Leute, die damit ein Stückchen Geld verdienen wollten, und in so ruchloser Gesellschaft ganz verdarben. Dabei hatte die Gemeinde gar keinen Nutzen, sondern Schaden, denn die Bettler besserten sich nicht und steckten Andere mit ihrer Liederlichkeit an, bei denen sie wohnten. – Ja, Herr Pfarrer, und Blut weinen möchte ich, wenn ich zumal an arme, verwaisete Kinder denke, welche auf diese Weise durch die Gemeinden versteigerungsweise in Verpflegung an den Wenigstnehmenden gegeben worden sind. Ich weiss, wie man in den teuern zeiten für solche Kinder das Geld nahm, aber sie hungern liess; und wenn die armen Würmer jammerten und vor Hunger schrien, wie man sie mit Ruten gestrichen hat, um sie zum Schweigen zu bringen, damit die Leute es nicht vernehmen sollten. Ich weiss, wie einst der Leichnam eines solchen Kindes geöffnet wurde, fand sich im Magen nichts als etwas Gras und wasser, und der rücken und die Lenden waren blutrünstig. Wahrlich, wahrlich, es ist unter Türken und Heiden mehr Barmherzigkeit, als bei unsern rohen Bauersleuten oft gefunden wird."
"Ich weiss auch gar wohl," fuhr Oswald fort, "dass die Vorsteher in vielen Gemeinden an Errichtung von Armenhäusern und Spitälern dachten, worein sie ihre Bedürftigen tun wollten. Das geschah aber nicht aus wahrer Menschlichkeit; sondern die harterzigen, bequemen Vorsteher wollten sich damit nur die Mühe erleichtern und die Plage abschaffen, immer an die armen Leute denken zu müssen. Denn der Stolz der Vorsteher liebt zwar im dorf die W ü r d e , aber erleichtert sich auf ehr- und gottvergessene Weise die B ü r d e , wie es gehen mag!"
So sprach Oswald. Der Herr Pfarrer freute sich über des Vorstehers gründliche Kenntniss der Dinge und sprach: "Ich habe über diesen höchstwichtigen Gegenstand meine Gedanken einmal schriftlich verfasst; leset doch diese Blätter. Es sind viele unreife Gedanken darin; aber ändert und bessert oder verwerfet Alles, was ihr wollet."
Oswald nahm des Pfarrers Schrift zu sich. Er las sie mehrmals durch. Er sprach darüber mit den Beisitzern, Er ging zum Pfarrer und machte ihm allerlei Einwürfe, hörte dessen Antworten und beriet sich wieder mit den Beisitzern. Endlich verstand er sich mit dem Herrn Pfarrer über einen Plan zur bessern Versorgung der Armen im dorf. Dann versammelte er die achtbarsten Männer der Gemeinde, zog auch diese zu Rat und hörte ihre Einwendungen. Da ward wieder allerlei abgeändert und wieder verbessert.
27. Was die Goldentaler mit ihren Bettlern
machen.
Nachdem Alles wohl beraten war, ging man ans Geschäft. Doch wussten Wenige im dorf, wie man so viele Bettler, Müssiggänger, hilflose Kranke, Gebrechliche und Kinder, ohne ungeheure Kosten, ernähren könne und wolle.
Zuerst wurde aus dem Armengut eine Summe Geldes, mit Genehmigung der hohen Regierung, erhoben; damit schaffte man eine Dreherbank, Aexte, Hobel, Sägen, Schaufeln, Spaten, Hacken und anderes Arbeitsgeräte an. Man verbesserte auch die Küche des Spitals, um daselbst für viele arme Familien zugleich kochen zu können, und machte allerlei Aenderungen im haus des Spitals, also dass darin eine Arbeitsstube für Männer, eine andere für Weiber und zwei Krankenzimmer für beiderlei Geschlechts angelegt wurden. Auch ward dafür gesorgt, dass für jeden Gesunden ein eigenes Schlafkämmerlein eingerichtet wurde. Das war eine enge Zelle, nur zehn Schuh lang und drei Schuh breit, am Boden nur Platz für einen Strohsack, ein Kopfkissen mit Stroh gefüllt, mit grobem Bettuch und einer warmen Wollendecke. Jede Zelle hatte eine eigene Tür mit Luftloch. "Man muss es Bettlern nie ganz bequem machen," sagte Oswald, "damit sie auch Lust bekommen, sich durch eigenes Bemühen eine bessere Lage zu schaffen." Darum ward jeder Winkel im haus zu Schlafstellen benutzt. Unter dem dach des Hauses bewahrte man angekaufte Vorräte von Wolle, Hanf, Nutzholz und dergleichen.
Sobald Alles und Jedes vorbereitet war, nahmen die Vorgesetzten ein Namensverzeichniss auf von denjenigen Personen im dorf, welche nicht ohne Unterstützung von der Gemeinde leben konnten. Das war bald gemacht. Man kannte diese Leute nur allzugut. Verschiedene derselben hatten im dorf noch eigene Wohnungen; Andere aber zogen ohne Obdach umher, dem Bettel nach, von Stall zu Stall. Diejenigen nun, welche keine eigenen Wohnungen besassen, wurden aufgefangen und ins Spital gebracht. Sie gingen willig, denn der kalte Winter war vor der Tür. Diejenigen, welche zwar eine stube hatten, aber mit andern armen Leuten gedrängt beisammen wohnten, so dass Alt und Jung, Leute beiderlei Geschlechts im gleichen Gemach schlafen mussten, wurden ohne Umstände ins Spital geführt. Nur diejenigen wurden in ihren Wohnungen gelassen, die darin nachweisen konnten, dass sie und ihre Kinder alle getrennt schliefen und gesund wohnten.
Also waren sämmtliche arme und Bedürftige des Dorfes in zwei Klassen zerfallen. Die, welche eigene Wohnungen hatten, hiessen H ä u s l e r ; die, welche ins Spital kamen, hiessen S p i t t l e r . Beide aber wurden als Genossen der gemeinen Armenanstalt betrachtet, ohne Unterschied. Wo Kinder waren, liess man sie gern bei ihren älteren. War aber die Behausung derselben zu klein, oder waren die älteren ruchlos und unsittlich oder im Spital: so suchte man die Kinder bei guten Haushaltungen im dorf oder in der Stadt unterzubringen, nicht bei armen Leuten um Geld, auch nicht bei reichen Leuten, sondern bei solchen, die durch ihre Rechtschaffenheit bekannt waren.