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ihre Kinder ernähren möchten. Die Lumpen sagten nur: "Die Gemeinde hat ein Armengut, das gehört uns an; und es ist die Schuldigkeit der Gemeinde, sie muss uns erhalten, sie mag wollen oder nicht. Verstossen oder verhungern lassen, darf sie uns doch nicht."

Dem guten Herrn Pfarrer Roderich gingen diese frechen Redensarten des Gesindels besonders zu Herzen. Und er sagte vielmals zu den Vorstehern: "Arbeitet, wie ihr wollet: so lange ihr noch die Beispiele der Faulheit, Ueppigkeit und Liederlichkeit, die Pflanzschule alles Lasters, im dorf habet, so lange kommt die Gemeinde auf keinen grünen Zweig. Denn was rechtschaffene Haushaltungen verdienen, davon zehren die Müssiggänger auch mit. Diese vermindern immerdar das Vermögen der Andern, und verführen durch ihre Schlechtigkeit andere Leute zur Schlechtigkeit."

Die Ortsvorgesetzten sahen dies so gut ein, wie der Herr Pfarrer. Aber wie sollte man dem mutwilligen Bettel und Müssiggang abhelfen? Das war der Knoten! – Im dorf befand sich zwar eine Art Armenhaus, welches man das S p i t a l hiess, allein es war für die Menge der Bettelschaft zu klein; darum kamen Viele nicht hinein. Und man musste sich scheuen, Menschen hinein zu tun. Der Herr Pfarrer ging oft in das sogenannt Spital, und hoffte die Leute darin zu bessern, – aber hoffte vergebens. Hier wohnten Alt und Jung: Männer, Weiber, die sonst kein eigenes Obdach mehr hatten, elend beisammen. Das Haus war, wie der Herr Pfarrer oft sagte, eine wahre Mördergrube der Seelen. Denn die Kinder sahen und hörten da von den Alten viele schändliche Sachen. Das Beisammensein von Personen beiderlei Geschlechts und von den schlechtesten Sitten gab zu vielen Ausschweifungen Anlass. Das Land, welches zum Spital gehörte, war immer am unordentlichsten besorgt, und Oswald hatte grosse Mühe, im haus selbst nur mehr äusserliche Reinlichkeit herzustellen. Aber wie sehr er auch den Kopf anstrengte, er konnte nichts ersinnen, dies zusammengepackte, müssige, lüderliche Gesindel zu ändern, und er glaubte zuletzt selbst, das sei nun einmal leider ein notwendiges Uebel.

Hingegen der Herr Pfarrer hatte keine Ruhe, und wollte nicht Zeuge so vielen Sittenverderbnisses in seiner Gemeinde sein. Er war aber ein kluger Herr, der sich nicht geradezu in Gemeindsangelegenheiten mischte, weil er, um heilsam zu wirken, mit allen Bewohnern des Dorfes in Freundschaft bleiben wollte. Er gab hin und her einen guten Rat, warf einen guten Gedanken hin, und freute sich, wenn er von diesem oder jenem Vorsteher aufgefasst wurde. Dann tat er gar nicht, als wenn das von ihm herrühre; sondern er liess den Vorgesetzten die Ehre, von selbst den rechten Weg gefunden zu haben. Das schmeichelte diesen und sie verfolgten den rechten Weg um so williger. Pfarrer Roderich meinte auch: es sei recht, dass die Ortsvorgesetzten bei der Gemeinde in höchster achtung ständen; und es schade ihrem Ansehen, wenn es hiesse, sie liessen sich vom Herrn Pfarrer gängeln und lenken. Das sollte nicht sein. Auf solche Weise wirkte der weise Mann im Stillen, ohne eigenen Ruhm, und mehr als selbst diejenigen wussten oder glaubten, auf die er wirkte. Und wenn auch nicht Alles so geschah, wie er wohl gewünscht hätte, ward er deshalb doch nicht missvergnügt, und zog die Hand nie von der guten Sache zurück. Denn er war bescheiden genug zu glauben, dass andere Leute ebenfalls Verstand von Gott und vielleicht in vielen Dingen bessere Erfahrung und Kenntniss hätten, als er. Jedes Nützliche belobte er ungemein; das gab grossen Mut und Freudigkeit. Und wo man begriff, dass gefehlt worden sei, entschuldigte er freundlich den Irrtum; das gab wieder Trost und richtete die Verdrossenen auf.

"Das kann nicht länger so gehen mit unsern Gemeindsarmen und müssigen Bettlern!" sagte eines Tages Oswald zum Pfarrer Roderich: "Aber ich weiss keinen guten Rat zu schaffen. Diese Erb-Bettler sind für eine ehrsame Gemeinde, was die Filzläuse für einen Menschenkörper sind: eine Plage, eine Schande; und das Ungeziefer sauget Blut, Saft und Kraft aus, dass man nicht geneset. Ich habe ein Grausen, so oft ich unser Spital erblicke. Die Verwaltung kostet so viel und taugt offenbar nichts, und ist nur eine Plage und Schande und Lüderlichkeit."

Pfarrer Roderich antwortete und sprach: "Ihr habet mir endlich aus der Seele gesprochen, Oswald. Hätte die Gemeinde kein Spital, so hätte sie auch keine Bewohner desselben. Die meisten Bettler und Müssiggänger wird man allezeit in denjenigen Orten finden, in denen das meiste Armengut angehäuft ist, und wo man die meisten Almosen austeilt."

Oswald versetzte darauf: "Ich habe freilich schon daran gedacht, das Spital abzuschaffen. Aber damit ist nichts gebessert. Es wird in den besteingerichteten Gemeinden immerdar arme geben und Taugenichtse. Wohin mit diesen? – Ich habe in andern Gemeinden gesehen, dass man die dortigen Armen bei den vermöglichen Bauern umherziehen lässt in die Runde, oder eine Woche lang von einer bestimmten Haushaltung Kost oder vielleicht auch den Stall zum Schlafen erhält. Das ist gegen Alte und Kranke oft unmenschlich, und für die Arbeitsfähigen Bestätigung im Müssiggang, seelen- und sittengefährlich. Ich habe wieder in andern Gemeinden, die den Bettel abschafften, gesehen, dass sie ihre Bettler auf Unkosten der Gemeinde bei gewissen Leuten verkostgeldeten. Man übergab dann die Verpflegung des Gesindels denjenigen, die am wenigsten dafür forderten. Das waren nun wieder höchst arme