeiten, was ihnen aufgegeben wird; die Spittler müssen des Tages acht Stunden arbeiten, mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage."
Und so ging es. Wer nicht arbeiten wollte, d e r ward ins finstere Loch des Turms g e s p e r r t ; da sass er und bekam zum Getränk kaltes wasser, und zur Nahrung geschwellte Erdäpfel, kalt und ohne Salz, welche die Andern nicht hatten essen mögen. Das war Keinem angenehm. Wer aber arbeitete, hatte täglich warme speisen, Suppe, Gemüs und zweimal in der Woche Fleisch. Wer, ausser den acht Arbeitsstunden, noch fleissiger sein wollte, konnte sich damit Geld verdienen. Seine verfertigte Waare ward für ihn verkauft, und das erlösete Geld für ihn als ein kleines Kapital in die Ersparnisskasse an Zins getan. So sammelten sie sich ein kleines Vermögen. – Wer fluchte oder schwor, unzüchtig redete, Unordnung trieb, kam in das finstere Loch ohne Gnade und Barmherzigkeit. Wer aber fein still und ehrbarlich lebte, der hatte Hoffnung, seinen Zustand zu verbessern. Er konnte im Spital ein Unteraufseher oder gar Spitalmeister werden. Denn aus den bravsten Leuten im Spital wurden die Aufseher über die arbeiten und das Betragen der Andern, über Reinlichkeit und Ordnung der Zimmer und Schlafstätten und Kleider erwählt. Die Aufseher berichteten Alles dem Spitalmeister, der selbst ein Spittler war. Der Spitalmeister, so wie die Köchinnen, hatten den Vorteil, nicht zur gemeinen Arbeit gebraucht zu werden. Was sie neben ihren Amtsgeschäften verdienen konnten, das war ihr Eigentum und kam in die Ersparnisskasse. Die Unteraufseher hatten nur vier Stunden des Tages für die Gemeinschaft mitzuarbeiten; die übrigen Stunden waren ihnen erlaubt, für