in die Falle bringen. Oswald, lieber Oswald, hüte dich vor dem Löwenwirt!"
Oswald küsste Elsbets finstere Stirn und sprach: "Brenzel ist kein grimmiger Löwe; ich sehe, er ist nur ein feiger, schmeichelnder, tückischer Kater. Aber ich will ihm die Pfoten schon lähmen."
Als nun die Vorsteher das erste Mal nebst dem Gemeindeschreiber beisammen sassen, verlangten Ulrich Stark und Oswald vor allen Dingen, die Rechnungen einzusehen und die Gemeindebücher. Aber da fand sich Alles in grosser Unordnung. Vieles war gar nicht ins Protokoll eingetragen. Die Gemeinde hatte bei siebentausend Gulden Schulden. Beinahe die Hälfte war sie dem Löwenwirt schuldig, der sich fünf Prozent zinsen liess, während er Geld zu drei und vier Prozent für sich aufgenommen hatte. Die jährlichen Gemeindssteuern waren meistens für allerlei Unkosten, Bemühungen, Augenscheine und Besichtigungen, für Reisen, Entschädigungen und dergleichen der bisherigen Gemeindsvorsteher darauf gegangen. Besondere Rechnung war darüber nicht geführt, sondern Alles nur in runden Summen ausgestellt. Eben so war es mit den Einkünften des Dorfspitals oder Armenguts gegangen. Mit den Vormundschaftsrechnungen für die Wittwen und Waisen stand es nicht besser. Aus den Waldungen hatte man im Einverständniss mit dem Förster nach Belieben Holz geschlagen und verkauft, wie es hiess, zum Besten der Gemeinde, ohne dass man jetzt wusste, wohin und wie viel. Hatte sich doch der Löwenwirt manchmal selbst gerühmt: "Mein Beil hat schon mehr Holz abgeschlagen, als der beste Hof im ganzen land wert ist." – Genug, es war mit dem Gut der Gemeinde übel gehauset, übel Rechnung gehalten; hingegen sah man wohl, die Herren Vorgesetzten hatten sich dabei nicht vergessen. Es fand sich sogar, dass um den Spottpreis von tausend Gulden ein grosses Stück Gemeindsland verkauft worden war, dass es die Vorsteher gekauft, das Geld noch nicht einmal bezahlt und seit fünf Jahren nicht verzinset hatten. Ferner, dass der Löwenwirt schon vor elf Jahren, im Einverständniss mit seinen Beisitzern, viertausend Gulden Kapital aufgenommen hatte, Namens der Gemeinde; dass dafür die Gemeindswälder unterpfändlich verhaftet worden waren; dass die Gemeinde den Zins unter den übrigen Steuern hatte mitzahlen müssen, und dass das Kapital in den Händen der Vorgesetzten geblieben war.
Da ergrimmte Oswald in seinem Gemüt, und sprach: "Man hat mich nicht in den Gemeindsrat gesetzt, sondern in den Gemeindsstall, der da ist voller Unflat und Verderben. Aber wir wollen den Stall ausmisten, und sollte der Gestank auch durch das ganze Land dringen. Ihr habet, als Vorsteher, n i c h t d a s G e m e i n b e s t e v e r t r e t e n , sondern ihr habet es z e r t r e t e n . Ihr Väter der Wittwen und Waisen habet eure Kinder bestohlen, und den armen Leuten verschimmeltes Brod zugeworfen, während ihr aus ihrem Gute euch Wein und Braten auftischtet. Ihr habet den, der vom feld zwo Rüben stahl, in den harten Kerker geworfen, aber euch weiche Betten gekauft vom Gelde, das ihr der Gemeinde geraubet. Ihr Ottergezücht, die ihr immer von Gerechtigkeit redet und in Ungerechtigkeit schwelget, die ihr immer die Religion im Maule habet und den Teufel in der Brust – wahrlich, wahrlich, ihr sollt ärnten, was ihr gesäet habt: Armut für Hochmut, Galgenholz für Räuberstolz!"
Als dies der Löwenwirt hörte, kam grosses Entsetzen über ihn, dass er im Innersten erzitterte. Er schob die Schuld auf seine ehemaligen Beisitzer, und fiel vor Oswald weinend und heulend nieder, und beschwor denselben bei Allem, was heilig ist, ihn nicht unglücklich zu machen.
Aber noch denselben Tag sendete Oswald einen Bericht an die hohe Obrigkeit, und deckte Alles auf. Und im ganzen dorf war grosser Schrecken und allgemeine Bestürzung; denn so viel Betrug hatte Keiner den ehemaligen Vorstehern zugetraut. Viele wollten es gar nicht glauben, und schalten den Oswald einen Verleumder und Bösewicht, der sich grosses Ansehen geben und unschuldige Leute ins Verderben bringen wolle. Und der Löwenwirt lief umher im dorf und suchte bei seinen Freunden allerlei zeugnis, um sich gegen die schwersten Beschuldigungen sicher zu stellen. Jedoch seine besten Freunde zuckten die Achseln, und wollten sich in das Geschäft nicht mischen. Und schneller, als er vermutete, erschien eine Untersuchungskommission der Regierung. Da kam alle Schändlichkeit ans Tageslicht. Der Löwenwirt ward gefangen hinweggeführt, um vor Gericht beurteilt zu werden. Er ward seiner Stelle entsetzt und kam ins Zuchtaus. Aus seinem Vermögen wurde Vieles von dem wieder ersetzt, um was er die Gemeinde betrogen hatte. So endete der stolze Löwenwirt; denn unrecht Gut gedeihet nicht, und Hochmut kommt vor dem Fall.
Oswald aber wurde zum ersten Vorsteher der Gemeinde ernannt, und ihm ein Ehrenmann aus dem dorf zum dritten Beisitzer erwählt.
über diese schrecklichen begebenheiten hielt der Pfarrer Roderich eine schöne lehrreiche Predigt. Er sagte: "Wenn älteren ungeratene Kinder haben, so muss man nicht nur die Kinder, sondern auch die älteren wegen schlechter Zucht anklagen. Und wenn in einer Gemeinde Schande, Armut und Laster zunehmen, so ist es ein Beweis, dass die Vorgesetzten nichts taugen, sondern Schuld an dem Unglück sind. Aber Gott sendet Jedem seinen jüngsten Tag zu."
23. Die Schulden müssen getilgt werden.
Der Oswald hatte jetzt gar viel zu schaffen. Keiner wusste, was er trieb. Bald lief er in allen Feldern herum, bald tagelang in den Wäldern,