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ihr von der Gemeinde habet!

Das war ein böses Geschäft, so mit einmal zwei Gulden und darüber für nichts und wieder nichts wegzugeben. Einige sagten: "Hole der Kukuk die Gemeindsschulden!" Andere liefen zu Oswald und sagten: "Herr Vorsteher, warum redet Ihr nicht mehr von Euerm Vorschlag, die Gemeindsschulden mit Holz aus dem Wald für immer abzutun? Fangt doch wieder an!"

Das war's, was Oswald erwartete. Und als die Gemeinde zusammen berufen war, sagte er: "Die ganze Bürgerschaft ist darin einig, wie ich von allen Seiten vernehme, die Schuld abzustossen. Keiner will jährlich ein Klafter Holz weniger empfangen. Nun denn, so macht es mit einem halben Klafter jährlich ab. Das wird bei den neuen Einrichtungen Keiner so stark vermissen, als ein ganzes. Nehmet ihr also jährlich, statt drei, nur zwei und ein halbes Klafter, so lange, bis wir wieder Holz im wald genug haben, so ist die Schuld in zwei, drei Jahren vernichtet."

Der Vorschlag erregte zwar auch Murren, aber er ging durch. Und als ihn die hohe Landesregierung nicht nur billigte, sondern auch belobte, ward nahe und fern der Holzschlag angekündigt. Es kamen viele Käufer von nahe und fern zur Steigerung. Man schlug in Gegenwart und unter Anweisung des Oberförsters das älteste Bauholz, auch an vielen Orten junges an, wo es zu dicht stand, verkaufte aber daran zwei Jahre lang, um die Preise nicht zu niedrig zu halten, und in zwei Jahren waren sechstausend Gulden gelöset, so dass die Gemeindsschuld nicht nur bezahlt, sondern auch ein schöner Geldüberschuss für Notfälle der Gemeinde an Zins getan werden konnte.

Nun aber folgte Oswald auch dem Willen des Oberförsters und der Regierung. Nämlich um den Wald, als das beste Stück vom Gemeindsvermögen, recht ordentlich bewirtschaften zu können, liess man einen Feldmesser kommen. Der vermass alle Waldungen und brachte sie in Karten. Der Oberförster ging durch die Gehölze, und nachdem er sie besichtigt hatte, teilte er sie in Portionen oder S c h l ä g e , und schrieb dazu, w e l c h e n S c h l a g m a n i n j e d e m J a h r e a b h o l z e n k ö n n e . Und so war dabei für dreissig und für hundert Jahre Vorsorge getan. Der Oberförster machte den Ortsvorgesetzten eine schriftliche Lehre und Anweisung dazu, was sie alle Jahre beim Abholzen und beim Anpflanzen neuer Schläge zu beobachten hätten. Und die Vorgesetzten machten der Gemeinde eine neue Waldordnung, darin, als in einem Gesetz fürs Dorf, geschrieben war, was künftig bei Fällung des Holzes, bei Austeilung der Gaben, bei Anweisung notwendigen Bauholzes in der Gemeinde, bei Freveln, bei Ernennung der Bannwarte oder Waldvögte u.s.w. zu beobachten sei, damit Alles recht unparteiisch und gemeinnützlich vor sich gehe.

Diese Einrichtungen waren ganz vortrefflich. Und wenn es einmal an einen Schlag im wald kam, der zu wenig Holz gab, ward das Fehlende aus dem Ueberschuss eines andern ersetzt. Der Bannwart empfing bessern Gehalt, damit er den Lumpen und Holzdieben Tag und Nacht fleissiger nachgehen könne. Alle zwei Jahre wurden die Marken und Grenzen der Wälder und Aecker und Wiesen von den Vorgesetzten, Feldhütern, Bannwarten, Güterbesitzern u.s.w., von alten Männern und jungen Knaben umgangen, besichtigt und berichtigt. Das verhütete vielen Grenzstreit, viele Prozesse, die sonst aus Verwahrlosung der Marken entstanden waren.

26. Es ist noch viel Not im dorf.

Das ganze Land konnte sich nicht genug über die Goldentaler verwundern. Denn der Wohlstand der Leute nahm sichtlich zu. Nicht nur das Dorf hatte keine Schulden, sondern Leute, die sonst tief darin steckten, trugen nach und nach ihre kleinen Kapitale ab. Jedermann in der Stadt, welcher Geld austun wollte, lieh den Goldentalern am liebsten; denn Jedermann wusste, die Ortsvorgesetzten waren bei Schätzung der Unterpfänder sehr gewissenhaft, und kannten haargenau, wie viel Schuld auf einem Stück Landes haftete. Das war nicht so in andern Gemeinden, darum hatten die Goldentaler überall den Vorzug und das Ansehen. Und wenn einmal ein Bettler kam, und sagte, er sei aus Goldental, so sprach man: "Pfui, schämst du dich nicht zu betteln, und du bist aus Goldental?" Man bildete sich ein, im Goldmacherdorf wären gar keine bettelarmen Leute.

Darin aber irrte man sich sehr. Denn in diesem neuaufblühenden dorf war noch immer ein ansehnlicher Bodensatz ans der alten Zeit. Da lebten einige verlumpte Familien, die nicht zu bessern waren, der Herr Pfarrer mochte mit ihnen reden, oder die Obrigkeit drohen, wie sie wollte. Da lebten Leute, die lieber müssig gehen, hungern und betteln wollten, als im Schweiss ihres Angesichts das saure Brod verdienen. Da lebten Leute, die sogar ihre Kinder zum Bettelund Diebshandwerk abrichteten, und sie Abends abprügelten, wenn sie nicht genug gesammelt hatten. Da lebten Leute, die immer wieder das, was sie entweder verdient, oder als Almosen bekommen hatten, für Wein, Branntewein und allerlei Nasch- und Lekkerwaare hingaben. Man hatte auch keine Hoffnung, dass die Menschen endlich einmal aussterben würden. Umgekehrt, sie vermehrten sich mit dem Wohlstande der Goldentaler. Denn sie verheirateten sich unter einander und setzten Kinder in die Welt, ohne sich darum zu bekümmern, wie sie sich und