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Gemeinde haben, als arme? Sind wir nicht allesammt Goldentaler? Hat Einer nicht so viel Recht, wie der Andere? Wer hat denn den Reichen den Nutzen des Gemeinlandes allein gegeben? – Wenn die Armen ein Stück Feld davon hätten, und könnten Klee oder andere Grasarten darauf bauen, so hätten sie für ihre Ziegen und Schafe doppelt so viel und gesünderes, nahrhafteres Futter, als jetzt. Also ist unser Rat, dass wir das Gemeinland in gleiche Teile unter die Bürger verteilen, dass Jeder seinen teil davon benutzen könne, wie er wolle. Das Land aber bleibt aber ewiges Eigentum der Gemeinde; Jeglicher empfängt seinen Anteil nur in Pacht, und kann ihn weder verkaufen, noch verleihen, noch vererben, noch sonst veräussern; sondern derselbe fällt jedesmal nach des Besitzers tod an die Gemeinde zurück. Diese gibt ihn dann an einen jungen Bürger, der eigene Haushaltung führt und noch ohne Gemeinland ist. Jeder zahlt jährlich einen geringen Pachtzins von seinem Stück, und damit wird der Zins von der Gemeindsschuld abgetragen. Also zahlt Niemand diesen Zins aus seinem eigenen Gut, sondern aus dem, was er von der Gemeinde zum Lehen hat."

Nachdem Oswald geredet hatte, entstand grosses Nachdenken im Volk, Gemurmel, Streit, Wortwechsel, Geschrei und Lärmen, als wäre Mord und Todtschlag. Denn die reichen Bauern, welche das Weidland bisher ausschliesslich mit ihrem Vieh benutzt hatten, wollten die Teilung nicht zugeben, schrien über Ungerechtigkeit und drohten mit der Regierung. Andere sagten: "Wir sehen wohl, man will die Lumpen reich machen, und die Ehrenleute im dorf zu Lumpen. Wer Vieh hat, der kann es zur Weide schicken; das ist eine alte Rechtsame, die von den Vätern vererbt ist, und die lassen wir uns nicht nehmen!"

Doch die Mehrheit der Bauern, die nicht reich waren, oder die ihr Vieh, um mehr Dünger zu gewinnen, im Stall fütterten, setzte es durch und hob den Weidgang auf. Alsbald musste ein Feldmesser kommen, alles Gemeinland in so viel Teile, als Haushaltungen waren, verteilen, und dann wurden die Stücke verlooset. Die reichen Bauern gingen jammernd und klagend vor die Regierung und beschwerten sich wegen der Bedrückung ihrer Rechtsame. Die Regierung aber gab folgenden Bescheid: "Das Gemeinland ist eine Rechtsame der Bürger und nicht der Kühe von Goldental. Also kann jeder Bürger das Gemeinland oder seinen teil benutzen wie er will. Ihr Herren aber verteidiget nicht eure alten Rechtsame, sondern euern von Alter stinkenden Eigennutz, und verstehet noch dazu euern Vorteil schlecht. Derohalben bleibt von nun an der Weidgang aufgehoben. Damit packet euch, ihr Esel, und ziehet hin in Frieden!"

Die reichen Bauern bedankten sich für den gnädigen Bescheid, und zogen heim. Nun erst bedauerten sie den Löwenwirt Brenzel im Zuchtause, und sagten: "Er war doch bei allen seinen Fehlern ein braver Mann; er hielt auf alte Gerechtigkeiten und Herkommen; unter ihm wäre so etwas nie geschehen. Der Oswald ist ein Franzos, ein Jakobiner, ein Neuerer, ein Bonapartler und dergleichen."

24. Und abermals die Schulden müssen getilgt

werden.

Schon im folgenden Frühjahr war jubel und Freude in der vormaligen Wüste des Gemeinlandes. Denn wo sonst einsame Kühe am kurzen schlechten oder sauern Grase rupften und zupften, blühete nun ein wahrer Garten. Da sah man nun Bohnen, Hopfen und Hanf, Erbsen und Flachs, Kohl und Erdäpfel, Klee und Getreide in bunter Mannigfaltigkeit. Jeder konnte leicht berechnen, dass er mit der Aernte nicht nur den kleinen Zins abtragen, sondern Ueberschuss haben würde. Selbst die reichen Bauern, sobald sie einmal zum rechten Verstand kamen, was oft sehr schwer bei ihnen hielt, erkannten ihren Vorteil dabei. Denn nicht nur hatten sie Gewinn am Futter für ihre Kühe im Stall, an Milch und Dünger, sondern auch an baarem Geld. Denn hätte Jeder, wenn es nach ihrem Kopf gegangen wäre, zum Schuldenzins der Gemeinde aus seinem eigenen Sack gesteuert, so hätten sie verhältnissmässig das Meiste dazu haben zahlen müssen, während jetzt, ein Jeder von seinem Pachtland, gleich viel Zins entrichtete. Der Oswald aber war noch nicht zufrieden, und nicht vergebens so oft in den Wäldern Tage lang umhergestrichen. Er hatte sogar in einer benachbarten Stadt den Oberförster besucht, der in seinem Fach ein grundgeschickter Herr war, und hatte denselben links und rechts in den Goldentaler Gemeindswaldungen herumgeführt und um Rat gefragt. Der Oswald brütete wieder über etwas, aber Keiner wusste recht worüber? Die reichen Bauern sagten: "Wir wissen's wohl, es soll wieder über unser Fell hergehen!" Diesmal aber hatten sie sich doch geirrt.

Jedermann war sehr neugierig, als die gesammte Bürgerschaft von Goldental wieder versammelt wurde, um von den Vorgesetzten wichtige Anträge zu hören.

Oswald trat wieder hervor und sprach mit lauter stimme: "Ihr Männer, liebe Mitbürger! E i n M a n n ohne Schuld hat Jedermanns Huld. Unser Dorf hat aber noch Schulden. Wir verzinsen dieselben vom Pachtlande. Besser wäre es, wir behielten den Zins vom Pachtlande Jeder in seinem eigenen Sack, wenigstens zehn Jahre lang oder länger. Damit wäre uns allen geholfen."

Die Leute lachten und sprachen unter sich: "Der Vorschlag ist nicht unbillig."

Oswald fuhr fort zu reden: "Ich und die ehrsamen Beisitzer wollen es übernehmen, dafür gut zu stehen, dass die Gemeindeschuld ganz oder doch grösstenteils abgetragen werden soll, ohne eure Unkosten